Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: 7. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – ZUM GEDENKEN AN DIE ZERSTÖRUNG DRESDENS 1945

Dresden / Semperoper: 7. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – ZUM GEDENKEN AN DIE ZERSTÖRUNG DRESDENS 1945 – 13./14.2.2017

Einer langen Tradition folgend, widmeten sich auch in diesem Jahr die beiden großen Dresdner Orchester sowie Kreuzkirche und Frauenkirche dem Gedenken an die Zerstörung Dresdens gegen Ende des Zweiten Weltkrieges am 13./14.Februar1945, als in einer Nacht (22.10 Uhr sowie gegen 3 Uhr morgens) in zwei Bombenangriffen das gesamte historische Stadtzentrum in Schutt und Asche sank und ein Flächenbrand unzählige Menschenleben (zwischen 25 000 und 250 000 – genaue Zahlen gibt es nicht) auslöschte, nicht nur unter der einheimischen Bevölkerung, sondern auch zwei Flüchtlingstrecks.

Der Dresdner Kreuzchor gestaltete sein Gedenkkonzert mit Werken von Rudolf Mauersberger, Arnold Schönberg und Frank Martin bereits am 11.2. (vgl. „Der Neue Merker“ – online), die Dresdner Philharmonie führte die „7. Symphonie“, die „Leningrader“ von Dmitri Schostakowitsch unter Michael Sanderling auf (12./13.2.) und in der Dresdner Frauenkirche erklang das „Requiem“ von Luigi Cherubini unter Matthias Grünert (12.2.).

Die Sächsische Staatskapelle Dresden widmete diesem Anlass ihr 7. Symphoniekonzert und brachte Olivier Messiaens Symphonische Meditation für Orchester „Les Offrandes oubliées“ („Die vergessenen Gaben Gottes“) und das „Requiem“ (op. 48) von Gabriel Fauré zur Aufführung.

Unter der Leitung des 1. Gastdirigenten der Kapelle, Myung-Whun Chung begannen die Streicher der Staatskapelle Messiaens „Meditation“ wirklich meditierend, fast „klangschwelgerisch“ mit einer langen, ruhigen Kantilene über den für die Harmonik Messiaens typischen Akkorden in dem, in seiner Melodik vom Gregorianischen Choral inspirierten, nicht mehr tonal gebundenen 1. Teil „La Croix“ („Das Kreuz“), bis schließlich im schärfsten Kontrast dazu ein gewaltiger „Lärm“ im 2. Teil „Le Péché“ („Die Sünde“) stürmisch, gleichsam einem „Hexensabbat“ mit großer innerer Unruhe, rhythmischer Gewalt und mächtigen Akzenten der Blechbläser losbrach, ein ungewöhnliches „Chaos“, bei dem man auch meinte, eilende Schritte von Menschen wahrzunehmen, die einer todbringenden Gefahr zu entkommen suchen. Da drängten sich Parallelen zum Angriff auf Dresden auf, wo Bombenangriff und Verzweiflung in ein vermeintlich friedvolles, „ahnungsloses“ Leben hereinbrachen. (Dresden war so lange unversehrt geblieben, dass die Bevölkerung gegen Ende des Krieges nicht mehr mit einem Angriff gerechnet hatte.)

Danach wieder plötzliche Stille. Myung-Whun Chun ließ das Orchester langsam, leise zelebrierend, fast klagend im 3. Teil „L’Eucharistie“ („Die Eucharistie“) in einem rückbesinnenden Bezug zum 1. Teil die Sehnsucht nach Frieden mit einer „unendlichen Melodie der ersten Violinen über einem Klangteppich gedämpfter Solo-Geigen und Bratschen“ herausarbeiten, mit dem Messiaen eine „kunstvoll stilisierte Atmosphäre religiöser Reinheit“ schuf. Leise, in ätherischer Verklärung und vollkommener Harmonie verklang die „Medidation“ in einer hingebungsvollen Wiedergabe der Staatskapelle unter Myung-Whun Chung, am Ende vielsagendes Schweigen im Orchester und im Publikum. Langsam und sehr, sehr leise verließ Myun-Whun Chung nachdenklich, gesenkten Hauptes Dirigentenpult und Raum.

Obwohl Messiaen seine dreiteilige, 1930 entstandene, „Symphonische Meditation für Orchester“ eher religiös als eine Art Altar-Triptychon verstand, in einer Zeit, in der die Menschen die Liebe zu Jesus Christus und sein Opfer für ihre Befreiung aus Schuld vergaßen, erinnerte sie doch an diesem Tag und bei dieser sensiblen Aufführung immer wieder unwillkürlich an Krieg und Zerstörung, die plötzlich in ein ruhiges friedliches Leben hereinbrechen können, und auch an die große Sehnsucht der Menschen nach innerem und äußerem Frieden.

Ohne Pause, um die Atmosphäre nicht zu stören, formierte sich das Orchester leise und behutsam neu, kam der Sächsische Staatsopernchor Dresden auf die Bühne, sowie Solisten und Dirigent für das „Requiem“ von Fauré, dem einzigen größeren Werk des Komponisten mit religiösem Text, das er aus persönlichem Anlass zwischen dem Tod seines Vaters und dem seiner Mutter schrieb und bei dem nicht nur wegen der persönlichen Auswahl von Bibeltexten nach eigenem Ermessen und die Besetzung mit Sopran- und Bariton-Solo ein Vergleich zum „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms unverkennbar ist.

Der Chor stimmte leise ein, begleitet von tiefen Streichern. Chor und Orchester steigerten  sich in gemeinsamen, gewaltigen Crescendi vom feinsten Piano bis zum erschütternden Forte mit einem gewaltigem Aufschrei, um wieder in besänftigenden, gefühlvollen, klagenden und zarten Passagen ein friedvolles Bild des Überganges vom Leben zum Tod zu zeichnen, ohne Dramatik, auch nicht in dem, von anderen Komponisten mitunter infernalisch in Musik gesetzten „Dies irae“ (Tag des Zorns). Orchester und Chor spürten diesem lyrischen Charakter sehr gefühlvoll und klangschön nach, ergänzt durch sanftes, sich in den Gesamtklang einbringendes Orgelspiel (Jobst Schneiderat) und eine auffallend schöne Passage der Harfe (Astrid von Brück).

Patricia Petibon wandte sich hier in ihrer Vielseitigkeit, die von der Barockmusik bis zur Moderne, von Oper bis Chanson und kessen Liedern reicht (woran ihr zwar schwarzes, aber doch nicht so ganz dem Anlass entsprechendes Kleid erinnerte) der ernsthaften Seite der Musik zu. Sie fühlt sich in alle Stilepochen und Genres wohl, mit ein wenig persönlicher Tendenz zum Fantastischen. Hier verlieh sie der sanften, lyrischen Seite des Sopranparts auf ganz individuelle Art Ausdruck und ließ ihn geheimnisvoll schwebend im Raum stehen.

Mit wohlklingender, im Raum tragender Stimme sang Adrian Eröd die beiden Bariton-Soli in „Offertoire“ (II) und „Libera me“ (VI), in angemessener Form, sehr sicher, nuancenreich und souverän gestaltend. In wunderbarer Harmonie und Korrespondenz mit Orchester und Chor hatte er wesentlichen Anteil an diesem berührenden Konzertabend.

Ingrid Gerk

 

Diese Seite drucken