Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: 3. SYMPHONIEKOZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE

Dresden/Semperoper: 3. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 22.11.2011
 
Die Menge der Musikbegeisterten, die zum Konzert strebten, war groß. Man hatte sich auf Martha Argerich und das 1. Klavierkonzert von Beethoven gefreut. Spätestens bei ihrem glanzvollen Debüt mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden im November 2009 hatte sie zu den vielen begeisterten Musikfreunden, die sie ohnehin schon verehrten, noch zahlreiche neue hinzubekommen. Nun musste sie das geplante Konzert leider krankheitsbedingt absagen. An ihrer Stelle kam die junge, 1987 in Peking geborene Pianistin Yuja Wang, die bereits 2005 beim National Arts Center Orchestra in Ottawa debütierte und seither mit allen bedeutenden US‑Orchestern sowie dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dem Orchestre de Paris und der Berliner Staatskapelle unter Dirigenten wie Charles Dutoit, Lorin Maazel und Daniel Barenboim musizierte. Vor wenigen Wochen erhielt sie den ECHO Klassik-Preis in der Kategorie „Nachwuchskünstlerin des Jahres“.
Für das Konzert mit der Staatskapelle entschied sie sich für das 1921 in Chicago uraufgeführte „3. Klavierkonzert C‑Dur“, op. 26 von Sergej Prokofjew, mit dem sie 2009 beim Eröffnungskonzert des Lucerne Festival unter Claudio Abbado gastierte. Wegen seiner Einfachheit und Leichtverständlichkeit erfreut es sich beim Publikum großer Popularität, wenn es auch bei seiner Uraufführung 1921 in Chicago mit Prokofjew am Klavier eher verhalten aufgenommen und erst 1922 bei der Premiere in Paris vom Publikum wirklich angenommen wurde.
 
Yuja Wang orientierte vorwiegend auf die technische Seite des Werkes, die sie mit beachtlicher Kondition meisterte. Sie war immer konform mit dem meist sanft begleitenden Orchester unter Charles Dutoit, konnte sich trotz ihrer zierlichen Gestalt bis zum kraftvollen Fortissimo steigern und gelegentlich auch ein schönes romantisches Piano präsentieren. Beeindruckend war ihr gleichmäßig-kraftvoller glissandoartiger Lauf im 2. Satz, der die ganze Klaviatur umfasst. Die Vortragbezeichnung „freddo“ (kalt) für die fallenden Terzen in der 4. Variation des als Thema mit 5 Variationen konzipierten Satzes nahm sie allerdings für den gesamten 2. Satz, so dass der humorvoll-groteske Dialog mit seinen scherzhaften Vorschlägen und aufbrausenden Arpeggien sehr ernsthaft blieb und nicht die ihm immanente Ausgelassenheit erreichte. Im gesamten Konzert dominierte ihre energisch-virtuose Interpretation – für eine so junge Künstlerin eine beachtenswerte physische Leistung, die beim Publikum ankam.
Mit dem spezifischen, niveauvollen Klang der Kapelle und ihrer hinreißend schön spielenden Cellogruppe folgte Claude DebussysLa Mer“ zwischen lautmalerischer Gestaltung für die „Wogen des Meeres“ und temperamentgeladenen „Aufbrüchen“, bis hin zum triumphalen Schluss.
Zum Höhepunkt des Konzertes gestalteten sich Ottorino RespighisPini di Roma“, die sehr klangvoll und ausgewogen, mit fast „echten“ Naturgeräuschen die Illusionen vom sanften Wiegen der Pinienwipfel in einer Vollmondnacht, dem Morgennebel und dem naturalistischen Zwitschern der Nachtigall (mit Celesta statt der von Respighi geforderten Schallplatte) erweckten, aber auch die heldenhaften „Schritte“ eines in der Fantasie erstehenden historischen Heeres eines Konsuls, das unter dem Geschmetter der Buccinen (Brass-Instrumente) zur Via Apia und zum Kapitol zieht. Als besonderes Highlight spielten die 5 Posaunisten aus der Proszeniumsloge, der früheren „Königsloge“, was nicht nur optisch einen imposanten Anblick bot. Aus dieser Höhe kam das äußerst saubere, differenzierte und wahrhaft „königliche“ Spiel akustisch wunderbar zur Geltung. Es war ein Schwelgen in schöner Musik. Dutoit spannte große Bögen um das gesamte Werk und ließ es in allen Phasen, sehr fein abgestimmt, in seiner ganzen Schönheit erstehen.                   
Ingrid Gerk

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