Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: 4. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

Dresden / Semperoper: 4. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 7.1.2018

 Ursprünglich sollte Robin Ticciati das 4. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden leiten, musste aber krankheitsbedingt absagen. Für ihn hatte Daniel Harding die drei Aufführungen (5., 6. und 7.1.) übernommen. Das Programm, zwei bedeutende Werke vom Anfang bzw. der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, blieb unverändert und die Solisten die gleichen.

Isabelle Faust war die Solistin im „Konzert für Violine und Orchester – dem Andenken eines Engels“ von Alban Berg, neben den Opern „Wozzek“ und „Lulu“ eines seiner bekanntesten Werke. Ursprünglich als Auftragswerk für den amerikanischen Geiger Louis Krasner vorgesehen und mit den Grundcharakteren „Frei, Fröhlich, Fromm, Frisch“ skizziert, widmete er es während des Komponierens der in dieser Zeit plötzlich an Kinderlähmung erkrankten und im Alter von nur 18 Jahren verstorbenen Manon Gropius, einer Tochter von Alma Mahler, Witwe Gustav Mahlers, die in 2. Ehe mit Bauhaus-Gründer Walter Gropius verheiratet und zum Zeitpunkt von Manons Tod schon längst wieder von ihm geschieden war. Er setzte damit dem jungen Mädchen ein musikalisches Denkmal.

Wie bei jedem Werk, das Isabelle Faust interpretiert, war auch hier ihr unmittelbarer Zugang zu diesem Violinkonzert spürbar, ein Vordringen zum Wesentlichen dieser Musik. Mit der ihr eigenen Energie, natürlichen Musikalität und tief empfundenem Feingefühl, das sie neben großer Virtuosität nicht zuletzt in einem äußerst feinen Piano und verhauchenden Pianissimo zum Ausdruck brachte, spürte sie der starken Ausdruckstiefe dieses Werkes nach.

Daniel Harding gestaltete den Orchesterpart mit der Kapelle ebenso klar, feinfühlig und verständnisvoll und arbeitete die Struktur mit ihren Feinheiten heraus, so dass auch die musikalischen Zitate von L. v. Beethoven („7. Sinfonie“), J. S. Bach („Matthäuspassion“) u. a. deutlich wurden. Solistin und Orchester spürten der Trauer und Erinnerung an dieses lebensfrohe Mädchen nach, dessen “Wesenszüge“ Berg „in musikalische Charaktere umzusetzen“ sich vornahm, und ließen das Violinkonzert „himmlisch zart“ ausklingen wie in einem „Hinüberleiten zu einem Abschiednehmen ohne Ende“.

Erst nach langem, ergriffenem Schweigen setzte der begeisterte Applaus ein, für den sich Isabelle Faust mit einem der kurzen, stark komprimierten Stücke mit dem Titel „Für den, der heimlich lauscht“ von György Kurtág bedankte.

Mit ebensolcher Transparenz arbeitete Harding auch die Facetten der „Symphonie Nr. 4 G‑Dur“ von Gustav Mahler heraus, einer Sinfonie mit Sopransolo, die er im Vergleich zu seinen sonstigen Symphonien mit deutlich kleinerer Orchesterbesetzung und ohne Posaunen und Tuba konzipierte. In dem für alle Sätze einer Symphonie ungewöhnlichen, ruhigen, von Mahler vorgeschriebenen Tempo wie „Bedächtig. Nicht eilen“ (1. Satz), „In gemächlicher Bewegung ohne Hast“ (2. Satz), „Ruhevoll“ (3. Satz) und „Sehr behaglich“ (4. Satz) baute Harding zwischen temperamentvoll-lautstarken Ausbrüchen, die zuweilen auch eines gewissen Charmes nicht entbehrten, die inneren Kontraste zwischen kindlich Heiterem und Spukhaftem, naiver Vorstellung vom Paradies in religiöser Simplifizierung, hereinbrechenden Schicksalsschlägen und Hoffnung auf, unterstützt von den Qualitäten der Orchestermusiker und ausdrucksstarken Soli von Violine, Flöte, Horn u. a.

Der 4. und letzte Satz erschien wie „zelebriert“. Die junge, charmante Sopranistin Regula Mühlemann, deren sehr angenehm und mühelos klingende Stimme sich bei dem von Mahler vertonten Gedicht „Das himmlische Leben“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ ideal mit dem instrumentalen Klang des Orchesters verband, nahm die Melodik der Orchesterstimmen auf und führte sie in natürlicher, unaufdringlicher, aber umso wirkungsvollerer Weise zum Höhepunkt durch die menschliche Stimme.

 Ingrid Gerk

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