Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI mit dem Rollendebüt von Evelyn Herlitzius als „Santuzza“

Dresden / Semperoper: „CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI“ – EVELYN HERLITZIUS MIT ROLLENDEBÜT – 29.6.2017

Kurz vor der Sommerpause gab es noch ein besonderes Ereignis an der Semperoper. Nach ihren großen Erfolgen als eine der führenden deutschen Wagner- und Strauss-Interpretinnen – an der Semperoper war sie zuletzt in der Titelrolle von „Elektra“ und als Ortrud („Lohengrin“) zu erleben – wendete sich Evelyn Herlitzius nun der italienischen Oper zu – mit Erfolg. Der „Einstieg“ ins italienische Fach bedeutete für sie eine Herausforderung und wesentliche Bereicherung ihres Repertoires und für das Publikum ein nachhaltiges Opernerlebnis.

Sie hat die „Feuerprobe“ mit Bravour bestanden. Ihr Rollendebüt als Santuzza in der Wiederaufnahme von Pietro Mascagnis einaktiger Eifersuchtstragödie „Cavalleria rusticana“ ließ aufhorchen, nicht nur, weil sie ohnehin mühelos über das fast durchgängig (zu) laute Orchester kam, sie faszinierte zwischen kraftvoller Leidenschaft und sehr feinfühligen, sanften Momenten mit dieser Operngestalt und deren seelischer Erschütterung. Ihr Gebet war eher verzweifelt schroff als hoffnungsvoll vertrauend. Nicht zuletzt dank ihrer Ausstrahlung erfüllte sie diese Frauenfigur mit Leben und brachte sie dem Publikum sehr nahe.

Ihr zur Seite standen Stefano La Colla als egozentrischer, verliebter Turiddu, dessen auch äußere Erscheinung die Rolle glaubhaft machte, Jelena Kordic (Junges Ensemble) als hübsche Lola und Tichina Vaughn in ihrem zwar modischen, aber für ihre Figur nicht gerade geeigneten Kostüm und dem merkwürdigen „Hutaufbau“ (Kostüme: Ursula Kudrna) als Turiddus gestrenge, harte, wenig sympathische, eher wie eine Geschäftsfrau kalt kalkulierende, Mutter mit ebensolchem Gesang.

Einziger Sänger-Darsteller, der in beiden Einaktern auftrat, war Markus Marquardt. Er lieh im ersten Teil seine gut klingende Stimme dem in sich ruhenden Kutscher Alfio, der mit seinem Leben ganz zufrieden und sich der Treue seiner Ehefrau Lola zunächst ganz gewiss ist, was sich in der Ruhe, Überlegenheit und Gelassenheit des Älteren ausdrückt, selbst bei der Aufforderung zum Zweikampf. Im zweiten Teil verkörperte er den Tonio mit etwas raueren Tönen in der Höhe, von denen einer, auch lang ausgehalten, rau blieb und, wenn man so will, das Wollen und nicht Könnens der Komödienfigur, dem von Nedda und Colombine gleichermaßen abgewiesenen Tonio, unterstrich.

Im zweiten Teil des Doppelabends, „Pagliacci“, „pilgerten“ alle Darsteller des ersten Eifersuchtsdramas als „Publikum“ ins zweite zur „Vorstellung“. Als Canio beeindruckte hier Vladimir Galouzine mit sicherer und gut klingender Stimme und Bühnenpräsenz. Seine Gestaltung des betrogenen Ehemannes berührte ganz besonders mit seiner eindringlichen Mimik in der Schminkszene vor seinem Auftritt im „Theater auf dem Theater“.

Carmen Giannattasio war eine reizende Nedda mit ihrer besonders schönen, lieblichen Stimme, die auch im Duett mit dem zuverlässig singenden Sebastian Wartig als Silvio gut harmonierte. Sie machte Figur und spielte als Colombine kapriziös mit den Männern, hatte aber auch die nötige Dramatik als es sehr ernst wurde. Ihre Neda hatte Stil. Sie ließ die Figur auf liebenswerte Weise lebendig werden.

Als Harlekin (Beppe) wartete Aaron Pegram mit lyrisch schönem Gesang auf (wenn auch nicht immer ganz sicher).

