Der Neue Merker

Dresden/ Kulturpalast: KONZERT DER DRESDNER PHILHARMONIE MIT KATIA UND MARIELLE LABÈQUE

Dresden / Kulturpalast: KONZERT DER DRESDNER PHILHARMONIE MIT KATIA UND MARIELLE LABÈQUE – 3.9.2017

Katia und Marielle Labèque sind in Dresden sehr gern gesehene Gäste. In dieser Saison sind die beiden Schwestern Capell-Virtuosinnen der Dresdner Philharmonie. Ihr perfektes Zusammenspiel als Klavierduo und ihre außergewöhnliche Energie faszinieren immer wieder aufs Neue. Obwohl sie an zwei Flügeln musizieren, verschmelzen ihre getrennt erzeugten Passagen zu einem harmonischen Klangbild.

Vor ihrem Auftritt am Sonntagvormittag erklang zunächst mit kleinem Orchester die heitere und unbeschwerte (sehr) frühe „Sinfonie B‑Dur“ (KV 22) von Wolfgang Amadeus Mozart. Er komponierte sie 1765 als neunjähriges Wunderkind am Ende der mit Vater und zuweilen auch Schwester unternommenen Konzertreisen, kaum genesen von lebensbedrohlicher Krankheit. Es war seine erste Sinfonie, die vermutlich von Vater und Lehrer Leopold noch ein bisschen korrigiert wurde, aber sie wurde 1766 bei „en Groot Concert“ in Den Haag als Komposition des Wunderkindes aufgeführt und verfehlte auch jetzt ihre Wirkung nicht. Es ist allemal interessant, durch die Aufführung solch seltener und wenig bekannter Werke die Entwicklung eines Komponisten zu verfolgen.

Unter der Leitung von Michael Sanderling wurde diese heitere, kleine, dreisätzige Sinfonie für 2 Oboen, 2 Hörner in B und Streicher von ca. 8 min. Spieldauer frisch und liebenswürdig musiziert, ein reizendes kurzes Werk voller Optimismus und Selbstvertrauen eines jungen Genies.

Danach folgte noch einmal ein Werk des jungen Mozart. Katia und Marielle Labèque widmeten sich dem „Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es‑Dur“ (KV 365) für 2 Oboen, 2 Fagotte, 2 Hörner und Streicher, das Mozart als 22Jähriger schrieb. Sein heiter-fröhlicher Charakter schien durch die ganz anderen Lebensumstände 12 Jahre später nicht getrübt, obwohl die Welt 1779 für das junge Genie ganz anders aussah. Seine erneute Reise nach Paris war die herbste Enttäuschung seines Lebens. Die Erinnerungen an das einstige Wunderkind waren verblasst. Nach Salzburg zurückgekehrt, schrieb er dieses dennoch sehr heiter anmutende Konzert für sich und seine Schwester und führte es später mit seiner Schülerin auf. Ungeachtet der äußeren Umstände strahlt es Glück und Freude aus und zeugt von übersprudelndem Erfindungsreichtum, der durch die Interpretation der beiden Schwestern Labèque besonders zur Geltung kam. Am Klavier war Mozart in seinem Element. Wenn er in die Tasten griff, waren Kummer und Sorgen vergessen.

Die beiden Pianistinnen griffen diese Heiterkeit auf. In 25 min. Spieldauer entfachten sie ein Feuerwerk an Wohlklang und Lebensfreude. Wie „ein Herz und eine Seele“ ließen sie dieses scheinbar so unbeschwerte Konzert mit dem ernsten Hintergrund unter ihren Händen entstehen, ein heiter wirkendes Werk eines selbstbewussten jungen Mannes, der wusste, was er konnte und sich von der Welt unverstanden fühlte.

In ähnlicher Situation, nur in anderen Dimensionen, befand sich Richard Strauss, als er neben „Don Quixote“ die Tondichtung „Ein Heldenleben“ (1897/98), ursprünglich als „Synphonie in Es‑Dur“ bezeichnet, schrieb und seine Probleme künstlerisch verarbeitete. Sie wird auch jetzt oft noch missverstanden und als „Selbstbeweihräucherung“ angesehen, obwohl sich Strauss darin selbstironisch als „Held“ sieht, umgeben von Kritikern, Neidern und sonstigen Widersachern, die ihn zu vernichten drohen, doch er widersetzt sich mit aller Kraft und trägt am Ende den triumphierenden Sieg davon. Nach „des Helden Weltflucht und Vollendung“ kann er dann seiner „Sehnsucht nach Ruhe durch „Flucht in die Einsamkeit“ nachkommen und sich seinen „Friedenswerken“ zuwenden.

