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DRESDEN / Semperoper: EIN AUSSERGEWÖHNLICHES KLAVIERREZITAL MIT DANIIL TRIFONOV

Dresden / Semperoper: EIN AUSSERGEWÖHNLICHES KLAVIERREZITAL MIT DANIIL TRIFONOV – 8. 2. 2017

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Daniil Trifonov. Copyright: Matthias Creutziger

Daniil Trifonov, Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle Dresden, ist unbestritten ein Ausnahme-Pianist – und nebenher auch Komponist, 25 Jahre jung und ein Meister seines Faches, der bereits so manches in den Schatten stellt. Er verfügt über alle Tugenden eines ausgezeichneten Pianisten und verbindet höchste Virtuosität mit Einfühlungsvermögen und Musikalität zu einer perfekten, überaus mitreißenden, geistig durchdrungenen Wiedergabe.

Bei seinem Klavier-Rezital in der Semperoper betrat er völlig unspektakulär die Bühne, setzte sich als Erster, der an dem neu erworbenen Flügel vor Publikum auftrat, still ans Instrument und begann zu spielen. Nur die Hände bewegten sich und ließen die „Kinderszenen“ (op. 15) von Robert Schumanns sensibel und feinsinnig, lyrisch und poesievoll entstehen. Trotz Erkältungswelle herrschte atemlose Stille im Raum, so gebannt lauschten alle, denn so hatte sich wohl jeder diese kleinen „geronnenen Erinnerungen eines Erwachsenen an die eigene Kindheit“, „Rückspiegelungen eines Älteren für Ältere“, wie der 27jährige Robert Schumann schrieb, immer vorgestellt und gewünscht. Hier stellte Trifonov seine enorme Virtuosität zurück und widmete sich ganz diesen kleinen, feinen, phantasievollen Piècen mit sehr klangvollem Anschlag, Herz und Seele, so dass man sich vorstellen konnte, wie Schumann beim Komponieren „geschwärmt und geträumt“ hat. Es war Klavierpoesie im allerbesten Sinne.

Die spieltechnisch sehr anspruchsvolle „Toccata (op. 7), die Schumann für seinen Freund und veritablen Pianisten (Ludwig Schunke) komponiert hat und die wegen ihrer „Originalität und Neuheit“, Virtuosität und geistigen Durchdringung und vor allem ihrer pianistischen Schwierigkeiten wegen in Europa und Amerika bekannt und u. a. für Liszts Schüler zum Pflichtstück wurde, stellt eine Herausforderung für jeden Pianisten dar. Trifonov meisterte sie mit rhythmischer Präzision in fast fortlaufender Motorik, offensichtlicher Leichtigkeit und seinem großem Können. Dann kam auch sein Körper in Bewegung (und ein paar unterdrückte Huster), aber nur so viel, wie unbedingt nötig war.

Er legt keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Seine Finger arbeiteten äußerst präzise wie eine Maschine, aber nie zum Selbstzweck, nie vordergründig, sondern stets im Dienst der Komposition. Trotz rasantem Tempo faszinierte die ungeheure Klarheit und seine traumwandlerische Treffsicherheit. Kein Ton ging verloren. Ganz dem Werk verpflichtet, verband sich bei ihm virtuose Brillanz, klassisches Formempfinden und die Herausarbeitung gegensätzlicher Schattierungen mit poetischer Einfühlung, Verstand, Gefühl und Seele zu einer beglückenden Einheit.

Virtuosität, klassische Klarheit und romantische Empfindsamkeit, Feinfühligkeit und Sensibilität stellte er auch in den Dienst der „Kreisleriana (op. 16) von Robert Schumann mit ihren „seltenen Seelenzuständen“, bei der Schumann in E.T.A. Hoffmanns fiktiver Gestalt des Kapellmeisters Kreisler den Inbegriff des romantischen Künstlertums sah und auch seine eigene Persönlichkeit, „Charakter und Streben“, das Unberechenbare als Widerhall eines Sinnsuchenden. Trifonovs Interpretation erinnerte unwillkürlich an Marta Argerichs Worte, dass sein Anschlag gleichzeitig „Zärtlichkeit und ein dämonisches Element“ enthalte.

Mit einer Auswahl aus „24 Präluidien und Fugen“ (op. 87) von Dmitri Schostakowitsch (Nr. 4 e-Moll, Nr. 7 A-Dur, Nr. 2 a-Moll, Nr. 5 D-Dur und Nr. 24 d-Moll) wechselte Trifonov ins 20. Jahrhundert. Durchsichtig, mit enormer Klarheit und fast romantischem Klang verfolgte er die musikalischen Linien, fernab aller äußerlichen oder vordergründigen Effekte, ganz in das Werk vertieft, dem unterschiedlichen Charakter der einzelnen Präludien und Fugen Rechnung tragend. Er arbeitete alle Feinheiten heraus, denn bei ihm gibt es kein unwichtiges Detail, stets eingeordnet in das große Ganze, und ließ die aufmerksam Zuhörenden durch sein Spiel diese Musik in ihrer Struktur und mit ihren genialen Wendungen erfassen und verstehen.

Zu einem pianistischen, äußerst virtuosen Höhepunkt steigerte sich Trifonov mit drei Sätzen aus „Petruschka“ von Igor Strawinsky. Es war extreme, glanzvolle Virtuosität mit atemberaubenden Glissandi, enormer Treffsicherheit, Exaktheit und Genauigkeit in rasantem Tempo. Keine kleine Unsicherheit, keine Temposchwankungen, kein etwa nur angerissener Ton, sondern extreme Genauigkeit, bis an die Grenzen des technisch Machbaren, bis ins Extreme, Höchste gesteigert, scheinbar vor allem frappierende Technik, aber eben nur scheinbar, in praxi eine wohldurchdachte und emotional erfasste Wiedergabe, bei der ihm immer Inhalt und Sinn des Stückes am wichtigsten sind.

Äußerlich bleibt er bei allem ruhig und auf dem Boden der Realität, so sehr er sich auch geistig in das jeweilige Werk hineinsteigert, die Finger arbeiten äußerst präzise und mit schönem, klangvollem, bei Bedarf auch kräftigem, Anschlag. Zudem spielte er das gesamte Programm auswendig, eine phänomenale Gedächtnisleistung.

Ebenso virtuos und gleichzeitig feinsinnig gespielt, schenkte er dem aufmerksam lauschenden Publikum noch zwei Zugaben von Nikolai Medtner (1879 – 1951), einem russischen Komponisten und Pianisten mit deutschen Vorfahren, geboren in Moskau, gestorben in London, in Russland durchaus bekannt, in Deutschland jedoch kaum. Er spielte aus „2 Fairy Tales“ (op. 20) die Nr. 2 „Campanella“ und aus 3 Fairy Tales“ (op. 26) Nr. 3 „Märchen“ und beendete damit einen ungewöhnlichen, überaus beeindruckenden Klavierabend.

Im Rahmen seiner Residenz bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird Trifonov noch mit Maurice Ravels „Klavierkonzert“ auftreten und bei den Osterfestspielen Salzburg als Kammermusiker zu erleben sein.

 Ingrid Gerk

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