Der Neue Merker

DRESDEN/ Kreuzkirche: „WEIHNACHTSORATORIUM“ VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR

Dresden/Kreuzkirche: „WEIHNACHTSORATORIUM“ VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR – 17.12.2017

Trotz der vielen Aufführungen des „Weihnachtsoratoriums“ von J. S. Bach, des wohl beliebtesten „klassischen“ Werkes für die Weihnachtszeit, in und um Dresden war die Kreuzkirche, Dresdens größte Kirche mit über 3000 Sitzplätzen, auch bei der 3. Aufführung der Kantaten I, II und III mit dem Dresdner Kreuzchor bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Kantaten IV, V und VI werden dann sinnvollerweise in der Zeit nach Neujahr aufgeführt, wofür sie von Bach vorgesehen waren.

An diesen Terminen wird beim Kreuzchor sinnvollerweise auch weiterhin festgehalten, auch wenn das Interesse des Publikums unverständlicherweise nach Weihnachten merklich nachlässt, obwohl gerade diese Kantaten von besonderer musikalischer Brisanz sind und mehr und mehr an anderen Aufführungsorten dazu übergegangen wird, auch die Kantaten IV, V und VI einzeln oder insgesamt vorzuziehen.

Ob es nötig ist, die seit dem Krieg vor mehr als 70 Jahren ruinösen Sandsteinsäulen und plastischen Bildwerke im Inneren der Kirche lila-rosa anzustrahlen, sei dahingestellt. Bei der Qualität der Aufführung spielte das keine Rolle.

Nach anfänglichen, leichten Temposchwankungen und kleinen Unstimmigkeiten, die sehr schnell abgefangenen wurden, fanden sich Dresdner Philharmonie und Dresdner Kreuzchor mit ihren Qualitäten und Erfahrungen sehr bald zu einer wirklich festlichen, erwartungsvollen, trompetenüberglänzten und diesen Glanz von der Pauke unterstreichenden, Wiedergabe des Eingangschores „Jauchzet, frohlocket“ zusammen.

Das unterschiedlich besetzte, aber sehr erfahrene und leistungsfähige Solistenquartett widmete sich seinen Aufgaben mit großer Intensität, Engagement und Können. Zurzeit orientieren sich erfreulicherweise auch junge Sänger an den schon einmal bei Oratorienaufführungen erreichten hohen Maßstäben. Zu ihnen gehört Tobias Hunger, der einst als Kruzianer an dieser Stelle auch das „Weihnachtsoratorium“ im Chor oft mitgesungen und Maßstäbe setzende Evangelisten erlebt hat. Seit einigen Jahren ist er selbst ein international gefragter Konzert- und Oratoriensänger, dessen besondere Aufmerksamkeit der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts gilt, und ein sehr guter Evangelist, der mit hell timbriertem Tenor (und etwas vorsichtiger Höhe), sehr deutlicher Textbehandlung und Deklamation den Evangelien-Bericht ausdrucksvoll, aber nicht übertrieben, sondern wie eine geheimnisvolle Botschaft, herüberbrachte und durchgängig wie mit dem berühmten „roten Faden“ zu einer guten, in sich geschlossenen Aufführung beigetrug. Die Tenor-Arie sang er ebenfalls mit geschmeidiger Stimme und zahlreichen, durchaus sinnvollen Verzierungen.

Ingeborg Danz, eine bewährte Oratoriensängern gestaltete mit ihrer warmen, geschmeidigen Altstimme die innigen Alt-Arien stilvoll, mit Transparenz und einigen wenigen, mit Leichtigkeit ausgeführten Verzierungen bei der Wiederholung des ersten Teiles einer Arie (A‘). Ihre Stimme war vielleicht etwas leise für den großen Kirchenraum, dürfte aber bei der Stille, die während der Aufführung bei den aufmerksam lauschenden Besuchern herrschte, noch gut überall im großen Kirchenraum zu hören gewesen sein. Ihre Stimme verband sich zu schönem Gleichklang mit den begleitenden Instrumenten, insbesondere mit dem ausdrucksvollen, mit schönem, geschmeidigem Ton vom 1. Konzertmeister der Dresdner Philharmonie (Wolfgang Hentrich) gespielten Violinen-Solo bei der Begleitung der Arie „Schließe, mein Herze dies selige Wunder…“.

Jochen Kupfer, ein bewährter Opern- und Oratoriensänger widmete sich der Basspartie mit der nicht unproblematischen Arie „Großer Herr und starker König“ mit sehr viel Engagement. Er sang souverän mit seiner schlanken, relativ hell timbrierten, gut klingenden Bass-Stimme und schöner Transparenz sehr deutlich jedes Wort und jeden Ton und fügte ebenfalls stilvolle Verzierungen ein. Er orientierte seinen Gesang an Inhalt und Text der Rezitative und Arie, mitunter freudig akzentuiert, wie es bei Weihnachtsmusik angebracht ist, ohne zu übertreiben, sondern stets im Rahmen der Bach‘schen Musik und der Ernsthaftigkeit der Aussage. In den 1960er /70er Jahren waren Verzierungen bei den Arien unüblich (sogar verpönt). Jetzt lassen viele gute Oratorien-Sängerinnen und Sänger diese Kunst wieder aufleben – mit Erfolg und guter Wirkung.

Obwohl der Sopran in den ersten drei Kantaten nur wenig „beschäftigt“ ist, setzte Ute Selbig mit dieser relativ kleinen Partie durch ihre klangvolle, „engelreine“ Stimme und mit ihrer idealen, innigen Gestaltung allein bei der „Engelsverkündigung“, einen außergewöhnlichen Glanz- und Höhepunkt und im Duett mit dem Bass ein exemplarisches Beispiel für eine niveauvolle Wiedergabe.

Mit der (obligatorischen) Wiederholung des Eingangschores von Kantate III „Herrscher des Himmels…“ mit festlichem Trompetenglanz schloss sich der Kreis einer Aufführung, bei der alle Beteiligten mit großem Engagement und Gestaltungswillen beteiligt waren. Jeder der vier Solisten gestaltete bestmöglich seine Partie. Der Chor sang mit schönen Stimmen, auch einmal mit etwas dominanten Männerstimmen, im Allgemeinen aber mit gutem Gesamtklang, sehr diszipliniert und auch bei raschem Tempo mit schöner Klarheit. Die Dresdner Philharmonie trug mit ihren, an dieser Stelle immer wieder bewährten Qualitäten und als besonderes „Kleinod“ mit der lieblich, feierlich-festlich musizierten „Sinfonia“ voller Wohlklang und Wärme zu einer sehr guten Aufführung bei.

In Dresden ist man durch viele Jahre und Jahrzehnte großartiger Oratorienaufführungen sehr „verwöhnt“. Da fallen auch kleinste Unstimmigkeiten auf. Die bewährten Ausführenden werden diesen hohen Maßstäben aber immer wieder gerecht (anders verhält es sich mitunter bei „Gästen“ im Solistenensemble). Insgesamt hinterließ diese Aufführung unter der Leitung von Kreuzkantor Roderich Kreile mit ihrem festlichen Charakter und sehr guten Einzelleistungen einen sehr freudigen, festlichen Gesamteindruck.

Ingrid Gerk

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