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DRESDEN/ Kulturpalast: „SCHUBERTS GROSSE SINFONIE“ UND MOZARTS VIOLINKONZERT MIT ARABELLA STEINBACHER BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE

Dresden / Kulturpalast: „SCHUBERTS GROSSE SINFONIE“ UND MOZARTS VIOLINKONZERT MIT ARABELLA STEINBACHER BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE – 16.9.2017

Franz Schuberts – 1826 entstandene – „Große C-Dur-Sinfonie“ war bei diesem Konzert der Dresdner Philharmonie Titel und Hauptwerk des Abends. In vielen Konzerten steht diese Sinfonie nicht nur wegen ihrer „himmlischen Längen“ wie Schumann einst konstatierte (Spieldauer: ca. 60 min.), sondern auch wegen ihrer Einzigartigkeit allein auf dem Programm. Bei diesem Konzert wurden zwei, etwa ein halbes Jahrhundert früher entstandene Werke der Wiener Klassik vorangestellt.

Als erstes stand die sogenannte „Trauersinfonie“, die „Sinfonie e-Moll“ (Hob. 1:44) von Joseph Haydn auf dem Programm, entstanden um 1772. Bei Haydns wohlwollender Heiterkeit, die all seine Sinfonien prägt, mutet der Beiname „Trauersinfonie“ etwas befremdlich an und entstand möglicherweise aus dem (nicht verbürgten) Wunsch Haydns, das  „Adagio“ daraus, einen „con sordino“ (mit Dämpfer) zu spielenden Satz, zu seiner Beerdigung zu spielen. Andererseits findet sich im temperamentvollen, leicht dramatischen vierten und letzten Satz („Finale: Presto“) ein für Haydn und die damalige Zeit ungewöhnlicher, leicht düsterer Anflug, der an Mozarts „Don Giovanni“ denken lässt, aber wer wollte bei dem der Philharmonie eigenen schönen, warmen Klang an Traurigkeit denken. Vielleicht war es auch ein Ausflug des experimentierfreudigen Haydn in etwas ungewöhnlichere Klanggefilde.

Unter der Leitung von Juanjo Mena, Chefdirigent des BBC Philharmonic in Manchester und auch international, vor allem in den USA, tätig, spielte die Dresdner Philharmonie diese Sinfonie in raschem Tempo, gefällig und niveauvoll, mit Haydns freundlichem Wohlwollen und ohne Spur von Traurigkeit.

Heiter und gelöst erschien auch das drei Jahre später (1775) komponierte „Konzert für Violine und Orchester D-Dur“ (KV 218) von Wolfgang Amadeus Mozart, eines seiner fünf Violinkonzerte, die er als Jugendlicher in Salzburg komponierte und selbst spielte und die .

weniger wegen technisch brillanter Virtuosität (wie später bei Paganini), sondern vor allem wegen ihrer interpretatorischen Schwierigkeiten bis heute gefürchtet sind. „Sie wissen, dass ich kein großer Liebhaber von Schwierigkeiten bin“, schrieb Mozart einst und legte den Schwerpunkt auf Interpretation und Ausdruck.

Solistin des Violinkonzertes war die herausragende Münchner Violinistin Arabella Steinbacher, zum wiederholten Mal zu Gast bei der Dresdner Philharmonie. Mit ihrem feinsinnigen Spiel, ihrer hellen Tongebung und erforderlichen Klarheit und Ausgeglichenheit, geschmeidigem Strich und sehr feinen Differenzierungen in der Artikulation – wie sie Mozarts eigenem Spiel entsprochen haben mögen – kam ihre Interpretation seinen Intentionen und dem Charakter dieses Werkes sehr entgegen.

Mit faszinierender Feinheit präsentierte Arabella Steinbacher ein sehr ausdrucksstarkes „Andante con moto“ (2. Satz), mit Bravour und Schönklang meisterte sie mühelos die Kadenz und arbeitete im abschließenden Finale den mehrfachen Kontrast zwischen ruhigem „Andante grazioso“ und dem jeweils mit Taktwechsel unmittelbar folgenden spielerischen „Allegro ma non troppo“ mühelos fließend und „nahtlos“ heraus. Obwohl sie keine Schwierigkeiten kennt, stand bei diesem Auftritt das Nachspüren der Intentionen des jugendlichen Mozart im Vordergrund. Sie hat Mozarts Musizierstil genau erfasst und mit ihrem geschmeidigen Spiel und ihrer Ausdrucksstärke dem Publikum in einer glanzvollen Interpretation nahe gebracht.

Mit ihren virtuosen Fähigkeiten brillierte sie dann bei dem als Dank für den begeisterten Applaus als Zugabe gespielten 1. Satz aus der einzigen Sonate für Violine – solo von Sergej Prokofjew, sehr frisch, sehr virtuos und klangvoll, geschmeidig und temperamentvoll zugleich.

In sehr solider Interpretation erklang danach Schuberts „Große Sinfonie“. Sie wirkt schon allein „aus sich heraus“, ein Werk das immer fasziniert, gleich in welcher Interpretation. Die Philharmoniker spielten mit sehr viel Engagement und entsprechenden Qualitäten. Es fehlte lediglich noch ein wenig mehr Inspiration seitens des Dirigenten für die Feinheiten dieses Werkes. Juanjo Mena beschränkte sich auf zügiges Tempo, und obwohl er mit großen Gesten dirigierte und zuweilen sogar vom Podium „abhob“, blieb alles in sehr geordneten Bahnen.

Bei der Uraufführung 1839 im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy applaudierte das Publikum begeistert nach jedem Satz, was heutzutage als Untugend (und Unkenntnis) verpönt ist, damals aber als besonderes Lob und Zustimmung galt, und vor allem die Musiker waren damals ergriffen. Bei der jetzigen Wiedergabe konnte man sich jedoch des Eindruck einer gewissen Zurückhaltung nicht ganz erwehren, was vielleicht auch an dem zügigen Tempo lag. Man vermisste das gefühlvolle Sich-hinein-versenken in Schuberts Musik mit den vielen schönen Details (was nicht mit Sentimentalität zu verwechseln sein sollte).

Ingrid Gerk

 

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