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DRESDEN/ Kreuzkirche: AUFRÜTTELNDES GEDENKKONZERT BEIM DRESDNER KREUZCHOR ZUR ERINNERUNG AN DIE ZERSTÖRUNG DRESDENS IM JAHR 1945

Dresden/Kreuzkirche: AUFRÜTTELNDES GEDENKKONZERT BEIM DRESDNER KREUZCHOR ZUR ERINNERUNG AN DIE ZERSTÖRUNG DRESDENS IM JAHR 1945 – 11.2. 2017

Als 1995, nach 50 Jahren, Stimmen laut wurden, die Toten ruhen und das Gedenken an den Tag, als Dresden im Bombenhagel gegen Ende des 2. Weltkrieges unterging, auf sich beruhen zu lassen, bestand die Bevölkerung darauf, auch weiterhin mit Gedenkkonzerten die Erinnerung daran wach zu halten – was später auch Christian Thielemann beeindruckte, als er nach Dresden kam – und sie hatten Recht. Der Tag ist zur festen Tradition geworden, auch einige andere Städte folgen inzwischen diesem Beispiel. Traditionsgemäß finden die Dresdner Gedenkkonzerte am 13./14. Februar, dem Tag bzw. der Nacht der Bombenangriffe, statt, in diesem Jahr beim Dresdner Kreuzchor bereits zwei Tage vorher.

Traditionsgemäß wurde – wie jedes Jahr – die Motette „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger, dem damaligen Kreuzkantor, der während seines über vier Jahrzehnte währenden Wirkens den Kreuzchor zu Weltruhm führte und unter dem Eindruck des unmittelbaren Erlebens des Angriffs, bei dem auch 11 Kruzianer starben, die Motette wenige Wochen später, am Karfreitag, niederschrieb. Einige Monate danach wurde sie in der ausgebrannten Kreuzkirche vom Kreuzchor unter seiner Leitung uraufgeführt. Bis zu seinem Tod erklang sie alljährlich am 13. Februar vor seinem, ebenfalls unter dem Eindruck des Bombenangriffs komponierten, „Dresdner Requiem“, einem bedeutenden Werk, das man seither an dieser Stelle vermisst. Es wurde lediglich außerhalb Dresdens noch einige Male von anderen Chören aufgeführt. Bei dem diesjährigen Gedenkkonzert wurde stattdessen das Thema „Krieg und Frieden“ mit Kompositionen von Arnold Schönberg und Frank Martin thematisiert.

Mauersbergers Motette nach Bibeltexten, Teilen aus den „Klageliedern des Jeremias“, die verblüffende Ähnlichkeit mit dem Untergang Dresdens aufweisen, wurde vom Dresdner Kreuzchor und dem Vocal Concert Dresden, einem ausgezeichneten Laienchor (Leitung: Peter Kopp) mit besonderer Hingabe in hoher A-capella-Qualität, Reinheit des Klanges und ungewöhnlicher Klangschönheit – auch bei harten und dem Text entsprechend, eingetrübten Klängen aufgeführt, aber auch mit lieblichen, sehr feinen Frauenstimmen und Knabensopranen des Kreuzchores, einer kurz aufblühenden Erinnerung an die Stadt, „von der man sagt, sie sei die allerschönste, der sich das ganze Land freuet“ gewesen und „sie hätte nicht gedacht, dass es ihr zuletzt so gehen würde“, bis hin zu den düsteren Klängen, wenn es um die unfassbaren Ereignisse, die grauenvollen Eindrücke und dieses „Warum?“ geht, fast bildhaft „ein Feuer aus der Höhe … gesandt“ wird und Trauer, Düsternis, Verzweiflung, innere Leere und Ratlosigkeit sich ausbreiten.

Bei dieser Interpretation wurden die Vorzüge der trotz aller Bestürzung in ihrer Art „harmonischen“ Komposition sehr deutlich. Es gab immer wieder feine, beseelte Piani und kraftvolles, emotionsgeladenes, maßvolles Forte mit gleitenden Übergängen in feinster, dezenter Phrasierung, eine ausgewogene Wiedergabe trotz aller emotionalen Erschütterung und Verzweiflung.

