Der Neue Merker

DRESDEN/ Palais im Großen Garten/Zwinger: „HEINRICH SCHÜTZ MUSIKFEST – musikalische Grenzgänge

Dresden/: Palais im Großen Garten, Zwinger u. a.: „HEINRICH SCHÜTZ MUSIKFEST – MUSIKALISCHE GRENZGÄNGE“ – 7. bis 16.10. 2016

Wie kein zweiter Musiker hat Heinrich Schütz (1585–1672), der „Vater unserer modernen Musik“ und erster deutscher Komponist von internationalem Rang, einer „unter den fürnembsten Musices in Europa“, im Laufe seines 87jährigen Lebens die Musik seiner Zeit und die Musikergenerationen nach ihm geprägt. Ohne ihn wären die Werke von Bach, Händel, Telemann usw. kaum vorstellbar.

Um ihn zu würdigen, findet seit nunmehr fast zwanzig Jahren alljährlich an seinen wichtigsten Lebens- und Wirkungsstationen in Mitteldeutschland, in Weißenfels, (Bad) Köstritz und Dresden, aber auch in Gera und Zeitz das (Mitteldeutsche) HEINRICH SCHÜTZ MUSIKFEST statt. In Köstritz ist Schütz geboren, in Weißenfels verlebte er seine Jugendjahre und hatte hier auch seinen Alterssitz. In Dresden waren seine Hauptwirkungsstätten das Schloss, wo er als Kapellmeister der Dresdner Hofkapelle wirkte, und die Schlosskapelle, da er auch für die Kirchenmusik zuständig war und dort seine geistlichen Kompositionen aufführte.

Von den insgesamt 35 interessanten Konzerten und Veranstaltungen an historischen Aufführungsorten in diesen fünf Städten, in denen bewusst jenseits geografischer und stilistischer Grenzen weit „über den Tellerrand“ hinausgeschaut wurde, kann hier nur über einige Veranstaltungen in Dresden berichtet werden.

Eröffnet wurde das Festival von L’Arpeggiata & Christina Pluhar, den diesjährigen artists in residence, mit der Sopranistin Nuria Rial und Vincenzo Capezzuto, Gesang, sowie der Leiterin Christina Pluhar an der Theorbe in der Taufkirche von Heinrich Schütz, der Salvatorkirche in Gera (7.10.). Unter dem, dieses Konzert umspannenden Titel Mediterraneo begaben sie sich auf die Spurensuche nach Verbindungslinien zwischen Barock und landestypischen Musikstilen der Volksmusik rund um das Mittelmeer.

In Dresden, im Kammermusiksaal des Palais‘ im Großen Garten, dem ersten Barockpalais nördlich der Alpen inmitten einer barocken Parkanlage, deren Gelände zu Heinrich Schütz‘ Zeiten dem Sächsischen Hof noch als Jagdgebiet diente, fand unter dem Titel „SEELENTÖNE“ (11.10.) ein kleines, feines Kammerkonzert mit dem Ensemble Art d’Echo statt, das 2010 von der Gambistin Juliane Laake gegründet wurde, um ihre eigenen musikalischen Projekte umzusetzen. Sie versteht es, ihrem Instrument die feinsten, zartesten Töne zu entlocken.

Ein kleines, in 8 verschiedenen Handschriften in Tabulaturschrift (eine damals übliche Griffschrift) verfasstes Büchlein, kleiner als ein Taschenbuch, das vergessen, in der Französischen Nationalbibliothek in Paris ruhte und von ihr wieder entdeckt und durch detektivische Forschungsarbeit für den praktischen Gebrauch eingerichtet wurde, bildete die Grundlage für ein äußerst interessantes und vielgestaltiges Programm, das trotz trübem Herbstwetter mit Nieselregen weit mehr Besucher anlockte als erwartet, aber es wurde, gut organisiert, für alle Platz geschaffen.

Das Büchlein wurde 1880 von der Französischen Nationalbibliothek in Berlin erworben, woraus die Bezeichnung „Berliner Gambenbuch“ resultiert, obwohl es vermutlich von einem Brandenburger Adligen oder reichen Bürger, einem Musikliebhaber und „dillettierenden“ Gambenspieler auf Reisen mitgenommen wurde, der in England, Frankreich, den Niederlanden, Flandern und Deutschland Stücke für sein Instrument eintragen ließ, um sie zur eigenen Freude und Erbauung oder im internen Familien- oder Freundeskreis zu spielen.

