Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: GISELLE – Neue Besetzung der Titelrolle in der Inszenierung von David Dawson

Dresden / Semperoper: NEUE BESETZUNG DER TITELPARTIE IN DER „GISELLE“-INSZENIERUNG VON DAVID DAWSON 25.6.2017

Adolphe Adams abendfüllendes Ballett „Giselle“ steht in der „etwas anderen“ Inszenierung und Choreografie von David Dawson seit 2008 auf dem Spielplan der Semperoper. Dawson zeigt darin eine sehr moderne, aber durchaus akzeptable Sicht auf dieses romantische Ballett, leicht verständlich und mit einfacher Körpersprache umgesetzt. Er vereinfachte, kürzte und straffte die Handlung und transponierte sie in unsere Zeit. Da wurde beispielsweise die adlige Hofgesellschaft mit dem von Giselle innig geliebten Albert zu einem ganz in schwarz gekleideten, mysteriösen Clan, gekennzeichnet durch ein spezielles Tattoo (Salamander?), vergleichbar der „Schwarzen Szene“.

Das abstrakte, sehr anschauliche Bühnenbild von Arne Walther ist farblich ganz in Beige-Varianten gehalten und korrespondiert mit den pastelligen Tönen der Kleidchen der Tänzerinnen. Das Outfit der Tänzer kontrastiert dazu in weiß und schwarz bzw. weiß und grau. Die Kostüme schuf Yumiko Takeshima, die 2008 in dieser Inszenierung die Titelpartie tanzte und sich damit auch 2014 von der Bühne verabschiedete.

Seit der Premiere hat das Semperoper Ballett naturgemäß durch den ständigen Wechsel zwischen Weggang und Neuanfängen zahlreiche personelle Veränderungen erfahren. Neu in der Titelrolle ist jetzt Courtney Richardson, eine Tänzerin mit Power und überschwänglicher Tanzlust, die alles in sehr kraftvollen Ausdruckstanz legt, eine gute Charakterdarstellerin mit den Mitteln des Tanzes und der Körpersprache. Sie scheint keine Schwierigkeiten zu kennen, ob Hebefigur, Pirouetten auf Spitze oder Spagat in der Luft, sie gibt sich immer ganz hin.

Im Gegensatz dazu tanzte die Companie als Hochzeitsgesellschaft mit besonderer Zierlichkeit, Anmut und Grazie und viel „Spitze“. Mit besonderer Leichtigkeit schwebte Svetlana Gileva als Bathilde sehr graziös und leicht wie eine Feder, groß und schlank erscheinend, bei den Hebefiguren von Partner zu Partner. Trotz ihrer vergleichsweise kurzen Auftritte hinterließ sie einen nachhaltigen Eindruck.

Ein kongenialer Partner für Courtney Richardson war Istvan Simon, der mit geschmeidigen Bewegungen, nahtlos gleitenden Übergängen, schönen Sprüngen und  mühelos erscheinenden Hebefiguren aufwartete.

Ausdrucksvoll gestaltete auch Julian Amir Lacey seine Rolle als Hilarion, der Giselle ebenfalls ehrlich liebt und Albrecht als Zugehörigen des „schwarzen Clans“ entlarvt. Giselle, jung und in den Wirren der Liebe unerfahren, stirbt verwirrt in seinen Armen, strebt aber mit letzter Kraft zu Albrecht, der ihr dann bei den Wilis im „Weißen Bild“ wiederbegegnet, das zu jedem großen romantischen Ballett gehört(e) und hier – vielleicht nur in Albrechts Fantasie – außerhalb der Welt (Erde) angesiedelt ist. Im Anblick eines überdimensionalen Himmelskörpers (Mond?) tanzen die Wilis, weiß verschleiert, ihren anmutigen Tanz und verwirren ihn in unterschiedlichen Gruppierungen bis Giselle als Wili erscheint und mit ihm einen innigen Pas de deux tanzt. In einer kurzen Szene deutet ihm Sangeun Lee als Myrtha, Königin der Wilis, mit wenigen ausdrucksstarken Gesten Rache an, aber Giselle verzichtet. Dennoch liegt er am Schluss am Boden – tot oder nur erschöpft?

Im ersten Akt gibt es andeutungsweise kampflustige Szenen aus Eifersucht, meist aber rieselt Flitter in unterschiedlicher Menge von oben herab und lockert Bühnenbild und Handlung auf, macht vieles emotionaler, passend zu den oft sehr feinen Klängen der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die nach dem obligatorischen lauten Beginn unter der musikalischen Leitung von David Coleman, der auch für das musikalische Arrangement verantwortlich zeichnet und starke Kontraste liebt, hinreißend schön musizierte, dramatisch bei zugespitzten Handlungsabläufen, aber auch mit wunderbarer, mit den übrigen Streichern abgestimmter führender Violinstimme und besonders schönem Violin-Solo (Jörg Faßmann) sowie dem, feinsinnig den Pas de deux begleitenden Bratschen-Solo (Sebastian Herberg) und einschmeichelnden Harfenklängen bis zum klanglich hinreißend schönen Schluss, womit die Kapelle wesentlichen Anteil an dem großartigen Gesamteindruck des Abends hatte und ihrem Ruf wieder einmal nachdrücklich alle Ehre machte.

Ingrid Gerk

 

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