Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: DER FREISCHÜTZ – neu unter Christian Thielemann. Premiere

Dresden / Semperoper: EIN NEUER „FREISCHÜTZ“ UNTER CHRISTIAN THIELEMANN 1.5.2015  Premiere

 

C. M. v. Webers „Freischütz“ gehört, wenn auch in Berlin uraufgeführt, zu Dresden wie keine andere Oper. Weber war in Dresden 10 Jahre Operndirektor. Während seiner Sommeraufenthalte in Hosterwitz (damals bei Dresden, jetzt eingemeindet) soll ihm ein Bauer in einem nahegelegenen Gasthof, wo er gelegentlich sein Bierchen trank, die Geschichte vom Freischütz und den Freikugeln erzählt haben. Möglicherweise lieferten auch die auf den Gerichtsakten der böhmischen Stadt Taus basierenden und 1730 gedruckten „Unterredungen von dem Reiche der Geister“ (worauf die Verortung der Handlung nach Böhmen schließen lässt), und/oder der 1810 erschienene 1. Band des „Gespensterbuches“ die Vorlage des, von Weber und Friedrich Kind in enger Zusammenarbeit entstandenen, Librettos.

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Kaspar (Georg Zeppenfeld) drängt sich zwischen Agathe (Sarah Jakubiak) und Max (Michael König. Foto: Matthias Creutziger

 In der romantisch gelegenen kleinen Fischerkirche zu Hosterwitz, wo Weber während eben dieser Sommeraufenthalte die Gottesdienste besuchte, sollen ihn zwei ältere Damen, die völlig falsch in den Gemeindegesang einstimmten, zur Musik des „Jungfernkranzes“ inspiriert haben. Nicht zuletzt siedelte Weber seine Oper gedanklich in der wild-romantischen Landschaft der nahen Böhmisch-Sächsischen Schweiz (Elbsandsteingebirge) und die „Wolfsschlucht“ in der Nähe des darin gelegenen Kurortes Rathen an.

 Der „Freischütz“, der schon zu Webers Lebzeiten von der Musikkritik als „erste deutsche Nationaloper bezeichnet wurde und erst recht in Richard Wagners Interpretation, obwohl Weber eher europäisch dachte, wurde am Dresdner Opernhaus 1944 als letzte Oper gespielt, bevor alle Opernhäuser wegen des „Totalen Krieges“ schließen mussten und das Opernhaus 1945 stark zerstört wurde. Mit dem „Freischütz“ wurde die wieder errichtete (dritte) Semperoper genau 40 Jahre später, am 13.2.1985, wieder eröffnet. Nachdem der „Freischütz“ in diesem Haus in zwei, sehr unterschiedlichen Inszenierungen insgesamt 1400mal gegeben wurde, wurden nun 30 Jahre nach der Wiedereröffnung mit der Premiere der 3. Neuinszenierung gleichzeitig 150 Jahre „Freischütz“  und 30 Jahre 3. Semperoper gefeiert, ein Ereignis, das in einem großangelegtes Open-Air-Fest mit Live-Übertragung der Premiere auf Großleinwand, Vorprogramm und anschließender Premierenfeier auf dem Theaterplatz vor der Semperoper feierlich begangen wurde.

 Die Oper spielt nach dem 30jährigen Krieg. Komponiert wurde sie nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon, nicht ohne Hinblick auf gewisse Parallelen. Hier setzt die gelungene Inszenierung von Axel Köhler an. Er macht die Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht nach Frieden und Zukunft in einer Zeit, wo im Volk noch Aberglauben und alte Sitten herrschen, zum Thema und verstand es, mit den zurzeit üblichen und immer wiederkehrenden Inszenierungs-und Regie-Bestandteilen die Oper stimmig und plausibel ohne Verfremdung zu erzählen, Hintergründe zu beleuchten und gedankliche Vorgänge psychologisch zu durchdringen – eine sehr reichhaltige Inszenierung, wo all das enthalten ist, was von den sehr konträren Seiten erwartet wird, neue Ideen, Kunstanspruch und Publikumswirksamkeit, Modernität und Traditionelles.

 Mit Bühnenbildner Arne Walther wurde aus den zurzeit üblichen Inszenierungselementen und Regie“einfällen“ eine stimmige und plausible Inszenierung auf die Bühne gebracht, die allen gerecht wird, den Regiekollegen, den Sängerdarstellern und vor allem dem Publikum mit seinem differenzierten Geschmack. Walther schuf stimmige, optisch sehr wirkungsvolle Bühnenbilder, die diese Elemente vereinen, denn „wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ (Goethe). Das setzt wirkliches Können voraus.

Selbst eine desolate Wand der zerstörten Villa (statt eines einfachen Forsthauses), die den Blick auf die kahlen Stämme eines Waldes freigibt (und die Assoziation an eine zerstörte Künstlervilla im einstigen Dresdner Nobel-Wohnviertel am Rande der Dresdner Heide weckt) wird zum Blickfang. Das Haus ist schlicht und altmodisch möbliert. Agathes Schlafzimmer befindet sich über einem düster-schauerlichen Erdgeschoss, und die Wolfsschlucht übertrifft alle Erwartungen. 