Diese kleinen, intimen Stücke weltlicher und geistlicher Art – etwa 300 an der Zahl – für eine sehr niveauvolle „Hausmusik“, aus heutiger Sicht kleine klingende Schätze, sind ausschließlich für Solo-Gambe gesetzt, eine Rarität, die es vermutlich nicht noch ein zweites Mal gibt. Literatur aus dieser Zeit für Laute gibt es öfters, da die Laute ein auch in bürgerlichen Kreisen verbreitetes Instrument war, für Gambe aber kaum, da sie vornehmlich in adligen Kreisen gespielt wurde.

Um das Konzert abwechslungsreich zu gestalten und ihr feinsinniges, auch in schöner Mehrstimmigkeit klangvolles und in diesem Rahmen virtuoses Spiel zuweilen mit singenden Tönen und anderen Klangfarben zu untermalen, nahm Juliane Laake, Leiterin des Ensembles und selbst an der Viola da Gamba, einen Lautenspieler, einen Organisten und einen Tenor hinzu und instrumentierte einige Stücke für deren Instrumente.

Der – im Gegensatz zu dem immer noch ruinösen Festsaal – bereits in seinem frühbarocken Stil bestens restaurierte Kammermusiksaal bot den idealen Rahmen für die Aufführung der kleinen, sehr feinen, im Empfinden der damaligen Zeit seelenvollen, Musik-„Stückchen“, kleine Tanzsätze wie „Allemand“, „Saraband“ (auch: „Sarraband“), „Courant“ und „Gavott“, meist anonym verfasst, und Chorälen für alle Tages- und Jahreszeiten: Morgen und Abend, Geburt und Tod Christi, Weihnachten und Ostern, die vermutlich seinerzeit in einem ähnlich prachtvollen Raum aufgeführt wurden. Unter den Verfassern der Stücke tauchen aber u. a. auch berühmte und bekannte Namen des 16./17. Jh. auf, wie Johann Walter, Caspar Othmayer, Adam Gumpelzhaimer, Michael Praetorius, Batholomäus Gesius und Johannes Jeep.

Die vier Ausführenden, alle erfahrene Interpreten Alter Musik, widmeten sich mit ihren aufführungspraktischen Kenntnissen ganz der kleinen Form mit ihrem intimen Charakter, jeder als ein Teil des ungewöhnlichen Quartetts, musikalisch inspiriert und mit Fantasie.

Der Tenor Kai Rotherberg, ehemaliger Thomaner und Mitglied des RIAS-Kammerchores, widmete sich in gutem Zusammenwirken mit den drei anderen Musikern mit schlanker, instrumental geführter, vibratoloser und damit emotionsarmer Stimme, gut artikuliert, tonrein und textverständlich, sicher in der Korrespondenz mit der Gambe und den anderen Instrumenten, teilweise auch a capella, den Chorälen, die der Besitzer des Büchleins vermutlich selbst mit eigener Gambenbegleitung gesungen hat.

Klaus Eichhorn, ein kompetenter Continuospieler, vorrangig der Musik des 16.-18. Jh., steuerte an der kleinen, einmanualigen Truhenorgel, feine, dezente, facettenreiche Klänge und auch ein kleines Orgelsolo bei.

Magnus Andersson, ein Spezialist an der Renaissance-Laute, der mit mehreren berühmten Ensembles für Alte Musik zusammenarbeitet, trug wesentlich zu dem warmen, intimen Klang des Ensembles bei und ließ die Klänge seines Instrumentes in Harmonie mit denen der Viola da Gamba in harmonischer Zweisamkeit verschmelzen (obwohl beide Musiker am weitesten voneinander entfernt saßen).

Das Konzert enthielt eine Fülle von Entdeckungen kleiner, feiner Kompositionen, die im Verborgenen schlummerten. Hier wurden sie wieder zu Leben erweckt und faszinierten in ihrer kleinen Form und feinsinnigen Klangschönheit.

Als Zugabe begann Juliane Laake mit ihrer Gambe solo, ohne Bogen, nur gezupft, bis Laute, Tenor und Orgel einstimmten und alle vier noch einmal ein kleines Stück voller sanftem Wohlklang vorstellten.

