Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper/ Kulturpalast/ Palais/ Kirchen: STREIFLICHTER DER 40. DRESDNER MUSIKFESTSPIELE IM RÜCKBLICK

Dresden / Semperoper, Kulturpalast, Palais, Kirchen u. a.: STREIFLICHTER DER 40. DRESDNER MUSIKFESTSPIELE IM RÜCKBLICK 18.5. – 18.6.2017

„LICHT“ war das Motto des 40. Jahrganges der Dresdner Musikfestspiele. Das Lebenselixier der Menschheit, Vision der Zukunft, Symbol der Aufklärung, Freiheit und Erneuerung stand im Fokus der 60 Veranstaltungen im Jubiläumsjahr, bei denen es viel Licht und nur wenig Schatten gab.

Bereits das ERÖFFNUNGSKONZERT (18.5.) mit ANNE-SOPHIE MUTTER in der Semperoper war ein besonderer Lichtblick, dem progressiven Anliegen der Musikfestspiele entsprechend, begann sie mit „Nostalghia“ für Violine und Streichorchester, einem Werk des zeitgenössischen Komponisten Tóru Takemitsu und zog danach mit ihrer meisterhaften Interpretation des „Violinkonzertes Nr. 1 g‑Moll“ (op. 26) von Max Bruch, mit höchster technischer Akribie, ursprünglicher Musikalität und intensivem Stilempfinden, kurz ihrer immer wieder faszinierenden Art und nie versiegendem Charme zusammen mit Philharmonia Zürich unter Fabio Luisi, der damit zum ersten Mal wieder an die Semperoper, den Ort seines ehemaligen Wirkens zurückkehrte, die sehr aufmerksamen Zuhörer in ihren Bann. Mit der „Sinfonie Nr. 4 e‑Moll“ (op. 98) von Johannes Brahms rundeten Philharmonia Zürich und Fabio Luisi das gelungene Konzert mit opulenter Klanglichkeit ab.

Vor dem offiziellen Eröffnungskonzert gab es bereits ein Sonderkonzert im Rahmen der Eröffnung des neuen Konzertsaales im Kulturpalast (30.4.) mit dem Dresdner Festspielorchester, Ivor Bolton am Dirigentenpult, Nicola Benedetti, Violine, Intendant Jan Vogler, der sein Cellospiel weiterhin pflegt, und Alexander Melnikov, Klavier mit Werken von C. M. v. Weber (Ouvertüre zu „Der Freischütz“), L. v. Beethoven („Tripelkonzert“) und R. Schumann („Sinfonie Nr. 4 d‑Moll“).

Einen besonderen Platz nehmen im Rahmen der Musikfestspiele die großen renommierten Orchester der Welt ein. In diesem Jahr gastierten u. a. das Orchester des Mariinsky-Theaters unter Valery Gergiev, das City of Birmingham Symphony Orchestra unter Gustavo Gimeno und Jan Vogler als Solist des Cellokonzertes von Benjamin Britten, das HR‑Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada und die Tschechische Philharmonie, deren Konzert unter dem traurigen Ereignis des unerwarteten Todes von Jiri Bélohlávek stand.

Das LONDON PHILHARMONIC ORCHERSTRA gab unter der Leitung von Vladimir Jurowski an zwei Abenden Konzerte im Kulturpalast, einmal mit Jan Lisiecki als Solist des „Klavierkonzertes Nr. 1 b‑Moll“ von Frédéric Chopin und Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4 G‑Dur“ mit der Sopranistin Sofia Fomina (22.5.) und am nächsten Tag (23.5.) mit Steven Isserlis, der am Originalort der berühmten Uhrenmanufaktur in Glashütte (24.5.) den »Glashütte Original MusikFestspielPreis« erhielt, als Solist des selten zu hörenden „Konzertes für Violoncello und Orchester e‑Moll“ (op. 58) von Sergej Prokofjew.  Eröffnet wurde das Konzert mit der hinsichtlich „Walzerseligkeit“ „gebremsten“ „Walzer-Fantasie h‑Moll“ von Michail Glinka und ergänzt durch die mit viel Verständnis für die Musik Dmitri Schostakowischs interpretierte „Sinfonie Nr. 15 A‑Dur“ (op. 141).

