Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: LES TROYENS / DIE TROJANER- ein triumphaler Erfolg für Christa Mayer und dem Sächsischen Staatsopernchor. Premiere

Dresden / Semperoper: TRIUMPHALER ERFOLG FÜR CHRISTA MAYER UND DEN SÄCHSISCHEN STAATSOPERNCHOR BEI DER PREMIERE VON „LES TROYENS / DIE TROJANER“ – 3.10.2017

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Christa Mayer
, “einsame Spitze“ als einsame, verlassene Königin Didon. © Forster

Seit einiger Zeit wirbt in Dresdens Innenstadt ein großes Poster mit riesigem (modernem) Kriegsschiff am Kai, in dessen Schatten sich einige sorglose Urlauber im schmutzig-grauen Sand „sonnen“, für die erste Premiere der neuen Saison an der Semperoper: „Les Troyens/Die Trojaner“ von Hector Berlioz – ein Synonym für eine widersprüchliche Inszenierung zwischen Gefahr und Sorglosigkeit über die Trojaner, die Cassandres Warnungen ignorierend, im Siegestaumel und ihrer Ruhe nicht gestört werden wollen – und untergehen.

Berlioz komponierte seine Grand opéra (Originalbezeichnung: „Poëme Lyrique“) in fünf Akten zwischen 1856 und 1858 auf ein eigenes Libretto nach Vergils „Aeneis“ und integrierte den Text der Liebesszene (zwischen Jessica und Lorenzo) aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“. Es wurde ein gewaltiges Werk mit großem Chor und großem Orchester, das auch große und vor allem gute Stimmen erfordert.

Die Premiere an der Semperoper stand zunächst unter keinem besonders guten Stern. Der ursprünglich für die Partie des Énée vorgesehene Tenor Eric Cutler trat während der Proben zurück, zwei Dirigenten ebenso. Zudem fand am gleichen Tag, dem Tag der Deutschen Einheit, die Wiedereröffnung der Berliner Staatsoper Unter den Linden statt, bei der ebenfalls ein relativ selten aufgeführtes Werk, die „Szenen aus Goethes Faust“ von Robert Schumann unter Daniel Barenboim auf dem Programm stand – zwei große Ereignisse an einem Tag, bei denen die Opernfreunde ihre Aufmerksamkeit zwangsläufig teilen mussten.

Die ursprünglich in zwei Teilen (1. und 2. Akt und  (3. – 5. Akt), die auch separat gegeben werden können, für zwei Abende konzipierte Oper wurde zu Berlioz’ Lebzeiten (1803–1869) nie komplett aufgeführt. Zunächst wurde nur der 2. Teil „ Les Troyens à Carthage“ gegeben (1863) und nach Berlioz‘ Tod (1879) der 1. Teil „La prise de Troie“. Die erste vollständige Gesamtaufführung fand erst 1890 an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Karlsruhe statt. Über längere Zeit wurde das Werk nur in gekürzten und stark bearbeiteten Fassungen gespielt. Erst 1950 gab es in Boston eine Aufführung beider Teile an einem Abend. 1969 wurde erstmals in Glasgow und unter der Leitung von Colin Davis in London (Covent Garden) die vollständige Fassung nach der neuen kritischen Ausgabe gespielt.

 In Dresden entschied man sich für die vollständige Fassung (mit einigen Strichen) – Aufführungsdauer: 5 Stunden, einschließlich zwei 30minütiger Pausen, nach denen die Lücken in den Zuschauerreihen jedes Mal etwas größer wurden. Das muss aber nicht so bleiben, denn musikalisch hat die Oper einiges zu bieten. Die ansprechende Musik von Berlioz und vor allem die sängerische Glanzleistung von Christa Mayer und dem Sächsischen Staatsopernchor, der am 8.10. sein 200jähriges Bestehen feiert,  dürften die Besucher anlocken –  wenn man über die zwiespältige Inszenierung hinwegsieht.

Die amerikanische Regisseurin Lydia Steier macht ein halb modernes, halb historisches Drama mit Kostümen und typischen Verhaltensweisen zwischen Pariser Weltausstellung, Jahrhundertwende in Sachsen, sozialistischem Russland mit Hammer und Sichel, national Spezifischem verschiedener Völker, Exotischem, Operetten- und Revueartigem und sehr Volkstümlichem bis hin zum bayrischen Bierfass-Anstich durch den König daraus. Folkloristische Kostüme, vom Balkan und Griechenland und – wie es schien – auch von der Ukraine und Russland inspiriert, machen das bunte Treiben komplett, bei dem auch ein bisschen (volkstümlich) getanzt wird (als minimaler „Ersatz“ für die ursprünglichen Ballett-Einlagen?) – keine Spur von J. J. Winckelmanns Antikenbegriff der „edlen Einfalt und stillen Größe“, die auch Berlioz‘ im Sinn gehabt haben soll.