Juliane Laake war es auch, die beim Vorstellen weiterer musikalischer Schätze aus dieser Zeit in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB), meist gedruckter Noten und Lehrbücher über Musikinstrumente, Rede und Antwort stand und bereitwillig aus ihrem praktischen und theoretischen Erfahrungsschatz, über ihre Entdeckungen und die Aufbereitung dieser Musik für den praktischen Gebrauch Auskunft gab (12.10.).

Im Dresdner Zwinger, genauer im Mathematisch-Physikalischen-Salon, einer besonderen Schatzkammer des Wissens aus vergangenen Jahrhunderten, die von August dem Starken angelegt wurde, mit Erd- und Himmelsgloben, einer der ersten Rechenmaschinen von Blaise Pascal, Experimentiergeräten, Eichmaßen und Gewichten, alles schön verziert, und vor allem Uhren mit und ohne Spielwerk, verspielt oder sachlich, fand eine „Premiere“ statt – kein neues Stück -, sondern für den Raum, in dem zum ersten Mal ein Konzert stattfand, ein

Liederabend mit dem Countertenor Marco Beasley (14.10.), der von zwei italienischen Musikern Stefano Rocco mit Theorbe und Chitarra barocca und Fabio Accurso, Laute, stimmungsvoll begleitet wurde.

Welcher Raum hätte besser zum Motto des Abends “LA CLESSIDRA”, „das Stundenglas“, ein „Gerät“ zur Zeitmessung der Schütz-Zeit, passen können als diese Schatzkammer des Wissens und der Kunst des wissenschaftlichen Gerätebaus in vergangenen Zeiten, mit reich verzierten Uhren in sehr kunstvoller Ausführung, mit denen die Flüchtigkeit der Zeit einzufangen, festzuhalten, zu messen, zu erfassen und zu begreifen versucht wurde. Es war eine ideale Verbindung, eine Brücke zwischen gegenständlicher Kunst und „vergänglicher“ Musik aus etwa der gleichen Zeit. In der Pause hatten die Besucher Gelegenheit, die Schätze zu besichtigen und diese, vom Direktor des Museum, Peter Plaßmeyer, in einem Vortrag hergestellte Verbindung auf sehr angenehme Weise zu vertiefen.

In seinen Darbietungen verlieh Beasley den ausgewählten „Tarantellas“ und anderen, sehr geselligen Stücken der italienischen Renaissance eher Bodenständigkeit, unbekümmerte Lebensfreude, die auch seinem Habitus zu entsprechen schien. Sein Habitus wollte so gar nicht zu seinem ungewöhnlich zarten, überaus geschmeidigen, „engelgleichen“ Piano bis Pianissimo passen. Wenn „das Temperament mit ihm durchging“, er große Gefühlsausbrüche „startete“, wurde seine Stimmer herber, kraftvoller, verlor aber auch an Schmelz. Er verband beides, seine Empfindsamkeit für den Klang in einer breiten Palette an ausgeprägten Timbres und sein emotionales Temperament zu einer lebendigen, volkstümlichen und sehr aufgelockerten Interpretation, griff auch schon mal zu Kastagnetten, um seinem Gesang und seinen verbindenden Erläuterungen (in Englisch) Nachdruck zu verleihen, fügte auch humoristische Passagen ein und sorgte für ausgelassene Stimmung, die beim Publikum ankam – auch eine Art, Alte Musik einem breiteren Personenkreis als bisher zugänglich zu machen.

 Hier war nichts „akademisch erstarrt“, sondern pralles Leben, eine lebendige vitale Gefühlswelt, die in vergangenen Jahrhunderten nicht verdrängt wurde. Es war eine ganz andere Art des Gesanges, begleitet, untermalt und aufgelockert durch rein instrumentale Stücke, die die beiden Herren mit Klangsinn und technischem Können, das eine oder andere Mal auch solistisch, beisteuerten und der „Süße“ der Töne freien Lauf ließen. Es war ein Abend ungezwungenen geselligen Musizierens, der erst nach drei Zugaben, bei denen Beasley u. a. noch einmal seiner Vorliebe für die „Tarantella“ frönte, ausklang.

