Der Neue Merker

DRESDEN/ Kreuzkirche: „PAULUS“ von Felix Mendessohn-Bartholdy mit dem DRESDNER KREUZCHOR und der SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE –

Dresden/Kreuzkirche: „PAULUS“ VON FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR UND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE – 23.9.2017

Neben den alljährlichen, einer langjährigen Tradition entsprechenden, „obligatorischen“ Aufführungen von „Matthäuspassion“, „Brahms-Requiem“, „Weihnachtsoratorium“ usw. findet beim Dresdner Kreuzchor immer auch eine zusätzliche Aufführung eines anderen großen Oratoriums statt. In diesem Jahr war es „Paulus“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Dass bei dieser Aufführung nicht – wie gewohnt – die Dresdner Philharmonie, die an diesem Abend ein eigenes Konzert mit dem Schweizer Star-Dirigenten Charles Dutoit hatte, das Orchester bildete, sondern die Sächsische Staatskapelle Dresden war zwar angesichts der kontinuierlichen Mitwirkung der Dresdner Philharmonie in den vergangenen Jahrzehnten etwas ungewohnt, aber nicht eigentlich ein Novum. Zu Zeiten des legendären Kreuzkantors Rudolf Mauersberger teilten sich die beiden großen Dresdner Orchester in die Aufführungen der geistlichen Großwerke, bis – vermutlich aus terminlichen Gründen – mehr und mehr die Philharmonie fast alle Aufführungen – bis auf wenige Ausnahmen mit anderen Orchestern – übernahm. Es gibt zwar Unterschiede hinsichtlich des spezifischen Klanges beider Orchester und auch in der Gestaltung, aber bei diesen Aufführungen kaum Qualitätsunterschiede.

Die Sächsische Staatskapelle leitete mit sehr schönen Streichern, ihrem berühmten Klang und viel Verständnis der Musiker für die Musik Mendelssohns die Aufführung mit der „Ouvertüre“ ein, bildete das klangschöne Fundament der gesamten Aufführung und begleitete Solisten und Chor mit gleichem Stilempfinden und adäquater Klanglichkeit, wobei es oft zu beglückender Übereinstimmung von vokalem und instrumentalem Klang kam, die ihren Höhepunkt beim bewegenden Schlusschor fand.

In ungewöhnlich großer Besetzung erfüllte der Dresdner Kreuzchor seine Aufgaben zuverlässig. Die sehr sicheren, kraftvollen (Jung-)Männerstimmen übernahmen die Führung (wobei sich mitunter einzelne gute (Bass-)Stimmen etwas hervortaten), und es gab sehr schöne, ausgeglichene Passagen zusammen mit den Knabenstimmen im Mezzoforte und Piano – und ein besonders feines Piano bei dem Chor „Seid uns gnädig, hohe Götter“. Nur die Choräle erschienen etwas gedehnt. In den dramatischen Szenen konnte der Chor zusammen mit dem Orchester auch „schlagkräftige Wucht“ entfalten sowie ein großes Crescendo. Man vermisste ein wenig die gewohnte Klarheit und Durchsichtigkeit bis in jedes Detail und dass manch besonders schöne Stelle noch intensivere Beachtung gefunden hätte, aber der Gesamteindruck war gut.

Das Solistenensemble war mit sehr guten, stilerfahrenen Sängerinnen und Sängern besetzt. Die Österreicherin Elisabeth Breuer ist beim Dresdner Kreuzchor keine Unbekannte. Sie sang bereits 2016 in J. S. Bachs „h-Moll-Messe“ die Sopranpartie. Jetzt meisterte sie die relativ umfangreiche Sopranpartie des „Paulus“-Oratoriums in dem großen Kirchenraum innerhalb der Grenzen ihrer nicht allzu großen, wenn auch hübschen, Stimme dank guter Gesangstechnik, in der Höhe mitunter ein wenig forcierend, aber immer in Übereinstimmung mit dem Orchester, womit sehr schöne Klangwirkungen entstanden.

Rebecca Martin verlieh „Rezitativ und Arioso“, dem einzigen solistischen Auftritt der Altpartie, sowie noch einmal in der Schluss-„Szene“ des Oratoriums im Ensemble mit ihrer weichen, klangvollen Stimme, einer Stimme, die bewegt, menschliche Wärme und Ausstrahlung.

Patrick Grahl verfügt über das genau richtige Maß an Stimmkraft, Flexibilität der Stimme und Ausdrucksmöglichkeiten für den Oratoriengesang und war damit für den großen Raum der Kreuzkirche ideal geeignet. Sehr deutlich in Diktion und Artikulation ging kein Ton, kein Wort verloren. Schnörkellos und sachlich, dabei aber sehr eindrucksvoll gestaltete er die Tenorpartie vom sehr klaren, gut klingenden Pianissimo bis zum kraftvollen Fortissimo.

Mit seiner großen Gestaltungskraft und seiner sehr angenehmen, nicht vordergründigen, dennoch aber mitreißenden Art, fernab von Theatralik, war er der ideale Tenor sowohl für die Rezitative, mit denen er als „Erzähler“ (oder „Berichterstatter“) die Handlung umspannte, als auch für die Arien und Duette, was in der mit einem beeindruckenden Cello-Solo begleiteten Tenor-Kavatine „Fürchte dich nicht“ gipfelte. Hinzu kommt bei ihm eine sehr gute, niveauvolle Gestaltung je nach Inhalt, Stimmung und Emotionen von Text und Musik. Seine große Sicherheit ermöglicht ihm, Wort und Klang „im Raum stehen zu lassen“, gleichsam den Raum wirkungsvoll mit einzubeziehen.

Nicht minder beeindruckend gestaltete Kaus Mertens mit jederzeit präsenter Stimme in allen Lagen und seinen Erfahrungen im Oratorienfach sehr zuverlässig und mit perfekter Diktion und Artikulation die Basspartie.

Beide, Tenor und Bass, sangen mit höchster Qualität, ohne die geringste Ungenauigkeit und ließen keine Wünsche offen. Im Duett verbanden sich ihre beiden Stimmen mit der gleichen perfekten Gestaltung fast deckungsgleich – ein äußerst seltener Glücksfall.

Die Gesamtleitung dieser beeindruckenden Aufführung lag in den Händen von Kreuzkantor Roderich Kreile.

Ingrid Gerk

Diese Seite drucken