Der Neue Merker

DRESDEN/ Kulturpalast: CHARLES DUTOIT BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE

Dresden /Kulturpalast: CHARLES DUTOIT BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE – 24.9.2017

Der 80jährige, in Kanada lebende, Schweizer Weltklasse-Dirigent Charles Dutoit, der Grandseigneur unter den Dirigenten, der mit sämtlichen Orchestern auf nahezu allen großen Bühnen der Welt aufgetreten istund immer noch und immer wieder, wo er auftritt, das Publikum fasziniert, stand nun zum ersten Mal bei der Dresdner Philharmonie am Pult.Bei seinen musikalischen Klangreisen nimmt er sich allerEpochen und nationalen Besonderheiten an und vertiefte sich auch an diesem Abend intensiv in jedes der von ihm geleiteten Werkeauf einer „Tour“ durch Länder Europaa mit deutschem, schottischem, österreichischem, französischem und russischem Kolorit. Sein untrügliches musikalisches Empfinden teilte sich über das Orchester dem Publikum mit, das gebannt seinen Intentionen lauschte.

Mit dem ersten Werk, der Konzertouvertüre h‑Moll (op. 26) – „Die Hebriden“, die Felix Mendelssohn-Bartholdy 1831 auf seiner Reise nach Schottland komponierte, entführte Dutoit Musiker und Publikum in die Welt dieser rauen, bizarren Landschaft, um die von Mendelssohn eingefangene Stimmung nachzuempfinden. Die sehr klar geführten Stimmen der Instrumente, die sauberen, feinsinnigen Bläser, insbesondere das Fagott, das zusammen mit Bratsche und Cello das den Wellengang darstellende Hauptthema vorträgt, Flöten, Klarinetten, Hörner, Trompeten, der warmeStreicherklang mit einem besonders „geheimnisvollen“ Pianound die an das Donnergrollen erinnernde Pauke ließen die Landschaft der Hebriden mit der Fingalshöhle (Fingal’s Cave) vor dem geistigen Auge der Zuhörer entstehen und damit die Einzigartigkeit eines Meisterwerk der sinfonischen Naturdarstellung zwischen Klassik und Moderne erleben, das Richard Wagner dazu veranlasste, Mendelssohn als „erstklassigen Landschaftsmaler“ zu loben.

 Mit der Bezeichnung „Mit dem Dudelsack“der letzten Sinfonievon Joseph Haydn, der „Sinfonie D‑Dur“ (Hob I:104), die 1795 in London entstand, wa reine assoziative Verbindung zu Schottland gegeben. Da aber Haydn immer Haydn blieb – auch in England, war man gleichzeitig auch in Österreich. Dutoit legte die Sinfonie mit wesentlich größerem Orchester, als es Haydn jemals zur Verfügung stand, als große, eher romantische Sinfonie mit den gegenwärtig üblichen starkenKontrasten an und transformierte es stilistisch in unsere Zeit. Trotzdem blieb er auch Haydn,dem Komponisten mit dem freundlichen Wohlwollen und viel niveauvollem Humor, der immer mit etwas Neuem das Publikum überraschte, treu.

Mit schlankem Ton, sehr feinen, gefühlvollen Piano-Passagen und schönem, klingendem Mezzoforte, in dem Haydns Persönlichkeit immer wieder „durchblickte“, und dann wieder mit großer Geste machte Dutoit die Sinfonie zu einem großartigen musikalischen Erlebnis und bewies damit, wie gegenwärtig Haydns Musik auch in unserer Zeit ist. Das zuweilen, insbesondere im 4. Satz und im rasanten Finale, sehr zügig gewählte Tempo ging nicht auf Kosten der Klarheit. Dutoit versteht die Kunst der feinen Dosis, das „Zünglein an der Waage“, um das genau richtige Maß – auch bezüglich des Tempos – für jedes Werk zu finden.

Das galt auch für die „Valses nobles et sentimentales“ (1911/12) von Maurice Ravel, mit denen man in Paris angekommen war. Zu Beginn „platzten“viel Blech und Schlagzeug herein, aber immer noch angenehm, nicht zu hart. Zunächst ging es gar nicht sentimental zu, dann aber gefühlvoll, sinnierend, fast ein bisschen melancholisch, um später erneut zu übermütigen Temperamentsausbrüchen vorzustoßen. Die Dresdner Philharmonie spielte auch hier sehr klar und trotz allem „durchsichtig“. Dutoit versteht die Kunst, das Orchester zu Leidenschaftlichkeit, Lautstärke und mitreißendem Temperament zu animieren, ohne derb oder vordergründig zu werden. Er hatte alles „im Griff“, einschließlich Pauke, Blech und gesamtes Orchester und ließ die „Valses“ leise ausklingen.

Ganz leise, vorsichtig, geheimnisvoll, einen atmosphärischen Klangzauber in nächtlicher Stille entfaltend, begann „L’oiseau de feu“ („Der Feuervogel“, Konzertsuite Nr. 2 (1919) von Igor Strawinsky, womit die Klangreise noch in Paris, aber auch in Russland angekommen war. Strawinski hatte das „Feuervogel“-Ballett nach zwei russischen Märchen für die legendären, in Paris agierenden, „Balletsrusses“ geschrieben. Schattenhaft wirkende Klänge der tiefen Streicher, Posaunen, große Trommel sowie die übrigen Streicher, schöne Solo-Oboe, gutes Horn, kleines feines Violinen-Solo und kleines Cello-Solo ließen Feuervogel, Zaubergarten mit Wunderbaum, Märchenheld und 13 verzauberte Jungfrauen plastisch erstehen, bis der Zauberer in Form der Pauke hereinbrach und ganz andere Töne anschlug. Leicht rhythmisch betont, waren große Trommel und Pauke auf dem Höhepunkt des dramatischen Geschehens reichlich im Einsatz, dann wieder feine Streicher mit Harfe, feinstes Pianissimo (trotz Huster im Raum hörbar), leise verklingend, siegreich erlösend mit langem Paukenwirbel und Schlag auf der großer Trommel, den Tod des Zauberers ankündigend, und danach ein frohes, siegreiches Ende entführten in eine Märchenwelt voller Gegensätze– wie  es im Märchen üblich ist.

Es war ein musikalischer Abend auf hohem Niveau, ein „Streifzug“ durch unterschiedliche Gefilde der europäischen Musik mit sehr unterschiedlichen Werken, zwischen denen es durch die Persönlichkeit Dutoits eine ideelle Verbindung gab.

Ingrid Gerk

 

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