Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: „LIEBE“ IM ZDF-„SILVESTERKONZERT“ DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT CHRISTIAN THIELEMANN UND NIKOLAJ ZNAIDER

Dresden / Semperoper: „LIEBE“ IM ZDF-„SILVESTERKONZERT“ DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT CHRISTIAN THIELEMANN UND NIKOLAJ ZNAIDER – 30. 12. 2016

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Die Semperoper zu Silvester. Copyright: Matthias Creutzinger

Seit 2010 verabschieden sich Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden vom alten Jahr mit ihrem Silvesterkonzert, und begrüßen zu einem prominenten Sendetermin im ZDF am Vorabend des Jahreswechsels (30.12., 22.30 Uhr) eine große Schar von Fernsehzuschauern. Die Feierlichkeiten um den Jahreswechsel weiten sich aus, so dass jetzt damit schon früher beginnen und später geendet wird. 

Das neue Konzertzimmer, mit 11 kleinen, für diesen Abend stilecht in Sempers Architektur eingebauten, Spiegeln und zwei festlichen Kronleuchtern auf der Bühne sowie der Zuschauerraum, alles in rötliches Licht getaucht, verwandelten die Semperoper in einen großartigen Ballsaal. Eine gekonnte „Licht-Laser-Show“ unterstrich unaufdringlich mit der Musik adäquat den jeweiligen Charakter der dargebotenen Werke.  

Standen bisher vor allem prominente Sängerinnen und Sänger im Mittelpunkt der Silvesterkonzerte und Highlights aus Operetten und Musicals auf dem Programm, so ging es in diesem Silvesterkonzert rein instrumental zu. Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle wendeten sich dem unerschöpflichen, alten und immer wieder neuen Thema „Liebe“ in all ihren Facetten zu, von heiter bis tragisch, amüsant und ironisch bis tödlich wie im Fall von Romeo und Julia.

Temperamentvoll und „schmissig“, flott, leicht und locker, aber auch mit dem nötigen Ernst eröffneten Thielemann und die Sächsische Staatskapelle den Abend mit der „Ouvertüre“ zur Komischen Oper „Donna Diana“ von Emil Nikolaus von Reznicek, wobei es der Paukist zu gut meinte. In Kompositionen des 19. Jahrhunderts noch als „Begleitinstrument“ gedacht, mit dem wirksame Akzente gesetzt werden können, schien hier die Pauke eine Art „Soloinstrument“ werden zu wollen, nun ja, die Jugend liebt es laut.

In ganz anderer Art folgte eines der populärsten Violinkonzerte überhaupt, das seit seinem Bestehen Generationen von Zuhörern fasziniert und als Glanzstück unter den Violinkonzerten gilt, das „Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll (op. 26) von Max Bruch mit Stargast Nikolaj Znaider, 2011 Capell-Virtuos und immer gern gesehener Gast der Sächsischen Staatskapelle. Er sorgte diesmal für eine große Überraschung. Hochvirtuos wie immer, aber anders als in seiner sonst herzhaft männlich-kraftvollen Art, interpretierte er den Solopart überaus lyrisch, zart besaitet, verinnerlicht, mit feinstem Pianissimo, sensibel und feinfühlig, mit viel Emotion, Gefühl und Seele – es ging um Liebe. Znaider vertiefte sich mit ausgesprochen schönem klingendem Ton und manchmal auch Temperament ganz in die empfindsame Seite dieser Musik. Es war eine enorme künstlerische Leistung, der Violine, „seiner“ Guarnerius „del Gesu“, auf der einst schon Fritz Kreisler spielte, so zarte, feinsinnige Töne zu entlocken.

Während Znaider die sanfte, gefühlvolle Seite dieses Konzertes betonte, gestaltete Thielemann die „solofreien“ Passagen mit vollem Orchester und Vehemenz, nahm aber vor jeder Solopassage zurück und gestaltete damit sinnvolle Übergänge. Hier wurde der Kontrast zwischen Solist und Orchester besonders stark betont. Es war nicht das übliche Miteinander, sondern eines, in dem zwei starke künstlerische Persönlichkeiten mit eigenem Stil und Standpunkt aufeinander zugehen. Es war ein Wechselspiel der Gefühle und letztendlich doch ein gemeinsames Ganzes.

Danach wurde es ernst, sehr ernst mit der „Fantasieouvertüre“ „Romeo und Julia“ von Pjotr I. Tschaikowsky, ein weiterer interpretatorischer Höhepunkt, der erschütterte. Bereits der Beginn mit den exzellenten, sensiblen Bläsern, melancholisch, wehmütig schwermütig, klagend, fast düster, stimmte auf die Liebestragödie ein. Das Licht „spielte“ dazu mit, auch in den optimistischeren, schicksalhaften „Szenen“, die aufwühlten und auch wieder besänftigten. Es wurden äußerst feine Details herausgearbeitet, hier mit sehr feinfühliger Pauke und ebensolchen, wohlklingenden Bläsern bis zum lauten, durchdringenden Schluss mit starken Pauken, wie ein Aufschrei – Musik, die unter die Haut ging.

Da es nun einmal Silvester werden wollte, munterte Znaider das Programm mit zwei Walzern von Fritz Kreisler auf: „Liebesleid“ und „Schön Rosmarin“ für Violine und Orchester. Er begann Kreislers träumerisch-schwelgende Violin-Miniaturen mit einem Super-Pianissimo, spielte sehr dezent und zart besaitet auf der Violine, auf der schon Kreisler seine Walzer gespielt haben dürfte, und endete mit einem „pfiffigen“ Ton, denn er hat auch Sinn für Humor.

Den Abschluss des offiziellen Programmes bildete die „Ouvertüre“ zur Oper „Guillaume Tell“ von Gioachino Rossini, bei der der 1. Teil mit dem wunderbar singenden Cello von Norbert Anger, Konzertmeister Violoncelli der Staatskapelle, der die Reihe besonders guter Cellisten auf dieser Position (Jan Vogler, Peter Bruhns, Isang Enders) fortsetzt, eingeleitet wurde und sich danach die „Ruhe und tiefe Einsamkeit, die feierliche Stille der Natur, wenn die menschlichen Leidenschaften schweigen“, wie es Hector Berlioz beschrieb, ausbreiten konnten.

Der 2. Teil folgte mit heftigen Donnerschlägen in Gewitter und Sturm. Die Pauke uferte aus, bis die ländliche Hirtenszene als tonmalerische Idylle einer (Alpen-)Landschaft mit sanften Matten und einem Solo des Englischhorns (Robert Langbein), das von der Flöte (Sabine Kittel) erst als Echo und dann mit besonders schönen Verzierungen beantwortet wurde, so plastisch geschildert wurde, dass die Landschaft vor dem geistigen Auge des Zuhörers entstehen konnte, bis dann im 4. Teil nach einer sehr schönen Trompetenfanfare der abschließende Galopp wie eine wild heransprengende Reiterkohorte, die alles hinwegfegt, wieder sehr plastisch geschildert wurde.

Mit zwei heiteren Zugaben verabschiedeten sich Nikolaj Znaider, Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle von dem begeisterten Publikum und vom alten Jahr mit Hinblick auf ein neues, sehr vielversprechendes Konzertjahr.

 Ingrid Gerk

 

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