Eine andere Art, Alte Musik einem breiteren Hörerkreis als bisher zu erschließen verfolgte das Seconda Prat!ca Ensemble in der Loschwitzer Kirche in Dresden unter dem Motto „WELCHE WELT IST DIE ALTE?“ (15.10.), auch hier nicht akademisch, nicht antiquiert, sondern sehr lebendig. So kann man sich den Gebrauch dieser Musik in ihrer Entstehungszeit vorstellen, alles sehr locker und gelöst, wobei es Unterschiede und Grenzen zwischen volkstümlicher und kunstvoller Musik gab.

Das 2012 in den Niederlanden gegründete Ensemble aus jungen Musikern, 2 Sängerinnen, 2 Sängern und 5 Instrumentalisten mit Violine, Viola da Gamba, Kontrabass, Block- und Traversflöte, Gitarre, Orgel und Cembalo aus sehr verschiedenen Nationen weltweit, von denen einige mehrere Instrumente spielten und auch, sich auf ihrem Instrument selbst begleitend, sangen, ganz so wie es im 17./18. Jh. üblich war, locker und ungezwungen. Jeder konnte zeigen, was er kann und was ihn bewegte. Es war die Lust am Entdecken musikalischer Welten, inspiriert vom Entdecken neuer Welten.

Dieses internationale Ensemble machte es möglich, nicht nur Musikstücke aus aller Herren Länder, sondern auch begleitende Texte in vielen Sprachen von englisch über spanisch italienisch bis mexikanisch und japanisch mit musikalischem Gespür zu deklamieren und das Programm dadurch noch abwechslungsreicher und vielseitiger zu gestalten.

Aus den, untereinander immer sehr gut abgestimmten, oft temperamentvollen Beiträgen, darunter auch rhythmisch betonte, synkopierte Stücke, die sehr ansprechend, mitunter durchaus gegenwärtig und modern wirkten, wurde den Zuhörern ein weniger wissenschaftlich fundierter Einstieg, als vielmehr ein sehr lebendiges Nachempfinden der Alten Musik mit viel Musikalität und Musizierfreude in schöner Natürlichkeit geboten.

Die Sopranistin (Sofia Pedro) trat bei ihrem Gesang mit sehr sicher geführten musikalischen Linien hervor, sehr ausgeglichen, mit feinem Piano und nicht übertriebenem Forte.

Zwei Zugaben, eine instrumentale und eine von den 4 Gesangssolisten a capella gesungene, instrumental geführte, aber dabei mit Leben erfüllte, beschossen das Eintauchen in eine andere, eine ältere Geisteswelt, die doch für ihre Zeit sehr modern und umwälzend war, ein Aufbruch in eine neue Zeit die alles damals bisherige in den Schatten stellte, eine Zeit großer Umwälzungen und des Aufbruchs – die Renaissance. Mit ihren Interpretationen in einem neuen, frischen Stil wurde sie in sehr lebendiger Weise in unsere Zeit geholt.

Mit einem Konzert des französischen Serpent-Virtuosen Michel Godard im Jazzclub „Tonne“, einem Kellergewölbe unter dem Kurländer Palais in Dresden, wo August der Starke seine Trinkgelage abgehalten haben soll, ging das Heinrich Schütz Musikfest zu Ende. An zehn Tagen erlebten insgesamt rund 4750 Besucher in 5 Städten Mitteldeutschlands in sehr lebendiger Weise Alte Musik, deren Verbindung zur Jetztzeit gar nicht so fern liegt. Da die Konzerte meist den aufgeführten Stücken und ihrem intimen Charakter entsprechend, auch in kleineren, intimen Räumen stattfanden, ist das eine erfreuliche Bilanz.

Das nächste Heinrich Schütz Musikfest findet vom 6. ‑ 15. Oktober 2017, dem Jahr des Reformationsjubiläums statt. Unter dem Motto „Aus Liebe zur Wahrheit“ werden die vielfältigen Verflechtungen der Musik der Heinrich-Schütz-Zeit mit ihren gesellschaftspolitischen und religionsgeschichtlichen Entwicklungen in verschiedenster Weise beleuchtet. Artist in residence wird dann die renommierte Gambistin Hille Perl mit ihrem Ensemble sein.

Ingrid Gerk

 

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