Das als gemalter Vorhang im Hintergrund fantasievoll erscheinende „Königl. Sächs. Hoftheater“ gibt später den Blick auf eine antike vorderasiatische Landschaft beim Aufbruch der Trojaner nach Italien frei (Bühnenbild: Stefan Heyne, Kostüme: Gianluca Falaschi). Énée erscheint in schillernd bunter Luxus-Uniform a la Operette. Ein „gusseiserner“, drehbarer Turm, Konzertpavillon oder Aussichtsturm mit integriertem Chambre Séparée oder Schlafgemach in einer Ruine (auch das ist nicht neu), könnte zwar in Karthago beim Bau-Boom eine Art „Turmbau zu Babel“ assoziieren, andererseits aber auch eine erzgebirgische Weihnachtspyramide, die eine Verbindung zu den an die englische Garde oder auch an hölzerne Nussknacker erinnernden Kostümen der Krieger herstellt. Alles wirkt befremdlich und wenig schlüssig. Ohne die in Deutsch und Englisch eingeblendeten Texte wüsste man nicht, wann und wo die Oper eigentlich spielt.

Warum ausgerechnet das unmittelbar vor der Semperoper stehende König-Johann-Denkmal auf steinernem Sockel, das in der damaligen sowjetischen Besatzungszone wegen der literarischen Verdienste des dargestellten Königs (er übersetzte u. a. Dantes „Göttliche Komödie“) als einziges stehen bleiben durfte, als Trojanisches Pferd herhalten muss, das bekanntlich aus Holz bestand, erschließt sich einfach nicht. In diesem Pferdebauch hätte kaum ein Krieger Platz, geschweige denn, mehrere.

Steier illustriert nicht Geschichte, sondern erzählt aneinandergereihte „Geschichten“, die nicht immer so ganz zusammenpassen wollen, und bewegt sich dabei oft auch an der Grenze zum guten Geschmack. Alles, was irgendwie Effekt machen könnte, wurde hineingepackt, „Gags“, die sich schon seit Jahrzehnten abgenutzt haben, tauchen wieder auf.  

Da kommt der Bote per Fahrrad auf die Bühne, erscheint immer wieder das in vielen Inszenierungen symbolhafte Kind, spielt der junge Ascagne, Sohn des Énée, der hier mehr als Kind, denn als junger Mann dargestellt wird, mit einer Pistole und richtet sie immer wieder auf das Publikum (gab es alles schon oft), müssen Kinderwagen und Rollstuhl auf die Bühne, geistliche Würdenträger und fromme Schwestern, Brutalität und Obszönität, alles überzogen, ins Lächerliche gezerrt oder sehr naturalistisch dargestellt – von Antike keine Spur. Es wirbelt alles vorüber, einschließlich bescheidener Artisten zur „Siegesfeier“ des gesamten Volkes mit „Art of Flame“ (Katja Bretschneider), Jongleur (André As), „Seifenblasenmann“ (Björn Böttcher), „Rotierender Ring“ (Ronny Robix) und „Stelzenkünstler“ (Tasso Witopil) – und überzeugt nicht.

… und Steier ging noch einen Schritt weiter. Brutalität und Grausamkeit werden optisch und akustisch sehr deutlich gemacht. Da heult eine Witwe in Trauer um ihren ermordeten Gatten immer wieder laut und hörbar zur Musik auf und bricht zusammen, wird die blutüberströmte Leiche des von zwei Meeresschlangen getöteten Priesters Laokoon hereingetragen und „aufgebockt“ (auf zwei hölzernen Böcken), beim „Defilee“ brechen einige Frauen zusammen usw. Da gibt es eine (moderne) Hinrichtung der Honoratioren des besiegten Volkes, Leichenfledderei, eine im wahrsten Sinne des Wortes in aller Offenheit versuchte Vergewaltigung und, und, und …

Cassandre, die das Unheil vorausgesehen hat, erhängt sich an einer lächerlichen Schlinge, als es eintritt, befreit sich aber wieder, drangsaliert ihre Gefährtinnen, die sich dem gemeinsamen Suizid widersetzen, nachdem sich die erste dilletantisch die Pulsader aufgeritzt hat, ersticht einige von ihnen bis die Eingeweide herausquellen und kommt anschließend vor den Vorhang um den Beifall des Publikums am Ende des 1. Teils in Empfang zu nehmen.

