Der Neue Merker

DRESDEN Semperoper: Giuseppe Verdi OTELLO

 

Der Todesengel am Segel.

Der Todesengel am Segel – Sophia Pintzou

DRESDEN  Semperoper Giuseppe Verdi OTELLO
Eine Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg
4.Vorstellung in dieser Inszenierung am 5.März 2017


Einem Zufall in der Reiseplanung war der Besuch in der Semperoper geschuldet, die Erinnerung an einen Otello vor rund einem Jahrzehnt an diesem Ort wurde wach, wobei in der Titelrolle als auch in der Rolle des Jago die identen Sänger von damals wieder zu sehen waren. Und eine gewisse Vera Nemirova ihren Otello als Bademeister in einem Seebad auftreten ließ, der sich zur librettogemäßen Belauschung Cassios in einem Getränkeautomaten verstecken musste. Statt der feindlichen Türken bevölkerten Scharen von dodeligen Touristen den Strand. Schwamm drüber über diese unsägliche Regiearbeit

Auch damals schon war es eine schwere Aufgabe für Stephen Gould, sich derart kurios zu verstecken und damals auch noch eine schwerere Aufgabe  für Andrzej Dobber, die Intrige baritonal ins Rollen zu bringen – wenn man den damaligen Kritiken vertrauen kann. Inzwischen haben sich nach vielen Elbehochwässern die Salzburger Osterfestspiele für einen neuen Otello zur Zusammenarbeit mit Dresden gefunden, in einer durchaus sehenswerten Produktion von Vincent Boussard, in einem Bühnenbild von Vincent Lemaire und den Kostümen, von Christian Lacroix die immer einen Blickfang darstellen – noch dazu im wirkungsvollen Kontrast zur kargen Bühne, zu den riesigen segelartigen Vorhängen, den gelungenen Beleuchtungeffekten und zu dem mystisch wirkenden Auftreten des Todesengels mit den schwarzen Flügeln, der zuletzt durch Überreichung des Dolches an den Mohren entseelt niederstürzt.

Der Todesengel

Der Todesengel, Sofia Pintzou mit Jago Andrzei Dobber

Wer sich solch einer Bebilderung nicht entziehen kann, Bilder mit den symbolistischen Effekten und Handlungselementen, mit sparsamer Gestik und verlangsamter Bewegungsregie, der ist gut bedient mit der Arbeit dieses Französischen Teams und seiner artifiziellen Kreativität. Die Griechin Sofia Pintzou spielte diesen geheimnisvollen und bei Gelegenheit auch tatsächlich in Flammen aufgehenden Engel ganz hinreißend.

Szene im 3.Akt, Otello im Abgang

Szene im 3.Akt, Otello im Abgang, in der Mitte die Damen Röschmann und Mayer mit Dobber

Johan Botha war für die Gemeinschaftsproduktion vorgesehen gewesen, ehe auch zu ihm – viel zu früh – der Todesengel kam. In Salzburg sprang José Cura ein, als Otello in Verdis zentraler Tenorrolle tatsächlich ein monstre sacré in seiner Unnahbarkeit, seiner abgrundtiefen Verletzlichkeit, seinem tiefsitzenden heiligen Ernst in der Vergeltung. Hier in Dresden war diesmal in seiner zweiten Auflage ein gereifter, stimmlich mit enormen Mitteln am Karrierehoch befindlicher Stephen Gould tätig, vielleicht stilistisch Wagner näher als Verdi, ein Otello mit Siegfried-Attitüde aber trotzdem voller Gebrochenheit und Unsicherheit. Zwei Otello-Darsteller jedenfalls, die heute so leicht keine Konkurrenz zu scheuen haben.

In Erwartung Otellos - Röschmann

In Erwartung Otellos – Röschmann

In seiner zweiten Auflage in Dresden zeigt Andrzej Dobber eine ungemein gereifte musikalische Leistung, er ist jetzt dieser wendige, fiese und dämonische Finsterling schlechthin, gesanglich von ungemeiner Überzeugungskraft bis in die leisesten, verführerischen Töne der Traumerzählung oder bei seinem Triumph über seinen Vorgesetzten. Eine Darbietung durchaus auf Augenhöhe mit Größen der Vergangenheit. Und mit Dorothea Röschmann ist, wie in Salzburg, eine überzeugend Liebende aber auch als ein resoluter Widerpart zu ihrem, von der Eifersucht zerfressenen Gatten zu hören. Nicht himmlische Töne im Gebet, mehr eine Zwiesprache mit Gott. Eine gespenstische Szene, wie sie vor dem Gemach Otello erwarten muss, der nochmalige Ruf nach Emilia ist ein durchdringender Hilfeschrei.

Christa Mayers prägnanter Alt erweckte Besorgnis um ihre Herrin und das sanguinistische Element dieser ansonsten so düsteren Geschichte lieferte gekonnt mit leicht geführtem lyrischen Tenor Antonio Poli als der leichtsinnige Cassio.

Georg Zeppenfeld vertrat den venezianichen Senat mit Ausdruck und Nachdruck, als Rodrigo und Montano ergänzten Robin Yujoong Kim und Martin-Jan Nijhof und das Junge Ensemble Semperoper war durch dessen Mitglied Alexandro Stavakakis als Herold vertreten.

Mit Christian Thielemann steuerte ein sicherer Admiral die Galeere durch die zypriotischen Gewässer ohne jene leichten Sturmschäden, die es in Salzburg noch gab, und das trotz erhöhter Fahrtaufnahme und größerer Windstärke, aber auch dem feinsten Lufthauch folgte er sorgfältig, um Mannschaft und Offiziere gut über die musikalischen Klippen zu helfen.

Peter Skorepa
MERKER
Online

Fotos: C Monika Forster

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