Das CURTIS SYMPHONY ORCHESTRA unter Osmo Vänskä brachte das „Klavierkonzert Nr. 1“ (op. 15) von Johannes Brahms‘ mit Peter Serkin am Klavier mehr rational als euphorisch und die eher selbstironische als sich „beweihräuchernde“ Sinfonische Dichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss zu Gehör (24.5.).

 Ein mit Spannung erwartetes Highlight war der Abend mit der PRAGUE PHILHARMONIA unter EMMANUEL VILLAUME mit DIANA DAMRAU, Sopran und NICOLAS TESTÉ, Bassbariton (21.5.) in der Semperoper. Mit ihrem Mann teilte sie sich die großen Arien von Vincenzo Bellini, Jules Massenet, Giacomo Meyerbeer, Amilcare Ponchielli und Ambroise Thomas. Während er seinen Teil mit Solidität bewältigte und in diesem Rahmen „artfremd“ die Arie des Daland aus dem „Fliegenden Holländer“ beisteuerte, blühte ihr schlanker, höhensicherer Sopran nach anfänglicher Zurückhaltung bis zu der von ihr erwarteten hohen Qualität von Arie zu Arie auf.

 Immer wieder auch in Dresden gern gehört, kamen DIE 12 CELLISTEN DER BERLINER PHILHARMONIKER, diesmal in die Semperoper (28.5.). Mit ihrem breit gefächerten Programm vom mit klangschöner Hingabe gespielten „Hymnus“ von Julius Klengel, der seinerzeit damit seinem Chef beim Leipziger Gewandhausorchester, Arthur Nikisch zum 65. Geburtstag gratulierte und dem letztendlich die 12 Cellisten ihr Entstehen als festes Ensemble mit hoher Wertschätzung verdanken, über Boris Blacher, Spirituals, Bearbeitungen von Komponisten des 20. Jh. (George Shearig, Juan Tizol, Horazio Salgán) führte ihr Programm bis hin zu Astor Piazolla und José Carli (*1931) – Unterhaltungsmusik im besten Sinne und auf sehr hohem Niveau in erstklassiger Ausführung.

 Das Weingut Schloss Wackerbarth in Radebeul, einer idyllisch an Weinhängen gelegenen Stadt vor den Toren Dresdens ist schon wegen des gepflegten Areals immer einen Ausflug wert, wenn auch die Konzerte in der etwas nüchternen, akustisch aber nicht ungünstigen Abfüllhalle über dem reifenden Wein stattfinden. Der junge chinesische Pianist Zhang Shenglian, Künstlername NIU NIU, bot ein KLAVIERREZITAL auf dem Steinway-Flügel mit technischer Perfektion und viel Musikalität und Einfühlungsvermögen in die „Nocturnes c‑Moll op. 48 Nr. 1 und E‑Dur op. 62 Nr. 2 sowie den „Impromptus Nr. 2 Fis‑Dur op. 36 und Nr. 3 Ges-Dur op. 51 von Frédéric Chopin und, „ganz dem Gefühl folgend“, die „Fantasie C‑Dur“ op. 17 von Robert Schumann, entsprechend den Satzbezeichnungen leidenschaftlich und dann auch wieder getragen gespielt. Bei der „Sonate für Klavier h‑Moll“ (S 178) von Franz Liszt brillierter er mit hoher pianistischer Virtuosität.