Anders als Mozart flüchtet Strauss nicht in reine Heiterkeit, fernab aller ihn umgebenden Realität. Da geht es schon drastisch „zur Sache“. Er schildert die Persönlichkeit des Komponisten/Künstlers, seine Wünsche und Sehnsüchte, Reales und Philosophisch-Künstlerisches in seiner, für ihn typischen, direkten Tonsprache mit der er, wie er einst selbst von sich sagte, ein Glas Bier musikalisch so schildern könne, dass man hört, ob es ein Pilsner oder ein einfaches Bier wäre.

In seiner „Tondichtung für großes Orchester“ (op. 40) bringt er die Probleme in realistischer Schilderung zur (musikalischen) Sprache. Da geht es mitunter auch laut und scheinbar chaotisch zu, um mit geballter „Orchester-Ladung“ schonungslos „Dummheit, Kleinkariertheit und Engstirnigkeit“ zu karrikieren, was vom Orchester unter Sanderling trotz wuchtiger Lautstärke und (geordneten) Klangballungen mit bestechender Klarheit und – wie vorgesehen – als ein lärmendes „Schlachtengemälde“ mit vollem Orchester sehr „durchsichtig“ und unmissverständlich wiedergegeben wurde.

Musik lebt von Kontrasten, auch und besonders bei Strauss. So tauchte „des Helden“ Gefährtin“ in Form eines von Wolfgang Hentrich so hinreißend, zart, feinfühlig und klangschön wiedergegeben Violinsolos auf, das seines Gleichen sucht und mit dem er Akzente setzte. Auch nachdem das brausende Orchester „einfiel“, setzte Hentrich sein wunderbares Violinsolo, korrespondierend mit dem großen Orchester fort bis zur „Liebesscene“, einem Duett in musikalischem und geistigem „Gleichklang“ zwischen Solovioline und klangvollem Horn.

Nach kleinen Anfangsproblemen bei einigen Bläsern zur (Vor-)Mittagsstunde steigerten sich alle Ausführenden, einschließlich der Bläser, besonders Posaunen und Tuba, und die drei Trompeten aus dem Hintergrund, die sich vorher leise aus dem Orchester „davongeschlichen“ hatten, in schönem Dialog mit den Streichern und im kontrastreichen Wechsel zwischen lautstarken, fast „chaotischen“ und doch geordneten Teilen und schönen harmonischen Piano-Passagen zu Höchstleistungen.

Der Paukist verstand die große Kunst, auch die leisen Töne gut hörbar zu machen, sich mit seinem Instrument ideal in den Orchesterklang „einzumischen“ und die genau richtigen Akzente zu setzten, statt immer nur „auf die Pauke zu hauen“, was er bei expressivem Orchesterausbrüchen an den passenden Stellen auch konnte, kraftvoll, dröhnend und bedrohlich, aber immer im richtigen Maß, weder zu hart noch vordergründig – eine Kunst, die schon sehr selten geworden ist.

Alles in allem, war es eine besonders durchsichtige bzw. „durchhörbare“, inhaltlich gut verständliche und vor allem nachvollziehbare Wiedergabe dieses genialen Werkes.

… und noch etwas “ sei am Rande“ bemerkt:

Bei der Dresdner Philharmonie pflegt man noch die gute Tradition, verdienstvolle, langjährige Orchestermitglieder bei ihrem letzten Mitwirken vor ihrem Ruhestand auch für das Publikum sicht- und hörbar zu verabschieden. Intendantin Frauke Roth und weitere Vertreter der Philharmonie, auch Chefdirigent Sanderling, würdigten mit wenigen, aber herzlichen Worten das verdienstvolle Wirken ihres Solo-Klarinettisten, Kammermusikers und Kammervirtuosen Hans-Detlef Löschner, der an der Hochschule für Musik als Professor so manchem Studenten etwas mit auf den Weg gegeben hat und sich nach 30 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet  – Blumen – herzliche Umarmungen – Riesenapplaus vom Publikum und ein kleiner Artikel im Programmheft – eine würdige Ehrung.

Das war auch einst bei anderen Dresdner Orchestern üblich, bis es leider immer mehr abgebaut wurde und schließlich in Vergessenheit geriet. Jetzt wundert man sich nur noch hin und wieder, wenn da ein Musiker am Ende eines Konzertes plötzlich mit einem riesigen Blumenstrauß durch die Orchesterreihen zum Platz eines Kollegen „schleicht“ und freundliche Worte flüstert, von denen das Publikum nichts verstehen kann. Die jüngeren Konzertbesucher wissen dann überhaupt nicht, was da eigentlich vor sich geht.

Am Ende des Konzertes überreichte Michael Sanderling auch seinen Blumenstrauß an den Pensionisten in spe als symbolischen Dank des Orchesters und seine persönliche Wertschätzung.

Ingrid Gerk

 

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