Der Neue Merker

DRESDEN/ Kulturpalast: DRESDNER PHILHARMONIE ERÖFFNET IHRE NEUE KONZERTSAISON MIT DER „SINFONIE DER TAUSEND“ VON GUSTAV MAHLER

Dresden / Kulturpalast: DRESDNER PHILHARMONIE ERÖFFNET IHRE NEUE KONZERTSAISON MIT DER „SINFONIE DER TAUSEND“ VON GUSTAV MAHLER – 25./27.8.2017

Seit April dieses Jahres hat die Dresdner Philharmonie endlich einen neuen, eigenen Konzertsaal, den umgebauten Saal des Kulturpalastes. Die Anzahl der Plätze ist etwas geringer als vorher, aber die akustischen Verhältnisse um ein Vielfaches besser und der optische Eindruck den Ansprüchen an einen modernen Konzertsaal entsprechend. Jetzt eröffnete Dresdens zweites Spitzenorchester die neue Konzertsaison mit einem gewaltigen Paukenschlag, zwei Aufführungen (25. u. 27.8.) der 1906 von Gustav Mahler komponierten „Sinfonie Nr. 8 Es-Dur“, der „Sinfonie der Tausend“, wie sie wegen ihres monumentalen Aufführungsapparates (nicht von Mahler) genannt wurde, keine Sinfonie im eigentlichen Sinne, eher eine „Mischform“, eine großangelegte „Kantate“ oder ein sinfonisches „Oratorium“ mit fortlaufendem Wechsel zwischen reinen Orchesterpassagen, Chor und Solisten.

Die räumlichen Verhältnisse des neuen Saals schienen für den gewaltigen Aufführungsapparat wie geschaffen. Vier Chöre, der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Chor I), der MDR Rundfunkchor Leipzig (Chor II), beide in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen, sowie der Philharmonische Chor (Chor I und II) und der Philharmonische Kinderchor, beide in der Einstudierung von Gunter Berger, boten, auf die unterschiedlichen Emporen „rund“ um die neue große Konzertorgel verteilt, einen faszinierenden optischen Eindruck, der große Erwartungen hervorrief, die nicht enttäuscht wurden.

Infolge der guten Akustik, vor allem aber wegen der gewissenhaften Einstudierung mischte sich nicht nur der Klang der korrespondierenden Chöre auf den gegenüberliegenden Emporen in schönster Weise miteinander, sondern auch mit Orchester und Solisten und verschmolz zu einer großen, alles umschließenden Einheit, souverän geleitet von Chefdirigent Michael Sanderling, der sich ganz ausgab, um – kaum in die Noten sehend – das Riesenaufgebot an Ausführenden zu leiten und zu inspirieren. Durch die räumlich in der Höhe auf den vorderen Rängen verteilten Chöre, die Solisten vor dem Kinderchor auf dem mittleren Chor-Rang, das große Orchester auf dem eigentlichen Podium und das Fernorchester der Bläser im Rücken des Publikums mit der Wirkung eines klingenden Rückpositives einer riesigen Orgel entstand ein gewaltiger Raumeindruck, vergleichbar der Musizierpraxis in Renaissance und Barock, hier aber in vielfach vergrößerten Dimensionen.

Während der Erste Teil nach einem von Mahler gekürzten und in der Reihenfolge geänderten Text des katholischen Abtes, Erzbischofs und Gelehrten Rabanus Maurus, eines der bedeutendsten Gestalten des 9. Jahrhunderts (ca. 780 – 856) von Euphorie und an pantheistische Ekstase erinnernde Emotionen geprägt war, die in gewaltigem Forte und Fortissimo ihren Ausdruck fanden, wobei klangliche Härten nicht ausblieben, korrespondierten im Zweiten, wesentlich längeren Teil wuchtige, stark emotional geprägte Szenen mit gefühlvollen, lyrischen Szenen in feinstem Piano und Pianissimo, die in ihrer Feinheit und Klangschönheit kaum zu toppen waren. Immer wieder fielen auch schöne Instrumentalsoli auf.

Das international besetzte Solistenensemble mit Christine Brewer, die mit ihrem klaren, tragfähigen Sopran (Sopran I) das Solistenensemble anführte, Ailish Tynan (Sopran II), Heather Engebretson (Sopran III), Janina Baechle mit ihrer warmen, ausdrucksstarken Altstimme (Alt I), Gerhild Romberger (Alt II), Brandon Jovanovich mit kraftvollem, klarem Tenor, Stephan Genz mit sehr ausdrucksvollem Bariton und Ain Anger (Bass), fügte sich nahtlos in die Gesamtkonzeption ein und schaffte die jeweiligen Höhepunkte des Geschehens, denen Mahler durch die menschliche Stimme Ausdruck verlieh.

Mit dem beseelten „Chorus Mysticus“, dem eine bewegende Orchester-Passage vorausging, strebten Sanderling und alle seine Mitstreiter in einer gewaltigen, klar und klingend kulminierenden Steigerung einem grandiosen Höhepunkt und Abschluss zu. Es war eine Aufführung wie aus einem Guss, in sich stimmig, großangelegt und überwältigend, eine Aufführung, die schon, da diese Sinfonie wegen ihres gewaltigen Ausmaßes an Mitwirkenden nur sehr selten aufgeführt wird, umso mehr in ihrer Komplexität, Geschlossenheit und ungewöhnlich ausdrucksstarker Interpretation nachhaltig beeindruckte.

Ingrid Gerk

 

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