Mäuschenstill und absolut gebannt lauschten die Zuhörer bis zum Schluss seinem intensiven Vortrag der anspruchsvollen Werke mit teils kraftvollem Spiel, atemberaubendem Tempo, äußerst brillanten Läufen und einer breiten Skala an Ausdrucksnuancen, wobei er stets dem Charakter der jeweiligen Komposition gerecht wurde. Sein Können und sein bescheidenes Auftreten machten ihn besonders sympathisch, so dass ihn das begeisterte Publikum erst nach zwei Zugaben (Liszt und Chopin) entließ.

 Neben den „klassischen Konzerten“ wird auch Crossover bei den Musikfestspielen groß geschrieben. Als eine „Perle“ der besonderen Art in der bunten Kette der Veranstaltungen hatte der Abend mit MAX RAABE & PALAST ORCHESTER im Kulturpalast (30.5.) besondere Anziehungskraft. „Küssen kann“ der humorvolle Charmeur Matthias Otto alias Max Raabe „nicht alleine“, aber einen Konzertsaal mit einem kurzweilig unterhaltsamen Abend mit Niveau und wohlmeinendem Augenzwinkern in Caféhaus-Atmosphäre zu verwandeln, das kann er bestens. Um die Spannung „anzuheizen“, machte er sich erst einmal 10 Minuten lang rar, um dann mit „Lasst mich rein, ich hör Musik“ den Saal zu betreten. Für Musik sorgte er dann selbst mit seinen „ollen“ bekannten und immer wieder beliebten Songs, Chansons und Evergreens aus den 1920er/30er Jahren, aber auch mit den gleichfalls beliebten Neuschöpfungen wie „Kein Schwein ruft mich an“ und auch bis dato unbekannteren, stets einschmeichelnd, schmelzend oder mit überlegener Ironie gesungen, von seinem Palast Orchester kongenial „untermalt“, mit eigenen witzigen verbindenden Worten gewürzt, in drei verschiedenen „Outfits“ – stets elegant, versteht sich – auch optisch unterstrichen und den Saal von Farbscheinwerfern in verschiedene Farbnuancen getaucht.

 Ganz anders hingegen BRYN TERFEL mit seinem erlesenen Liederabend im gleichen Saal (31.5.). Hier stand das Kunstlied, die große Kunst des Liedgesanges, im Vordergrund. Mit lockerem Gang und strahlendem Gesicht betrat der Bassbariton, der stimmgewaltige, ausdrucksstarke Verkörperer der Helden in Richard Wagners Opern, die Bühne und wandte sich mit gleicher Intensität und großem Einfühlungsvermögen hier der kleinen, feinen Form des Liedgesanges zu.

Den ersten Teil widmete er den mit innerer Anteilnahme gesungenen Liedern seiner Walisischen Heimat, zu denen er ein besonderes Verhältnis hat, etwas derbe Schönheiten mit dem Duktus der rauen Welt zwischen Meer und hartem bäuerlichem Leben. Obwohl diese Lieder in unseren Breiten kaum bekannt sind und die Originalsprache für einen Outsider nicht zu verstehen ist, lauschte das Publikum gebannt den herben, derben Schönheiten, die er mit eigenen fesselnden, erläuternden Worten verband.

Für das romantische Lied, das erwartungsgemäß zu einem Liederabend gehört, wählte er nicht die oft gesungenen Liederzyklen, sondern eher selten zu hörende, geniale Lieder von Robert Schumann, den wie ein kleines grausiges Drama interpretierten „Beltsazar“ sowie drei lieblichere Lieder aus „Myrten“ und von Franz SchubertGruppe aus dem Tartarus„, „Liebesbotschaft„, „Das Fischermädchen„, „Auf dem Wasser zu singen“ und „Die Taubenpost„, die er tiefauslotend und mit sehr guter Textverständlichkeit sang. Obwohl es jetzt üblich ist, reine Liedprogramme zu gestalten, komplettierte er den Abend mit zwei hervorragend gesungen Arien, was früher durchaus üblich war: „Le beau d’or“ aus der Oper „Faust“ von Charles Gounod und „Son lo spirito che nega“ aus „Mefistofele“ von Arrigo Boito.

