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DRESDEN/ Semperoper: GÖTTERDÄMMERUNG unter Christian Thielemann mit prominenter Sängerbesetzung. Wiederaufnahme

Dresden / Semperoper: „GÖTTERDÄMMERUNG“ UNTER CHRISTIAN THIELEMANN MIT PROMINENTER SÄNGERBESETZUNG – WIEDERAUFNAHME – 29.10.2017

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Copyright: Semperoper Dresden/ Creutziger

Unter der musikalischen Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann erlebt jetzt der vierte und letzte Teil von Richard Wagners „Ring“-Tetralogie, die „Götterdämmerung“, in der Inszenierung von Willy Decker, die in Kooperation mit Teatro Real Madrid entstand, an der Semperoper nach einigen Jahren ihre Wiederaufnahme mit prominenter Sängerbesetzung.

Die erste von zunächst drei Aufführungen (29.10., 1.11., 5.11.2017) war bereits ein Paukenschlag, bevor sich dann im Januar und Februar 2018 der Vorhang für zwei zyklische Aufführungen des gesamten „Ringes“ (der innerhalb weniger Stunden restlos ausverkauft war) hebt.

Deckers Inszenierung (Pr. 2003) stammt aus der „Zeit der Stühle“, wo in jeder Inszenierung mindestens 1 Stuhl auf der Bühne stehen musste. Hier gibt es sie gleich in Mengen, potenziert als dekorative Gestaltungselemente, als variiert gespiegelter Zuschauerraum der Semperoper für Deckers „Weltbühne“ und als für die Sänger schwer überwindliche „Rheinwellen“ in Form von wellenförmig angeordneten Stuhlreihen, Stolperstellen, zwischen denen nicht selten ein Sänger beim – von der Regie vorgesehenen – Überqueren unplanmäßig plötzlich für kürzere Zeit verschwand. Stühle dienen Hagens Mannen als Schilde bis sie sich als tapferes kampfesmutiges Heer in Reih und Glied darauf setzen und singen in Vorbereitung der Hochzeitsfeier von Siegfried und Gutrune. Selbst Brünnhilde muss auf ihrem Felsen, angedeutet durch den Himmel mit vielen weißen Wölkchen auf hellblauem Grund, auf einem Stühlchen sitzen usw.

Abgesehen davon ergeben sich im Zusammenwirken von Bühnenbildern, Kostümen und viel, richtig und folgerichtig eingesetztem, Dampf, immer wieder farblich korrespondierende, sehr ansprechende, ausdrucksstarke Bilder, die von einer raffinierten, ebenfalls sehr ausdrucksstarken Beleuchtung unterstrichen werden. Selbst die beliebten und oft strapazierten Dampfwolken haben hier, entsprechend beleuchtet, Sinn und verfehlen ihre Wirkung nicht, z. B., rot angestrahlt als langsam aufsteigendes Feuer um den Walkürenfelsen. In ungewöhnlicher, hier aber zweckmäßiger „Personalunion“ lagen Beleuchtung und Kostüme, letztere vorwiegend in Gegenwartskleidung von Anzug bis Smoking für die Herren und schöne Kleider für die Damen, leuchtend rot für Brünnhilde, silbergrau für Gutrune, in den Händen von Wolfgang Gussmann (Kostüme zusammen mit Frauke Schernau).

Angereichert wurde die Inszenierung gegenwartsgemäß mit einigen Gewaltszenen, z. B. wenn Hagen Gutrune, zu „Liebe“ und Sex zwingen will, oder wenn Siegfried Brünnhilde gewaltsam den Ring entreißt.

Thielemann ließ mit der, für besondere Feinheiten und Akribie bekannten Sächsischen Staatskapelle Dresden bereits mit den ersten Takten Großartiges erwarten, was sich dann in stetiger Steigerung und ungeahnter Qualität entfaltete. Er vermag, nicht nur musikalisch Wagners Werk auszuloten, sondern auch inhaltlich und geistig. Das Vorspiel, in dem mit besonderer Klarheit die einzelnen Phasen der Handlung deutlich anklangen, erschien wie ein Vorbote einer außergewöhnlichen Aufführung, bei der sich mit unglaublicher Vehemenz die Spannung bis zum letzten Ton steigerte, immer von Thielemann inspiriert und dem bis zum letzten Ton stets hellwachen Orchester mit seiner unglaublichen Präsenz, den berühmten, besonders schönen solistischen Passagen und sehr sauberen Bläsern in grandioser, dynamischer Steigerung ausgeführt – ein außergewöhnlicher Gleichklang zwischen den Musikern und ihrem Chef.