Es sollte vielleicht effektvoll, revueartig und unterhaltsam sein. Diese Art „Unterhaltsamkeit“ erinnert aber eher an die Worte des Literaturpapstes Reich-Ranitzki: „… ja, ich habe mich unterhalten, aber unter Niveau“. Die Regisseurin hatte sich offenbar einen sensationellen Erfolg erhofft und war sichtlich enttäuscht über die massiven Buh-Rufe aus dem Publikum, gegen die die wenigen Bravo-Rufer nicht ankamen.

Ganz anders wurde die großartige Christa Mayer als Königin Didon mit ihrer Bühnenpräsenz, ihrer wunderbar klingenden Stimme und faszinierenden Ausdrucksfähigkeit zu Recht vom Publikum mit einhelligem Applaus und wiederholtem „Bravo-Regen“ gefeiert. Sie war das sängerische Glanzlicht des Abends und überstrahlte alle anderen 16 Sänger-Darsteller, selbst die zuverlässige, ausdrucksstarke Jennifer Holloway mit ihren Qualitäten als Cassandre, die im Gegensatz zu den bunten Kostümen des Volkes als Königstochter in eher strenger „Lyzeums-Kleidung“ erschien, später in Weiß und schließlich als stummer Schatten neben Didon, gekonnt ausgeleuchtet (Beleuchtung: Fabio Antoci), sowie die ebenfalls ihrer Rolle trotz inszenatorischer Darstellung zwischen burschikos-kuragiertem „Mannweib“ im Overall und Mauerblümchen mit Brille, Dutt und Altfrauenkleid überzeugende Agnieszka Rehlis als Anna, die entgegen ihrem platten Outfit den Ausdruck in der Stimme hatte.

Als Énée war der US-amerikanische Tenor Bryan Register eingesprungen. Er bewältigte die Partie, abgesehen von leichten, aber nicht überhörbaren Problemen in der Höhe, technisch gut und mit Kondition bis zum Schluss, nur fehlte seiner Stimme der gute Klang, über den Emily Dorn als sein Sohn Ascagne, Christoph Pohl als Chorèbe (wenn auch etwas zurückhaltender als sonst) und Evan Hughes als Narbal verfügten.

In weiteren Rollen überzeugten Ute Selbig als Hécube, Roxana Incontrera als Polyxene,  Angela Schlabinger als Andromague, Ashley Holland als Panthée, Joel Prieto als Iopas, Simeon Esper als (Hylas/Hélénus und Chao Deng (Junges Ensemble) als Priam sowie Matthias Henneberg und Mitglieder des Jungen Ensembles als Soldaten und Schatten verstorbener Helden und Götter.

Ein Sonderlob verdient der Sächsische Staatsopernchor in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen, der bei den gewaltigen Chören die Balance zwischen massiver Wucht und Ausdrucksstärke mit wohldurchdachter Transparenz und Klangschönheit beherrschte und vorzügliche Massenszenen wie auch einen sehr schönen Frauenchor präsentierte, und auch der Kinderchor unter Claudia Sebastian-Bertsch.

John Fiore leitete die Sächsische Staatskapelle Dresden und hielt den großen Apparat an Ausführenden vor, auf und hinter der Bühne, einschließlich Proszenium, zusammen, orientierte auf Schönklang mit prachtvollen Bläsern, die besondere Spezialität der Sächsischen Staatskapelle, aber auch auf lautstarke Dramatik in den sich zuspitzenden Handlungssituationen.

Die Premiere war ein Triumpf für Christa Mayer, die sich nach ihrer außergewöhnlichen Brangäne in Bayreuth damit endgültig in die vorderste Reihe gesungen haben dürfte und den immer wieder mit seiner Qualität überraschenden Sächsischen Staatsopernchor unter Jörn Hinnerk Andresen, der auch diese enorme Aufgabe mit Bravour meisterte. Das dürfte sich herumsprechen, denn das Weitersagen des Publikums ist noch immer die beste Werbung – auch für diese allgemein wenig bekannte, aber hochinteressante Oper.

Ingrid Gerk

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