 Wesentlichen Anteil am Gelingen dieses Abends hatte auch der geniale Begleiter und Mitgestalter am Flügel Eugene Asti, der alle Wendungen und Stilwechsel auf gleicher Wellenlänge „nahtlos“ mitgestaltete. Das Publikum entließ beide erst nach zwei Zugaben, Schuberts weihevoll gesungener „Litanei auf das Fest Allerseelen„, der die Zuhörer andächtig lauschten und – im harten Kontrast dazu – die Szene des Milchmanns Tewje, der nur ein kleines bisschen reich sein wollte, wozu Terfel sein Jackett demonstrativ auf den Boden warf und damit den ersten Teil seines Liedvortrags, wo es ebenfalls um harte Arbeit und Träumen als einzige Hoffnung ging, tangierte.

Da Dresden erst seit Ende April über einen guten Konzertsaal, den der Philharmonie im Kulturpalast, verfügt, der naturgemäß erst einmal stark gefragt ist, wurden u. a. auch Dresdens große Kirchen als „Konzertsäle“ mit einbezogen, nicht immer ganz passend hinsichtlich „Rahmen“ und Akustik.

 In der Martin-Luther-Kirche, einer großen neugotischen Kirche, boten das B’ROCK ORCHESTRA & RENÉ JACOBS (9.6.) nicht etwa ein Barock- oder Rock-Konzert, und auch kein rockiges Barockkonzert, sondern ein reines „volkstümliches“ Mozart-Programm mit Ausschnitten aus seinen bekanntesten Opern und Sinfonien, das sehr viele Besucher voller Erwartungen angezogen hatte, obwohl Programm und Raum nicht so recht zueinander passen wollten und mit dem Programm eigentlich „Eulen nach Athen getragen“ wurden, da an der Semperoper „Die Hochzeit des Figaro“ und „Die Zauberflöte“ immer wieder neu inszeniert werden und permanent im Spielplan stehen (auch jetzt). Mozart genießt nach wie vor die große Gunst des Publikums.

Die Palette der Nummern reichte von der dynamisch musizierten Ouvertüre zu „Die Hochzeit des Figaro“ bis zu „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus der „Zauberflöte„. René Jacobs, Spezialist für Alte Musik, bewies viel Gespür für Mozarts Musik, und fügte auch kleine wirksame Effekte ein. Das Orchester gab sein Bestes bei der Begleitung der Arien und einzelnen Sätzen aus „Haffner-“ und „Juiter-Sinfonie“ und kam noch am ehesten mit der Akustik klar. Möglicherweise hatten die Bläser kleine technische Probleme, die aber kaum auffielen, da sie sich sehr zurückhielten.

Die norwegische Sopranistin Mari Eriksmoen, „Stammgast“ am Theater an der Wien und der norwegische Bariton/Bass Johannes Weisser präsentierten ihre Vielseitigkeit, indem sie in die verschiedensten Rollen schlüpften, Pamina und Cherubino, Figaro und Graf Almaviva, nicht immer exakt bis ins i-Tüpfelchen gesungen, aber mit Stimmkraft, guter Textverständlichkeit und eigenen Verzierungen und gut und publikumswirksam gestaltet. Es hätte ein Abend der musikalischen Genüsse werden können, was aber die ungeeignete Akustik verhinderte. Obwohl Mozarts Messen in dieser Kirche gut klingen, war die Akustik für das Opernprogramm völlig ungeeignet, bei Piano  und Mezzoforte noch akzeptabel, „verschwammen“ die Töne im Forte, sowohl beim Gesang als auch bei rein instrumentalen Sätzen. Trotzdem war das Publikum begeistert und wurde für seinen freudigen Applaus mit dem „Pa Pa Pa“- Duett von Papageno und Papagena bei ihrem glückseligen Happy End bedankt. Vielleicht hatte der Abend dennoch der „Klassik“ neue Freunde gewonnen.