Das Bühnenbild gibt die Möglichkeit Parallelhandlungen zu zeigen und beispielsweise Gebäude von innen und außen zu zeigen. Philipp Stölzl, der für Inszenierung und Bühnenbild dieses Doppelabends in Koproduktion der Semperoper mit den Osterfestspielen Salzburg 2015 von der Fachzeitschrift Opernwelt zum Bühnenbildner des Jahres 2015 gekürt wurde, hat für die Umsetzung der beiden Werke einen großen „Setzkasten“ gewählt, unterteilt in vier „Fächer“, von denen mitunter auch zwei „zusammenschmelzen“ können.  

Darin werden die beiden Geschichten um Liebe und Eifersucht von unterschiedlichen Seiten beleuchtet, wie z. B. Santuzza allein zu Haus, während Turiddu das Haus verlässt und Lola sich am Fenster zeigt, jeder in seinem eigenen „Fach“, in seiner eigenen psychischen Isolation und Verantwortung, oder wenn Ostern die Dorfbewohner in der Kirche sitzen und singen, Santuzza außen vor bleibt, sich als „Ausgestoßene“ nicht in die Kirche wagt und Turridu sich heimlich mit Lola trifft.

Andererseits wird auch manche gut ausgeleuchtete Szene in ein zweites Fenster projiziert, um dort noch einmal – ziemlich unscharf – in „schlechter Bildqualität“ zu zeigen, was real in einem anderen „Fenster“ in klarer Optik abläuft. Besonderen Effekt bringt diese Vorgehensweise aber, wenn sich Canio in seiner Garderobe vor seinem Auftritt schminkt und in einem anderes „Fenster“ projiziert und gezoomt, seine Mimik in „Großformat“ deutlich zu sehen ist.

Getrennt werden die einzelnen Bilder durch eine Art „Rolläden“, was einerseits die Aufführung belebt, andererseits aber durch ständiges Auf und Ab Unruhe in das ohnehin aufwühlende dramatische Geschehen bringt.

Die „flirrenden“ Hände der Darsteller und des Bühnenpublikums in „Pagliacci“ als Synonym der Aufregung (wie man sie schon vor …zig Jahren in Ruth Berghaus‘ Inszenierung des „Barbier von Sevilla“ an der Berliner Staatsoper gesehen hat) schienen hier eher den dramatischen Ausdruck zu verflachen als zu verstärken.

Sehr dramatisch, „aufwühlend“ gestaltete Stefano Ranzani mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden den orchestralen Teil zwischen großer Lautstärke und wenigen sanften, gefühlvollen Klängen (zu Beginn von „Cavalleria rusticana“ vor allem der Harfe). Meist spielte das Orchester vor allem laut, schrill und schroff. Wenn auch die Handlung oft zu höchster Dramatik gesteigert wird, enthält doch die Musik in beiden Einaktern auch viel Melodik, meist um die verzweifelten Seelenzustände der einfachen Menschen aus dem „unteren sozialen Milieu“ anrührend zum Ausdruck zu bringen. Die Kapelle kann auch anders und hätte die Emotionalität in beiden Opern noch eindrucksvoller gestalten können.

Ranzani gab aber die Richtung der Aufführung mit Vehemenz vor, wobei der Gesang der Solisten trotzdem noch gut zu vernehmen war, und der Sächsische Staatsopernchor Dresden an Lautstärke mithielt. Ein besonders gelungenes Detail am Rande war der gemeinsame „Lacher“ des „Publikums“ alias Chor („wie aus einer Kehle“) bei der „Theatervorstellung“.

„Das Spiel ist zu Ende …“ sagt Bajazzo (Canio) am Schluss. Es war dramatisch, dynamisch, aufwühlend, aber, abgesehen von den besonderen Leistungen einiger Sänger-Darsteller, die mitunter vom Eindruck des überlauten Orchesters leider auch etwas in den Hintergrund gedrängt wurden, insgesamt nicht so „tiefschürfend“ wie man es sich hätte vorstellen können und von anderen Aufführungen kennt. 

 Ingrid Gerk

Diese Seite drucken