Hier wurde vieles herausgearbeitet, was sonst im allgemeinen Orchesterklangrausch untergeht, vom feinsten Pianissimo bis zur gewaltigen Dramatik im furiosem Fortissimo mit harten Paukenschlägen. Mit ihrer Gestaltung der Szenen, steter Harmonie zwischen Orchestergraben und Bühne und wunderbaren Zwischenspielen bei geschlossenem Vorhang erwiesen sich Thielemann und die Sächsische Staatskapelle als Idealfall für Wagners Opern.

Auf dieser Grundlage steigerten sich auch die Sänger zu außergewöhnlichen Leistungen, so dass eine ideale, in sich geschlossene Aufführung in nahtlosem Zusammenwirken von Orchester, Sängern und Inszenierung entstand.

Unheil vorausahnend, weben drei gewichtige Nornen (die gut singende Okka van der Damerau, Simone Schröder und Christiane Kohl) schicksalhaft mit Augenbinde und in schwarz-weiß gemusterten Kleidern, wie ihr, einer extrem langen Giftschlange (Kreuzotter?) ähnelndes, Seil des Weltgeschehens, selbiges um den Erdball, doch es reißt, das Ende der Götter steht bevor, die Weltkugel zerfällt. Das kann auch der ahnungslose Held Siegfried mit seiner unerschrockenen Kraft nicht aufhalten.

Andreas Schager, der sich bereits 2015 als Max in „Der Freischütz“ in Dresden vorgestellt hatte, brach nun in der Rolle des Siegfried, unkonventionell in Gesang und Darstellung, als wirklich jung erscheinender, unbekümmerter, argloser Held zu neuen Heldentaten auf, leicht und locker und mit guter Kondition, sehr klar und gut artikuliert singend und sich immer mehr steigernd, wenn er die geliebte Brünnhilde auf dem Walkürenfelsen verlässt, den Gibichungen durch Hagens verräterische Pläne und einen Vergessenstrunk zum Opfer fällt und hinterrücks getötet wird. (Irgendwie drängte sich bei seiner Darstellung auch ein wenig der Vergleich mit Parsifals naivem Heldentum auf.). Schager war kein Held alten Stils, sondern ein sehr gegenwärtiger.

Mit ausgezeichneter Kondition, klar artikulierend und in schönster Weise immer wieder die Handlungsstränge auf sich ziehend, agierte die weltweit im Wagner-Repertoire zu den führenden Interpretinnen gehörende Nina Stemme als anmutige, ästhetisch schöne Brünnhilde mit sehr klarer, ausdrucksstarker Stimme, die sie bis zum Schluss sehr diszipliniert, Handlung und Gefühlsbewegungen unterstreichend, in ständiger Steigerung einsetzte – sängerisch eine Idealbesetzung.

Schließlich gibt sie den Rheintöchtern in ihren fahlen Kostümen (und „Glatze“ oder badekappenähnlicher Kopfumhüllung) wie farblose „Erdlinge“, denen es an Sonnenlicht mangelt (Christiane Kohl, Sabrina Kögel, Simone Schröder) das Tod und Unheil bringende Gold in Form des Ringes zurück, wo es am Grunde des Rheines wieder liegen sollte, aber es liegt jetzt in praxi nicht mehr dort, auch nicht als symbolischer Goldschatz der reinen, unverbildeten Natur. Wer weiß, was jetzt alles am Grund des Rheines liegt!