Ja, ja die Kritik hat immer etwas zu beanstanden, was die Ausführenden manchmal schmerzt, wie Intendant Jan Vogler bei seinen einführenden Worten zum QUARTETT DER KRITIKER bemerkte, das zum 4. Mal im Festsaal des Coselpalais‘ tagte (10.6.). Trotzdem sei es schade, dass die Musikkritik zur aussterbenden Spezies wird – zumindest in den Tageszeitungen der USA. Weniger schmerzend besprachen daraufhin Albrecht Thiemann („Opernwelt“) als führende Kritikerstimme und „Moderator“, Susanne Benda („Stuttgarter Nachrichten“), Manuel Brug („Die Welt“), sowie für die erkrankte Eleonore Büning (FAZ) ein Vertreter des „Münchner Merkur“ – von der CD eingespielte – Interpretationen der „Eroica„, L. v. Beethovens 3. Sinfonie und der ersten, neuartigen, die der Gattung zu größerer Beachtung und Bedeutung verhalf. Vier Kritiker – vier verschiedene, auch konträre Meinungen -, aber sie erläuterten und begründeten sie, ohne (vernichtend) zu kritisieren.

Im Anschluss war die „Eroica“ dann in der Interpretation von Ivor Bolton mit dem DRESDNER FESTSPIELORCESTER (10.6.) in der Frauenkirche zu hören. Mit großem Orchester und ziemlich zügigem Tempo war eine Wiedergabe mit viel musikalischem Einfühlungsvermögen zu erleben, wie man diese Sinfonie kennt und liebt, nachvollziehbar und zum Mitdenken und Mitfühlen, nichts sensationell Neues, aber auch nichts, was dem Charakter der Musik entgegengewirkt hätte. Der Trauermarsch wurde ausdrucksvoll mit wirklich großer Trauer zelebriert. Infolge der Akustik der Kirche gab es bei dieser Orchestergröße manche Härten, vor allem bei den gewaltigen expressiven Steigerungen im Fortissimo, die Bolton immer wieder aufbaute, aber auch einige sehr schöne, beglückende Momente voller Harmonie.

Eingeleitet wurde das Konzert mit der Ouvertüre zu „Rienzi“ von Richard Wagner anfangs mit ungewohntem, extrem langgezogenem Ritardando, um viel Spannung aufzubauen, genussreich ausgekostet und auch etwas entfremdend, um dann in höchster Expressivität, lautstark, aber sauber musiziert, aufregend, mitunter auch in einer a la Militärkapelle durchgepeitschten, Passage die Auseinandersetzungen der Opernhandlung vorwegzunehmen, wobei die Konzertbesucher von dieser aufgeregten und aufregenden Interpretation, in die sich Bolton immer mehr hineinsteigerte, wie in einen Sog hineingezogen wurden.

Als Höhepunkt des Abends waren „VIER LETZTE LIEDER“ von RICHARD STRAUSS mit WALTRAUD MEIER erwartet worden, nicht zuletzt, da sie jetzt ihre Karriere auf dem Höhepunkt successive beendet. Sie hält nicht viel von der „Durchhaltestrategie „bis zum bitteren Ende“, obwohl sie auch hier groß in Form war. Sie gestaltete die Lieder sehr schlank, mit souveräner Klarheit und ihrer sachlichen, überaus exakten, sehr disziplinierten Art, besonnen, weniger emotional und sehr kultiviert. Sie hat Format und meisterte scheinbar mühelos die gefürchteten Höhen.

Wenn Bolton das Orchester zurücknahm, gab es sehr schöne Momente wie in „September „. Obwohl ihre Stimme genügend Kraft und Volumen besaß, wurde sie aber wieder und wieder vom übermäßig „in eigener Sache“ sich steigernden Orchester „zugedeckt“, von dem man sich hier mehr Sensibilität und Mitgestaltung gewünscht hätte, was erst einsetzte, nachdem der letzte gesungene Ton von „Abendrot“ verklungen war. Vielleicht war auch vieles der Akustik der Frauenkirche geschuldet, die nun einmal nicht für großes Orchester geeignet ist.