 Sie wurde hier zu einem wirklich schauerlichen Ort, wo nach gelungenem Freikugel-Guss Gestalten aus Not und Tod auftauchen als Erinnerung an die Ereignisse des Krieges, wo eine mörderische Schlacht an dieser Stelle getobt haben könnte. Für den heutigen, krimigewohnten Besucher muss die Wolfsschlucht schon etwas mehr bieten als nur hungrige Wölfe. Gewalt darf (leider) – wie in fast jeder modernen Inszenierung – auch hier nicht fehlen. Sie beginnt mit einem ziemlich brutalen Kampf zwischen Kilian und Max, bei dem die Bauern gleich mitraufen (was früher auf dem Dorf durchaus üblich war), und gipfelt in der Wolkschlucht-Szene, wenn, abgesehen von den erhängten Leichen, Kaspar lange, naturalistisch und ausgiebig einen Kopf vom Rumpf trennt, bevor er Freikugeln gießen kann.

 Raffinierte Verschiebungen, wie das Auseinandertriften der beiden Ebenen von Agathe und Max, bevor dieser in die Wolfsschlucht aufbricht, raffinierter Einsatz von Bühnentechnik, reichlich Dampf und ausgiebige Licht- und Schatteneffekte mit Blitzen (Licht: Fabio Antoci) und Grausen nehmen das Publikum gefangen und entführen es wirklich in eine Welt unwirklicher Erscheinungen. Der Sturm in der Wolfsschlucht tobt bis ins (Wohn-)Zimmer des Forsthauses, wo zu Beginn des 3. Aktes Stühle und Sofa umgeworfen sind und größere Äste auf dem Boden liegen – eine eindrucksvolle Gestaltungsidee. Der modernen Zeit entsprechend, wurde die Romantische Oper entromantisiert und neu, aber nicht abwegig gedeutet, sondern nur intensiver erzählt als bisher üblich.

 Die Kostüme von Katharina Weissenborn wecken weitgehend die Vorstellung von dörflichem Jägermilieu vergangener Zeiten, bis auf den Fürsten, der natürlich wieder im langen, dunklen Mantel erscheinen muss und manche Chorsängerin, die nicht gerade vorteilhaft gekleidet ist (wahrscheinlich Absicht).

 Nicht nur in der Inszenierung fand „große Oper“ statt (mitunter auch leicht überzeichnet), sondern vor allem im Orchestergraben. Christian Thielemann eröffnete mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden bereits mit den ersten Tönen der Ouvertüre eine geheimnisvolle Welt. Zunächst klang in immer leiser werdendem Pianissimo eine ländliche Idylle an, bei der der Schein trügt. Sehr bald griff nach dem Seelenfrieden in dieser scheinbar bescheidenen, häuslichen die aktionsgeladene Handlung mit entsprechender Dramatik und paukenunterstrichener Lautstärke für die hereinbrechenden Seelenqualen Raum. Nicht umsonst gab es die ersten Bravos schon nach der Ouvertüre.

 Während der Aufführung nahm Thielemann dann sehr viel Rücksicht auf Sängerinnen und Sänger, aber dazwischen kam immer wieder seine Leidenschaft für das Hochdramatische zum Durchbruch. Unter seiner intensiven Leitung und Inspiration bildete das Orchester die Basis für Handlung und Gesang. Er hatte die Kontrolle über die gesamte Aufführung und bestimmte maßgeblich die Gesamtwirkung der Oper auf sehr hohem Niveau. Es war nicht zu überhören, dass er über allem wachte und gelegentlich auch – passend zur Handlung – eine Fermate als Zäsur einfügte, um die Spannung noch weiter zu steigern.

 Äußerst feinsinnig und klangschön, noch schöner als der Gesang, „Leise, leise …“ kompensierte die Kapelle unter seiner Leitung Agathes Gebet, gesungen von Sara Jakubiak mit hellem Sopran, aber wenig Ausstrahlung. Eindrucksvoller gelang ihr die Kavatine „Und ob die Wolke sie verhülle“, die sie mit schöner Klarheit und mitunter fast berührenden Passagen bei sonstiger „Kühle“ im wahrsten Sinne des Wortes vorwiegend sang, denn sie ging kaum „aus sich heraus“, und ihre dialektbehaftete Aussprache bei den gesprochenen Texten wirkte gewöhnungsbedürftig.

 Christina Landshamer war ein herziges, lebhaftes Ännchen mit naiv mitfühlender menschlicher Anteilnahme und ansprechender Stimme, aber man verstand kein Wort, selbst beim Mitlesen der eingeblendeten Übertitel nicht.