Danach war – auch in Mauersbergerscher Tradition, bei der das Glockengeläut an passender Stelle in seine Oratorienaufführungen einbezogen wurde – das Geläut der Kreuzkirche, ein besonders schönes Geläut, das den Angriff überstanden hat, zu hören.

Es folgte Arnold Schönbergs ernüchternde Komposition „Friede auf Erden“ (op. 13) für gemischten Chor, ebenfalls a capella, aus einem profaneren Anlass, 1906/1907 nach einem Text des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer für ein Preisausschreiben komponiert, ein vierstrophiges Stück, beginnend mit der Weihnachtsbotschaft in zunächst an traditionelle Vertonungen erinnernder Umsetzung des Textes, die beinahe ausufernde Schilderung der „blut’gen Taten“ von denen die Welt voll ist, und schließlich die Hoffnung auf eine Welt in Harmonie, die Schönberg später als „Illusion“ erkannte, da „Friede auf Erden nur möglich ist unter schärfster Bewachung der Harmonie“. Die großen Intonationsschwierigkeiten, an denen eine geplante Uraufführung der ursprünglichen Fassung scheiterte, bewältigte der gemischte Chor problemlos. Es wurde sehr sauber und mit zwingender Expressivität gesungen.

 Als Hauptwerk folgte das Oratorium („Oratoria bréve“) „In terra pax“ von Frank Martin nach Texten aus der „Offenbarung des Johannes“ und anderen Bibelstellen, gesungen in französischer Sprache, die jedoch nur beim Tenor, Eric Stocklossa, gut zu verstehen war. Er gestaltete seinen Part souverän, mit gut klingender Stimme, sehr guter Artikulation und in Szenen mit dem Chor in genau richtigem Maß entsprechend kraftvoll. Mit seiner alles bewältigenden Stimme und guter Technik konnte er es sich leisten, sich ganz dem Ausdruck zu widmen, Worte und Töne zu „zelebrieren“.

Stephan Loges „Baryton“/Bass hatte den größten solistischen Anteil zu bewältigen, was er mit ebenfalls angenehmer Stimme, viel Engagement und Ausdruck tat. Ebenfalls stark gefordert war Annekathrin Laabs, die die Altpartie mit ihrer vollen, wohlklingenden Stimme, insbesondere bei ihrer umfangreichen Schilderung von Jesus als still duldendem Erlöser (Teil III, VIII) stark beeindruckte, versöhnend und ausdrucksstark gestaltend. Sie beherrschte auch die extremen Sprünge in Höhe und Tiefe, kraftvoll und empfindsam, eruptiv und getragen, begleitet von den sanften Klängen der Streicher der Dresdner Kapellsolisten (führende Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle Dresden).

Zu dem durchweg gut und der jeweiligen Partie entsprechend besetzten Solistenensemble, das in sehr guter Abstimmung mit dem Chor korrespondierte und sich auch untereinander bestens abstimmte, gehörten auch Julia Sophie Wagner, Sopran, die die richtigen Akzente setzte und in der Friedensbotschaft (Teil II, VI) sehr gut mit dem Tenor im „Dialog“ harmonierte, sowie Julian Orlishausen, Bass, der seiner Aufgabe ebenfalls sehr gut gerecht wurde.

Die Dresdner Kapellsolisten begleiteten mit großem Einfühlungsvermögen und trugen sehr zu einer eindrucksvollen Gesamtwirkung bei. Mit zwei Pauken wurden Inhalt und Anliegen des Werkes, leise beginnend, langsam anschwellend und mit lautstarkem Wirbel beinahe bis an die Schmerzgrenze unterstrichen, bis das erschütternde Werk decrescendo ausklang und dem gegebenen Anlass entsprechend, auf Applaus verzichtend, Ausführende und Publikum in langer Stille reglos verharrten, bis erst die Solisten, dann das Orchester und schließlich der Chor, der an diesem Abend, stark gefordert, seinen Aufgaben bestens gewachsen war, sehr leise den Aufführungsort verließen.

Die Gesamtleitung lag in den Händen von Kreuzkantor Roderich Keile.

Ingrid Gerk

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