 Sehr gut hingegen harmonierte das LA FOLIA BROCKORCHESTER (11.6.) mit der Akustik der relativ schlichten Annenkirche, die mit ihrem ovalen barocken Kirchenschiff, bestens für Musik des 17. Jahrhunderts geeignet ist. Barockmusik gehört zu Dresden und ist seit Gründung der Musikfestspiele traditionsgemäß in jedem Jahr vertreten. Jetzt wurde hier nicht nur die „schöne“, gefällige Seite, die sich einst als geistige Zuflucht und Gegenpol zu Krieg und schwierigem Alltagsleben herauskristallisiert hatte, sondern die martialische betont, wofür eigens ein Programm mit Ausschnitten aus Opern und Sinfonien von Henry Purcell (1659-1695) sowie Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) mit Untertiteln wie „Mobilisierung“, „Kampfbereitschaft“, „Verschwörung“, „Sehnsucht“, „Kampf“, Sturm“, „Erstarrung“, „Tod“ und schließlich „Frieden“ und „Glück“ – kurz: „durch Kampf zum Licht“ – zusammengestellt worden war, um die Zeit der „Glorious Revolution“ von 1688/89 in England mit ihren heftigen Auseinandersetzungen zwischen Royals und Bürgerlichen musikalisch zu gestalten.

Das Orchester, neben den stilvollen Streichern mit alten Instrumenten wie Dulzian, zwei Blockflöten alter Bauart, Cembalo und historischer Percussion ausgestattet und geleitet von der klangvollen Violinstimme des 1. Konzertmeisters, ließ keine Wünsche offen und sorgte für besondere „Extras“ wie einem extrem pianissimo, ja leise „lispeltenden“ Spiel der Streicher“ bei der „Verschwörung“ oder bewusst chaotischer Musizierweise bei „Humor“ und mit den Füßen aufstampfend im „Kampf“.

„Martialisch“ war auch der Gesang der mit barocker Gesangstechnik vertrauten Solisten, der vielbeschäftigten Anna Prohaska, die auch über entsprechende Dramatik und barocke Gestaltung verfügt, der Altistin Julia Böhme, dem Tenor Richard Resch und dem Bariton Nikolay Borche. Sie versuchten offenbar das Martialische durch Lautstärke auszudrücken, wobei weniger an Stimmkraft mehr an Klangwirkung und weniger an Härten (vor allem im Forte und in der Höhe) bedeutet hätte. Sehr zur Freude des Publikums erklang dann noch eine rhythmisch betonte Zugabe mit führender Sopranstimme.

Wieder eine ganz andere Seite der Alten Musik beleuchteten die sechs lustigen Musiker des 2005 gegründeten Ensembles BAROKKSOLISTEN aus Norwegen in einer Barocklounge, Künstler von hohem solistischem Niveau, Könner ihres Faches, die zu den Besten auf ihrem Instrument zählen und als kleines, feines Kammerensemble, Pubband oder Crossover-Ensemble auftreten, auch bei zahlreichen europäischen Festivals, u. a. bei den BBC Proms. Jetzt musizierten und agierten sie in ausgelassener „Wirtshaus“-Fröhlichkeit ( 14.6.) in dem original erhaltenen, einst noblen Ballsaal des Ball- und Brauhauses Watzke mit Blick über die Elbe auf die berühmte Silhouette der Stadt, das im 18. Jh. aus einer Bauernschänke hervorgegangen ist, und zeigten sich von ihrer „lockeren“ Seite, ein „bierseliges“ Treiben, bei dem nur ab und an etwas von dem eigentlichen Können der Musiker zu erhaschen war.

