Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: DANIIL TRIFONOV IM 10. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN UNTER CHRISTIAN THIELEMANN

Dresden / Semperoper: DANIIL TRIFONOV IM 10. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN UNTER CHRISTIAN THIELEMANN – 13.5.2017

Der Titel des Capell-Virtuosen ist bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der gegenwärtigen Konzertsaison mit einem der „leuchtendsten Namen der jungen Pianistengeneration“ verbunden: Daniil Trifonov. Er gilt als einer der schillerndsten jungen Pianisten, obwohl er sein ganzes Können, seine Virtuosität, die zuweilen auch an Rätselhaftigkeit, fast „Dämonie“, grenzt, und seine Ausdrucksfähigkeit ganz in den Dienst der Werke stellt, die er gerade spielt.

Im 10. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden trat er zum dritten Mal in dieser Saison auf und komplettierte damit die breite Palette seines Könnens. Er widmete sich dem „Klavierkonzert G-Dur“ von Maurice Ravel, das kontrastierend und unmittelbar – ohne größere Zäsur und Applaus – auf das ausgesprochen feinsinnig und klangschön von der Kapelle musizierte „Prélude“ aus der Schauspielmusik zu Maurice Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“ ( op. 80) von Gabriel Fauré folgte, das anstelle des ursprünglich angekündigten neuen Orchesterwerkes „Der Zorn Gottes“ von Sofia Gubaidulina, der Capell-Compositrice (zum 2. Mal) in dieser Saison vorgesehen war, jedoch nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte.

Trifonov verfügt über alle Facetten pianistischen Könnens. „Was er mit seinen Händen macht, ist technisch unglaublich“, schwärmte Martha Argerich. Sein Anschlag kann kraftvoll und zart, gewichtig und feinsinnig sein, aber das ist es nicht allein. Mit höchster Virtuosität, einer gekonnten Mischung aus virtuoser Kraft und poesievoller Emotionalität, die bei ihm nie Selbstzweck ist, widmet er sich jedem Werk, das er gerade spielt und vertieft sich trotz seiner Jugend mit außergewöhnlicher Intensität und geistigem Verständnis in jedes Werk, so auch in Ravels Klavierkonzert, das sich „im Geiste der Konzerte von Mozart und von Saint-Saëns“ bewegt, wie es der Komponist selbst einmal nannte. Bei dieser Aufführung überwog die Virtuosität, aber es kamen auch sehr fein gestaltete Passagen zu ihrem Recht.

Die Staatskapelle spielte unter Thielemanns temperamentvoller, emotionsgeladener Leitung zuweilen auch lautstark, aber nie so, dass der Klavierpart etwa zugedeckt würde. Es war trotz allen impulsiven Hineinsteigerns auf beiden Seiten ein harmonisches Miteinander, ein gemeinsames Gestalten und Formen.

Für den enthusiastischen Applaus bedankte sich Trifonov mit einer faszinierenden Wiedergabe des „Marche écossaise, sur un thème populaire“ von Claude Debussy in seiner spezifischen Eigentümlichkeit und wieder von ganz anderem Charakter als Ravels Klavierkonzert. Mit raffinierter Klangtechnik und unglaublich feiner Differenzierung legte er die motivisch-thematische Struktur offen, ganz „verloren“ in die Musik, mit einer Klarheit und Feinheit, in der Debussys Musik nur sehr selten zu erleben ist. Da klang alles so leicht und selbstverständlich, obwohl eine solche Interpretation eine enorme pianistische und künstlerische Reife voraussetzt.

Korrespondierend zu dem eingangs erklungenen „Prélude“ aus „Pelléas et Mélisande von Fauré, erklang nach der Pause, in der die starken Eindrücke von Trifonows pianistischem Können und seinem reifen Werkverständnis nachklingen konnten, „Pelleas und Melisande“, Symphonische Dichtung (op. 5) von Arnold Schönberg, die ebenfalls auf der literarischen Vorlage Maeterlincks beruht und sie in ihrer musikalischen Anlage eng nachzeichnet. Thielemann und die Kapelle verstanden es, das Werk trotz seiner hohen Komplexität und überladenen Polyphonie in entsprechender Klarheit zu gestalten. Es gab sehr schöne solistische instrumentale Passagen und – wie bei der Staatskapelle nicht anders zu erwarten – sehr saubere Bläser. Obwohl die Tonsprache bereits an die Grenzen der Tonalität führt und diese Symphonische Dichtung deshalb bei seiner Uraufführung in Wien von Kritik und Publikum gleichermaßen missverstanden und abgelehnt wurde, erfreut sie sich doch jetzt allgemeinen Interesses und Akzeptanz, und bei einer so technisch klaren und geistig durchdrungenen Wiedergabe wie an diesem Sonnabendmorgen, bei dem ganz und gar nichts von „Anlaufschwierigkeiten“ oder “Matinee-Stimmung“ zu spüren war, auch großen Beifalls.

Ingrid Gerk

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