Der Neue Merker

DRESDEN/ Kulturrathaus: EIN LIEDERABEND MIT JULIAN ORLISHAUSEN

Dresden/Kulturrathaus: EIN LIEDERABEND MIT JULIAN ORLISHAUSEN – 13.11. 2016

„Musik ist eine heilige Kunst“ lässt Hugo von Hofmannsthal in „Ariadne auf Naxos“ den Komponisten sagen bzw. Richard Strauss ihn singen. Dazu gehört auch das Kunstlied, das in seiner kleinen, meist feinen Form einen eigenen kleinen Kosmos aufbaut, seit  einigen Jahrzehnten aber im Musikleben Dresdens unverständlicherweise ein Schattendasein führt, wenn nicht gerade ein prominenter Weltstar angekündigt wird. Deshalb haben Sänger und Musiklieber mit Unterstützung von Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau, Edith Mathis, Brigitte Fassbaender, Robert Holl und Kurt Moll vor 20 Jahren die Reihe „Das Lied in Dresden“ ins Leben gerufen, bei der schon zahlreiche prominente Sängerinnen und Sänger, wie Angela Denoke, Camilla Nylund, Ricarda Merbeth, Bo Skovus, Markus Marquart, um nur einige zu nennen, mitgewirkt haben.

Für den letzten Liederabend dieser Saison war Josef Protschka, der in Dresden in guter Erinnerung ist, angekündigt. Da er leider wegen Krankheit absagen musste, war für ihn der junge Bariton Julian Orlishausen eingesprungen, den Wienern von der Volksoper und den Deutschen von den Opernhäusern in Kassel, Leipzig und Chemnitz sowie zahlreichen Konzerten bekannt. Auf seinem Programm standen Lieder von Robert und Clara Schumann und Ludwig van Beethoven.

Neben seiner Opernpräsenz besitzt Orlishausen alle Voraussetzungen für einen guten Liedgesang, sehr schönes, unverwechselbares Stimmmaterial, voluminös, ohne schrill zu werden, eine mühelose, gut klingende Tiefe und gestalterischen Willen.

Er begann seinen Liedvortrag mit drei Liedern von Robert Schumann, neben dem bekannten „Mit Myrthen und Rosen“, die bei anderen Liederabenden kaum zu findenden Lieder „Dein Angesicht“ und „Mein Wagen rollet langsam“, bei dem er die beschauliche Gemächlichkeit des Textes miterleben ließ. Dazwischen lenkte das kaum bekannte von enttäuschter Liebe berichtende „Sie liebten sich beide“ von Clara Schumann das Augenmerk auch auf deren kompositorische Fähigkeiten.

War bei dem ersten Liedkomplex noch ein bisschen Anspannung zu spüren, so verflog sie bei den „Fünf Liedern“ op. 40 nach Gedichten von Andersen und Chamisso von ihrem, als Komponist dominierendem Robert (in der Öffentlichkeit war sie damals die gefeierte Pianistin). Orlishausen sang diese Lieder sehr kultiviert.

Warum Lieder von Ludwig van Beethoven so selten auf den Programmen der Liederabende stehen, obwohl doch auch gerade da Peter Schreier Pionierarbeit geleistet hat, ist unverständlich. Möglicherweise liegt es an dem dafür erforderlichen Stimmumfang, mit dem,  Orlishausen keinerlei Probleme hatte. Er interpretierte den Liederkreis „An die ferne Geliebte“ (op. 98) sehr stilvoll und unterstrich noch einmal die Bedeutung und Schönheit dieser Lieder, die auch für Beethovens Privatleben von Bedeutung waren.

Den Höhepunkt bildete Robert Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ (op. 48) nach Gedichten von Heinrich Heine, den er mit Geschmack und Können und Sinn für besondere Details vortrug, wenn seine Interpretation auch nur mehr der direkten Seite von Heines Texten und ihrer Umsetzung durch Schumann galt und weniger ihrer hintersinnigen Doppelbödigkeit.

Am Flügel begleitete zuverlässig und richtig in Zeitmaß und Diktion Tatjana Dravenau. Auch wenn ihr Klavierspiel allen Anforderungen genügte, war es doch mehr ein  „Nebeneinander“ als ein gestalterisches Miteinander.

Als Zugabe erklang noch einmal Schumann, die „Wehmut“ aus den „Eichendorff-Liedern“ (op. 39), was zum Abschied des Liederabends nur insofern wehmütig stimmte, als das Kunstlied gegenwärtig nicht so viel Resonanz beim Publikum findet, wie diese Kunstgattung der kleinen, sehr feinen Form Aufmerksamkeit und Begeisterung verdient.

In Dresden ist man, was Liedgesang begrifft, durch Peter Schreiers intensive Interpretationen sehr verwöhnt. Sie hat Maßstäbe gesetzt, an denen noch immer jeder Sänger gemessen wird. Für die Zukunft ließ der Liederabend von Julian Orlishausen in dieser Richtung sehr viel hoffen.

2017 feiert „Das Lied in Dresden“ sein 20jähriges Bestehen. Das Jubiläumskonzert, das man sich jetzt schon vormerken sollte, findet am 5.3.2017 mit mehrstimmigen Chören von Franz Schubert statt.

 

Ingrid Gerk

 

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