2015 waren sie schon einmal bei den Dresdner Musikfestspielen zu Gast. Jetzt wiederholten sie spielend, singend, „tanzend“ und scherzend ihren damaligen Publikumserfolg und begannen mit einem Griff zum bereitstehenden Bierglas einen rhythmisch betonten Abend „locker vom Hocker“ bzw. „aus dem Stand“, aber selten still stehend, mit Geige, Gitarre, Kontrabass, Percussion und einem Mini-Koffer-Reise-„Harmonium“, das mit links, pardon, (nur) mit der rechten Hand gespielt wurde.

Die Idee zu einem solchen Abend hatte der Barockgeiger Bjarte Eike. Er plauderte immer fröhlich zwischen den Musiknummern, und der älteste Musiker und Gitarrist „tanzte“ hüpfend, springend und sich drehend umher, heizte als „Stimmungskanone“ mit viel volkstümlichem und auch etwas derbem Humor die Stimmung an, und ein sechsstimmiger Chor der vielseitigen Musiker, der mehr Musikalität verriet als der mitunter sehr „zarte“ „Solo“-Gesang, ein ausgiebiges Percussion-Solo, das „Einstudieren“ eines (nur) gesprochenen Liedes mit dem Publikum mit vorherigen „Lockerungsübungen“ usw. komplettierten das ausgelassenen Treiben. Den endgültigen „Abgesang“ bildete ein „Song de six“ mit fußseitigem „Pas de six“ sowie eine „Nummer“, bei der noch einmal alle charakteristischen „Gags“ gebündelt wurden.

Sehr ernsthaft und auf hohem Niveau widmete sich hingegen das 1997 in Madrid gegründete und mit den jeweils ersten Preisen der London String Quartet Competition und des internationalen Brahms-Wettbewerbs in Hamburg ausgezeichnete GUARTETO CASALS, das erste spanische Streichquartett mit internationalem Profil, der „klassischen“ Streichquartett-Literatur im Festsaal des Palais im Großen Garten (13.6.), dessen Rekonstruktion der Innenarchitektur seit Jahren noch keinen Schritt weitergekommen. Musiker und Publikum lieben den Saal mit seiner historischen Atmosphäre und dem Blick von allen Seiten in den „Großen Garten“, einen circa 1,8 Quadratkilometer großen Park barocken Ursprungs trotzdem.

Ernsthaft und mit besonderer Klangschönheit und Klarheit begeisterten sie in ausgezeichnetem Zusammenspiel zunächst mit dem „Dissonanzen-Quartett“ (KV 465) von W. A. Mozart, eins der sogenannten „Haydn-Quartette“ und einem der „steilsten Gipfel europäischer Kammermusik überhaupt“ (J. Dohm), bei dem sie die für die damalige Zeit und für die heutige bei Mozart ungewohnten Dissonanzen, eingebettet in die Klangstruktur, plastisch herausarbeiteten, ohne das musikalische Gleichgewicht zu stören.

Mit dem „Streichquartett Nr. 3 cis‑Moll“ (Sz 85) von Bela Bártok wechselten sie den Primarius und das Jahrhundert und bewiesen mit ihrer differenzierten Interpretation ihre Vielseitigkeit und ihr Werkverständnis, das sich unmittelbar mitteilte. Schließlich wandten sich die vier versierten, kongenialen Streicher mit L. v. Beethovens Streichquartett Nr. 15 a‑Moll (op. 132)“ wieder ganz dem klassischen Quartettspiel zu. Mit ihrer „ganz persönlichen klanglichen Note”, ihrem Werkverständnis und Differenzierung der Interpretationen verschiedener musikalischer Epochen begeisterten sie das Publikum, das sie erst nach einer Zugabe entließ, bei der sie mit dem wunderbar gespielten 2. Satz aus Claude Debussys einzigem Streichquartett noch einmal ins 20. Jahrhundert wechselten.