 Michael König steigerte sich als Max von anfänglicher Zurückhaltung bis zu seiner großen Schluss-Szene mit seinen huldreichen, selbstkritischen Worten, die er an den Erbförster richtet. Selbiger war bei Albert Dohmen in den allerbesten Händen (und Kehle), ein Erbförster par exzellence. Er sang, sprach und spielte ausgesprochen glaubhaft, nicht vordergründig, scheinbar fast ungewollt, aber sehr lebensnah. Er war auch äußerlich einfach der wohlgesonnene Vater und lebenserfahrene, altersweise, vom sinnvollen Umgang mit der Natur geprägte, Erbförster in den besten Jahren – eine perfekte Charakterstudie.

 Als zusätzliche Charakterstudie wurde die stumme Rolle der hinkenden Magd eingeführt, die eigentlich nicht vonnöten ist, aber die Handlung belebt. Von Natur aus benachteiligt oder vom Krieg versehrt, tut sie alle schwere Arbeit im Haus, von niemand weiter beachtet, als einmal von Kaspar, der nach derber Männerart in routinemäßiger Großtuerei bei ihr als Magd, die den Wein bringt, in üblicher Weise zudringlich wird. Als er, von der Freikugel getroffen, stirbt, wendet sie sich in zaghafter Zuneigung ihm zu und wird als „Sündenbock“ von den Dorfbewohnern davongejagt – eine kleine, aber typische Charakterstudie am Rande der Handlung.

 Adrian Eröd wirkte als Fürst Ottokar in seinem langen, streng geschnittenen, dunklen Mantel mehr streng als fürstlich, fast priesterlich und unerbittlich. Er sang perfekt, mit Durchsetzungsvermögen und kühler Klarheit und sah mit distanziertem Zynismus dem Treiben zu, bis er sich vom Eremiten überzeugen lässt.

 Eine weitere „Feuerprobe“ bestand Sebastian Wartig vom Jungen Ensemble als Kilian. Er sang, sprach und spielte überzeugend.

 Obwohl man Georg Zeppenfeld eigentlich lieber als idealen Eremiten gesehen hätte, der die Rolle ähnlich dem Sarastro („Zauberflöte“) mit seinem noblen Bass und würdevoller Ausstrahlung erfüllen könnte, überbot er als Kaspar alle Erwartungen und fand größte Zustimmung. Er ist eben ein Vollblut-Sänger und –darsteller. Nicht nur gesanglich, sondern vor allem auch darstellerisch war er ein Kaspar, wie man ihn sich nicht unmittelbarer vorstellen kann, ein spürbar dem Teufel Verfallener finstrer Geselle, ein Mensch voller böser Absichten. Durch Zeppenfeld wurde die Rolle des Kaspar zur meist beachteten der Aufführung. Damit bewies er einmal mehr sein großes Theatertalent, und die Palette seiner großen gesanglichen und darstellerischen Möglichkeiten erhielt dadurch eine wesentliche Erweiterung und Bereicherung.

 Den Eremiten sang Andreas Bauer, der der Rolle auch Ausstrahlung verlieh. Er sang nicht nur gut, auch sein Bühnendeutsch war bestens zu verstehen. Mit profunder, würdevoller Stimme, einschließlich guter Tiefe, gab er der Aufführung mit seinem Schlussgesang einen würdevollen Abschluss.

 Die Stimme des Samiel dröhnte in der Wolfsschlucht nicht nur in den Ohren des Max überlaut aus dem Lautsprecher, sondern auch in denen des Publikums, als eher sehr vornehmer Snob, weniger Furcht einflößend, aber mit guten Einfällen abwechslungsreicher Echo-Varianten nach jeder gegossenen Freikugel.

 Der Sächsische Staatsopernchor, einst von C. M. v. Weber gegründet, ergänzte in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen den Handlungsablauf je nach Situation entsprechend kraftvoll und massiv oder fein „dosiert“ und mit gut klingenden Stimmen. Sehr schön sangen die vier Brautjungen ihre kleinen Soli, wozu die übrigen Mädchen volkstümlich tanzten. Einen netten kleinen tanzenden Nachwuchs-„Jägerchor“ bildeten 5 kleine Jungen, die, als „Minijäger“ gekleidet, kleine Mädchen mit Wildschweinfellen jagten. Sie nahmen ihre Aufgabe sehr ernst und bewegten sich sehr talentiert – früh übt sich …

 Der Meinung war offenbar auch der Fürst, der, nachdem der Eremit das Freikugel-Gewehr zerbrochen hatte, damit kein Probeschuss mehr stattfinden kann, für den Jüngsten das Gewehr lädt, damit dieser noch einen Schuss in die Zukunft abfeuert – natürlich ohne Freikugel!

 Trotz überaus intensiver Inszenierung stand die Musik im Mittelpunkt. Die Oper fand in erster Linie im Orchestergraben statt und wurde mit der wohl durchdachten Inszenierung und den gelungenen Bühnenbildern auf der Bühne umgesetzt.

 Ingrid Gerk

 

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