Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: LE NOZZE DI FIGARO. Neuinszenierung

Dresden / Semperoper: „LE NOZZE DI FIGARO“ – 4. NEUINSZENIERUNG SEIT WIEDERERÖFFNUING DER SEMEROPER – 23.6. 2015. Pr. 20.6.2015

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Die Sängerinnen und Sänger hatten es nicht leicht: Christoph Pohl (Il Conte d’Almaviva), Christina Bock (Cherubino), Emily Dorn (Susanna), Zachary Nelson (Figaro), Aaron Pegram (Don Basilio), Sächsischer Staatsopernchor Dresden. Copyright: Matthias Creutziger

Kurz vor Verabschiedung in die Sommerpause gab es an der Semperoper noch eine Premiere, die 4. Neuinszenierung von „Le nozze di Figaro“ seit der Wiedereröffnung des Opernhauses (1985). Zweifellos war die Commedia dell’arte auf dem Entwicklungsweg der Oper eine wesentliche Stufe, auf deren Grundlage die Gattung bis zu höchstem Niveau gesteigert wurde. W. A. Mozart und sein Textdichter da Ponte haben sich über die primitiven Theatermanieren ihrer Zeit hinweggesetzt und eine allgemeingültige Form auf hohem Niveau geschaffen.

 Johannes Erath führte eine von Mozarts besten Opern in seiner Inszenierung als „Zeitreise durch die Epochen“ wieder zurück auf Komödienniveau und Barock-Rokokotheater, das eher einer „Durchschnittsbühne“ gleicht, bis hin zur nicht mehr aufregenden Badeparty, angereichert mit zahlreichen „Sex“-Szenen, wo „jeder mit jedem“ gleich „voll zur Sache“ geht, selbst Susanna mit dem Grafen, der Graf mit Barbarina (was selbst da Ponte entging), die Gräfin mit Cherubino usw., so dass auch der letzte Rest prickelnder Szenen mit feiner Erotik, der ursprüngliche Zündstoff, Zeit- und Gesellschaftskritik und der geistige Anspruch die von Katrin Connan im Wesentlichen mit Fall- und anderen Türen, auch denen eines (IKEA )Schrankes, mit und ohne Symbolgehalt eingesetzt, hinunterrutscht. Es gibt viel (Bühnen-)Lärm um nichts Notwendiges, Schaukeln, Puppenkiste, Hochzeitstorten-Püppchen und Barbierstuhl als Reminiszenz an den „Barbier von Sevilla“, der inhaltlich vorausgehenden Oper einer Operntrilogie, deren 3. Teil (vermutlich zu Recht) vergessen ist. Es werden auch die technischen Möglichkeiten der Bühne genutzt. Die selten eingesetzten Hubpodien der Bühnentechnik werden hier in großer Zahl sichtbar, man fragt sich nur wozu eigentlich?

 Die nicht ganz „stilecht“ den beabsichtigten Epochen zuzuordnenden Kostüme (Birgit Wentsch und Noelle Blancpain)) sind auch nicht dazu angetan, das Niveau zu heben. Es ist eine abwechslungsreiche Inszenierung mit bühnenwirksamen Elementen und Bildern, von denen man viele so oder ähnlich schon in den vergangenen Jahrzehnten in anderen Inszenierungen gesehen hat. Sie ist bunt und kurzweilig und wird Gelegenheits-Opernbesuchern und Touristen gefallen, den Musik- und Opernfans weniger, und wie sollen die Jugendlichen, die doch hin und wieder auch interessiert das Opernhaus betreten, den tatsächlichen Inhalt und Sinn dieser Oper erkennen?

 Am Ende siegt immer die Musik, vor allem wenn sie so liebevoll, klangschön, gut abgestimmt und emotionsreich von der Sächsischen Staatskapelle Dresden geboten wird. Wenn sie auch hier bei der Regie nicht die entscheidende Rolle spielt, bildete sie doch Basis und verbindendes Element der Aufführung. Sie begleitete klangschön und niveauvoll und ergänzte den Gesang. Die Musiker spielen „ihren“ Mozart „im Schlaf“ mit traumwandlerischer Sicherheit und Klangschönheit, mit und ohne Dirigent, denn Omer Meir Welber saß zuweilen bei den ersten Akten am Hammerklavier, um die Rezitative zu begleiten.

 Trotz leichter Diskrepanzen zwischen Sängern und Orchester und eingefügter musikalischer „Zugaben“ wie langem Schlagzeugwirbel beim Drehen des oft als „Regieeinfall“ benutzten Schrankes mit seinen Türen auf der Vorder- und Rückseite, Bandoneon-Klängen usw. konnte man mit dem musikalischen Teil ganz zufrieden sein. Die Kapelle ließ kaum Wünsche offen.

 Das war speziell bei Susannas „Rosenarie“ der Fall, wo die Sopranstimme von Emily Dorn gefühlvoll als „liebende Seele“ eine Symbiose mit dem Orchester einging, die bei Mozarts Musik und speziell bei dieser Arie „in der Luft liegt“, auch wenn Susanna dabei im Rahmen einer Bademantel-, Schlafanzug- und Hollywoodschaukel-Party im gräflichen Park mit „Schlapper-Shirt“, in sich zusammengesunken, auf einer (Mauer-)Kante hockt. Nur die Gräfin darf (aus Autoritätsgründen) ihr elegantes Kleid anbehalten, selbst wenn sie mit Susanna nur die Perücken, nicht „die Kleider tauscht“, was dennoch erstaunlicherweise zu Verwechslungen führt. Sara-Jane Brandon gab in dieser Rolle ihr Debüt mit ansprechender Stimme und Exaktheit. Allerdings hätte man sich von der Contessa d’Almaviva noch etwas mehr Ausstrahlung gewünscht. Christoph Pohl war ein Graf mit guter Stimme und Profil, der auch aus künstlerischer Sicht die maßgebende Person war, was man von seinem Widersacher Figaro alias Zachary Nelson nicht unbedingt behaupten konnte, hatte er es doch nicht leicht, bei den geforderten sportlichen Aktivitäten auch noch zu singen (!), selbst auf dem Rücken liegend, vor seiner ersten großen Arie. Mit etwas staksiger Gestalt aber guter, kräftiger Stimme bot Christina Bock einen glaubhaften Cherubino. Eine hübsche, wenn auch äußerlich mit ihrer rothaarigen Pony-Perücke eher kesse, Barbarina mit schöner Stimme war Tuuli Takala, Matthias Hennebereg hingegen ein Bartolo mit ein paar Phon (oder Bel) in der Stimme zu viel. Karin Lovelius machte Figur als Marzelline, vor allem durch ihre vornehme Haltung und ihr Spiel. Einen guten Eindruck bei den kleineren Rollen hinterließ der immer zuverlässige Gerald Hupach als Don Curzio. Weniger überzeugen konnten Aaron Pegram als Don Basilio und Alexander Hasjek als stimmlich schwacher Gärtner Antonio.

 Der Chor der Sächsischen Staatsoper Dresden (Wolfram Tetzner) war in seinen Reihen gut abgestimmt und auch mit dem Orchester. Er steuerte niveauvolle Spielfreude bei.

 Ingrid Gerk

 

 

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