 Auf sehr hohem Niveau bewegte sich auch das Konzert des MAHLER CHAMBER ORCHESTRA unter DANIELE GATTI in der Frauenkirche (15.6.). Es überrascht immer wieder, wie Gatti die teilweise sehr jungen Musiker zu einer tiefauslotenden Interpretation inspirieren kann. Bereits mit der „Sinfonie Nr. 2“ von Ludwig van Beethoven boten die Musiker eine geistig durchdrungene Wiedergabe, vital und spannungsreich, mit innerer Ausgeglichenheit, Harmonie und Klarheit, trotz hier und da minimaler Unstimmigkeiten im Zusammenspiel und mitunter eiligen Tempos.

Bei Beethovens „Sinfonie Nr. 6“, der „Pastorale„, stand weniger die Schilderung der Natur im Vordergrund, als vielmehr die Gefühle des Städters, der Natur und dörfliches Leben als ländliche Idylle zum „Durchatmen“ für sich entdeckt. Gatti gestaltete die einzelnen Sätze kontrastierend und abwechslungsreich, drang mit der Schilderung emotional geprägter Naturerlebnisse in die Tiefen der Empfindungen vor und arbeitete besondere Feinheiten heraus, wie das sehr realistisch „geschilderte“ Gewitter mit dem anschließenden, besänftigend erlösenden Choral und Vogelstimmen im Hintergrund. Er braucht kein künstliches Ritardando bis zur Verfremdung (wie jetzt oft praktiziert), denn er beherrscht das „Zünglein an der Waage“ zwischen Werktreue, Publikumswirksamkeit und künstlerischem Anspruch, das so schwer zu treffen ist. Trotz des ziemlich großen „Kammer-„Orchesters hielten sich die akustischen Probleme in der Frauenkirche in Grenzen.

Zwischen diesen beiden Beethoven-Sinfonien interpretierte Christian Tezlaff das Violinkonzert von Alban Berg Dem Andenken eines Engels gewidmet„, Manon Gropius, einer Tochter Alma Mahlers, die 18jährig an Kinderlähmung starb, mit relativ zurückhaltendem Solopart zwischen empfindsamen Passagen und derbem Schlagzeug als innerem Aufschrei – eine ungewohnte Wiedergabe. Bei seiner mehrstimmigen Solo-Zugabe waren dann auch die feinsten leisesten Töne mühelos zu vernehmen.

 „Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes“ äußerte sich Martin Luther. Im Rahmen „500 Jahre Reformation“ widmeten sich FLAUTANDO KÖLN & BRAMBACH Martin Luther und seinen Zeitgenossen, bekannten wie Orlando di Lasso, Michel Praetorius und Jan Pieterszoon Sweelinck, aber auch unbekannten oder anonymen, sehr ansprechend und musizierfreudig von den vier Flötistinnen Susanne Hochscheid, Ursula Thielen, die das Konzert mit ihrem klangvollen Sopran bereicherte, Katrin Krauß, und Kerstin de Wit auf mehr als 40 Blockflöten verschiedener Bauart und Größe, auch in brillantem Zusammenspiel interpretiert, einen Abend im Palais im Großen Garten (18.6.), nicht ohne Bezug zur Gegenwart durch Einbeziehung moderner Instrumente wie Vibrafon und Percussion und der Aufführung des „Da Pacem Domine“ des estnischen Gegenwartskomponisten mit österreichischer Staatsbürgerschaft Arvo Pärt.

Texte von Martin Luther, komponiert von Stefan Bauer, und die zwischen den musikalischen Teilen suggestiv und ausdrucksstark von Martin Brambach aus dessen Briefen an seine Frau Käthe u. a. gelesenen Auszüge spannten den Rahmen um die musikalischen Beiträge.

Mit der Urfassung des „Fidelio“ von 1805, „LEONORE“ von L. v. Beethoven im Kulturpalast (18.6.), dargeboten vom Dresdner Festspielorchester, dem Balthasar-Neumann-Chor und namhaften Solisten unter der Leitung von Ivor Bolton gingen die 40. Dresdner Musikfestspiele mit ihrer enormen Bandbreite und großen Ausstrahlung zu Ende.

Ingrid Gerk

 

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