Als Brünnhildes Walküren-Schwester Waltraute setzte Christa Mayer, die kürzlich bei der Premiere von „Les Troyens/Die Trojaner“ (3.10.2017) als Königin Didon für Furore sorgte, mit ihrer auffallend schönen, klangvollen Stimme, die auch zu dynamischer Steigerung und expressivem Ausdruck fähig ist, guter Artikulation und Diktion und schauspielerischem Engagement einen weiteren Glanzpunkt ihrer Karriere. Neben ihren dramatischen Ausbrüchen in höchster Vehemenz stand ihre Piano-Kultur im Raum, und alles lauschte atemlos. Bei ihrer Stimme mit ihrer mühelosen, kraftvollen Höhe und schöner Tiefe kann sie es sich leisten, auch die Wagner-Partien zu singen (statt zu „schreien“) und erreicht damit die noch größere Wirkung, u. a. wenn sie eindringlich von Wotans Verfall berichtet, der verzweifelt die Splitter seines Speeres in Händen hält und die Weltesche fällen ließ. Sie hinterließ auch mit dieser kleineren Rolle einen nachhaltigen, lange in Erinnerung bleibenden Eindruck.

Als Gutrune bewegt sich Edith Haller zunächst mit selbstverständlicher Eleganz wie eine attraktive „Party-Löwin“, singt sehr gut und spielt ihre Rolle auch weiter, wenn sie nicht im Zentrum des Geschehens steht, immer auf ihre Partner und die Handlung orientiert. Sie ist auch in dieser Rolle keine Heroine, sondern eine Frau mit natürlichen, ihre Handlung bestimmenden Empfindungen und einem in der Gegenwart für eine Frau typischen, nicht aufgesetzten Verhalten, wenn sie zur betrogenen Ehegattin Siegfrieds wird, und agiert mit natürlicher Vernunft und Haltung. Ihre gute, unmerklich wirkende Gesangstechnik erscheint nie vordergründig, sondern als Grundlage ihres natürlich fließenden Gesanges.

Ihr „Bruder“ Gunther wird durch den gut singenden Iain Paterson mit ansprechender Stimme und immer guter Haltung dargestellt. Albert Dohmen, an der Semperoper in der Saison 2014/15 als Graf Waldner in der Neuinszenierung von „Arabella“ und als Kuno in der Neuproduktion „Der Freischütz“, ist hier jetzt Alberich.

Als echt fieser, primitiver, schnell gewalttätiger „Drahtzieher“ mit profunder Stimme gestaltete Falk Struckmann die Rolle des Hagen als zunächst „normal“ und relativ sachlich erscheinenden, primitiven Mann, der gegenüber Gutrune und Gunther abfällt, poltrig und laut, und seine zügellose Gier nach dem Gold nicht verbergen kann. Dem jedes Mittel, auch Siegfrieds Tod, dafür recht ist. Er konnte seine Stimme bis ins Dämonische steigern und lieferte mit (bewusst) täppisch tänzelnden Bewegungen vor seinen Mannen, mit denen er seiner Vorfreude auf die „arrangierte“ Hochzeitsfeier von Siegfried und Gutrune und damit das Gold, mit seiner Charakterisierung primitiver Verhaltensweisen Ausdruck verlieh, und erst recht, wenn er glossiert, dass Fricka eine gute Ehe stiften möge – ein köstliches Kabinettstück seines komödiantischen Könnens innerhalb der breiten Skala seiner Ausdrucksmöglichkeiten.

Der Chor erfüllte seine Aufgaben sowohl als reiner Männerchor als auch als gemischter Chor in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen sehr zuverlässig, klangschön und gut differenziert.

Auch bei allgemein guter Textverständlichkeit waren die deutschen Übertitel und erst recht die gut übersetzten und allgemein verständlichen englischen für viele Besucher, die des „Wagner“-Deutschen nicht mächtig sind, sehr hilfreich.

Alle Partien waren gut und dem jeweiligen Typ der Rolle entsprechend besetzt. Thielemann und die Sächsische Staatskapelle bildeten das ideale, in seiner Klangwirkung einmalige Fundament. Es war eine grandiose, in sich geschlossene, stimmige Aufführung, zu der nicht zuletzt auch zwei Komparsen mit ihren glaubwürdigen Darstellungen des greisen Wotan (Stefan Daum ) und am Ende die Erdkugel hereinrollende Erda (Sylvia Köhler), beitrugen.

Ingrid Gerk

 

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