Der Neue Merker

DRESDEN / Semperoper: LIEDERABEND RENÉ PAPE

Dresden / Semperoper: EIN EXZELLENTER LIEDERABEND MIT RENÉ PAPE“ – 17.3.2017

Man kennt René Pape weltweit als sehr gefragten und geschätzten Opernsänger mit der voluminösen, wohlklingenden Bass-Stimme, mit der er die großen Opernrollen seines Faches von Richard Wagner, Richard Strauss, Giuseppe Verdi u. a. mit „bassiger Urgewalt“ singt, aber er ist ein vielseitiger Künstler, der gelegentlich auch sehr überzeugend Songs aus Musicals usw. singt und – wie man sich erst kürzlich wieder bei seinem jüngsten Liederabend in der Semperoper – es war sein dritter an dieser Stelle – überzeugen konnte – ein idealer Liedsänger und -gestalter ist. Trotz großer Opernrollen klingt seine Stimme unverbraucht, hat er sich seine geschmeidige, „samtene“ Stimme mit all ihren Facetten und Feinheiten für dieses Genre bewahrt.

Das eigens für Dresden zusammengestellte Programm verriet viel Geschmack und Sachkenntnis. Die einzelnen Liedgruppen hatten einen zeitlichen oder inhaltlichen Bezug und waren in logischer Folge angeordnet. Er hatte nicht unbedingt nur die bekanntesten und beliebtesten Lieder, die beim Publikum garantiert ankommen, gewählt, sondern auch besonders ausdrucksstarke und weniger bekannte oder selten aufgeführte gewählt und damit wahre Schätze präsentiert, die nur bei allerbester Interpretation auch wirklich beim Publikum ankommen, was ihm voll und ganz gelungen ist.

Als Entree wählte er „keine leichte Kost“, sondern eine weniger bekannte Komposition von Wolfgang Amadeus Mozart, eine von dessen „Gelegenheitsarbeiten“ von hoher musikalischer Qualität und mit philosophisch-freimaurerischem Gedankengut: „Eine kleine deutsche Kantate“ (KV  619): „Die ihr des unermesslichen Weltalls Schöpfer ehrt“, eine Kantate mit liedartigem Charakter und Klavierbegleitung statt des in dieser Kunstgattung sonst üblichen Kammerorchesters.

Camillo Radicke, nicht nur ein einfühlsamer international sehr geschätzter Begleiter am Flügel, sondern auch ein mitgestaltender Partner, stimmte präludierend am Klavier ein. Pape brachte, klangschön und würdevoll mit wohlwollendem Duktus Mozarts und seines Textdichters (F. H. Ziegenhagen) „Friedensbotschaft“ zu Gehör und zeigte damit Mozart von einer ganz anderen Seite als der gewohnten.

„Lieder sind wie ganze Opern, nur komprimiert“ meinte Pape in einem Interview, und das schien ihm Programm zu sein. Er ging auf jedes Lied in seiner Spezifik ein und gestaltete es in all seinen feinen Nuancen und Facetten in Hinsicht auf die Persönlichkeit des Komponisten, der Komposition und des Inhaltes als ein in sich geschlossenes kleines, feines Ganzes.

In diesem Sinne gestaltete er „Sechs Lieder nach Christian Fürchtegott Gellert“ (op. 48) von Ludwig van Beethoven: „Bitten“, „Die Liebe des Nächsten“, „Vom Tode“, „Die Ehre Gottes in der Natur“, „Gottes Macht und Vorsehung“ und „Bußlied“ mit klassischem Feingefühl, stimmlichem Schmelz und besonders klangvoll-geschmeidigem Pianissimo sowie „Sechs Lieder nach Henrich Heine“ aus „Schwanengesang“ (D 957) von Franz Schubert: „Das Fischermädchen“, nach dessen wunderbar stimmungsvoller Interpretation andächtige Stille im Raum herrschte, „Am Meer“, „Die Stadt“, „Der Doppelgänger“, bei dessen souveräner, sehr eindringlicher Gestaltung er die Zuhörer mitfühlen und mitleiden ließ, „Ihr Bild“ und „Der Atlas„, ausdrucksstark und vielschichtig.

Im interpretatorischen „Zwiegespräch“ mit Camillo Radicke am Flügel fand er für jedes Lied in seiner Spezifik den genau richtigen Ton und gestaltete es seinem Inhalt entsprechend geistvoll, sehr ernst oder gefühlsbetont.

Es folgten „Drei Lieder nach William Shakespeare“ (op. 6) des Engländers Roger Quilter (1877-1953), die ersten drei seiner insgesamt 17 Shakespeare-Lieder: „Come Away, Death „, „O Mistress Mine“ und „Blow, Blow, Thou Winter Wind“, sehr kultiviert gesungen, und „Sieben ausgewählte Lieder“ von Jean Sibelius, von denen das letzte „Be Still, My Soul“, Hymne nach einem Thema aus „Finlania“ den besonders strahlenden Abschluss des Liederabends bildete.

Pape sang mit sehr angenehmem Timbre und ausgezeichneter Textverständlichkeit, ob nun deutsch oder englisch, und schöpfte jedes Lied in all seinen Facetten und Feinheiten aus. Da stimmte einfach alles. Er versteht sich auch auf die feinsten Töne, beherrscht alle Facetten vom feinsten Pianissimo bis zum ausdrucksstarken Forte.

Nach dem großen und großartigen Liederabend gestaltete er für das begeisterte und aufmerksam mitgehende Publikum noch einen „kleineren“ aus vier Zugaben. Er stellte sich auch hier ganz speziell auf jedes Lied ein. Sänger und Pianist bildeten eine untrennbare Einheit.

Von ganz anderem Charakter als die bisherigen Lieder erschien „Mir träumte einst ein schöner Traum“ von Edvard Grieg und wohl allen aus der Seele gesprochen, dankte Pape mit Franz Schuberts „An die Musik“ der holden Kunst, die alle begeisterte, und brachte singend auch noch einen anderen Dank zum Ausdruck mit „Ja du weißt es, liebe Seele“ von Richard Strauss, wo er ganz in seinem Element war.

Als 4. Zugabe wählte er noch einmal Franz Schubert, aber diesmal etwas ganz Besonderes, das Melodram „Abschied von der Erde“. Das Melodram, eine einst sehr angesehene Kunstgattung, bei der sich Sprache und Musik begegnen und ineinander übergehen, ist aus der Mode gekommen und fast aus dem Gedächtnis verschwunden. Sie kann in unserer Zeit eher peinlich wirken, wenn sie vom Sänger nicht wirklich beherrscht wird. Pape gelang es, dieses Genre zu „rehabilitieren“. Es war ein Genuss, ihm zuzuhören, denn er beherrscht auch diesen Duktus der melodiösen Sprechweise zur musikalischen Untermalung am Klavier, die sehr feinsinnig von Camillo Radicke ausgeführt wurde. Es war ein musikalisches Erlebnis der besonderen Art wie der gesamte erlebnis- und erkenntnisreiche Liederabend, bei dem sich der Weltklasse-Bass von seiner lyrischen Seite zeigte und den mancher Opernfreund nun erst wirklich mit seinen vielseitigen sängerischen und gestalterischen Fähigkeiten kennengelernt haben dürfte.

Ingrid Gerk

 

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