Der Neue Merker

DRESDEN/ Kraftwerk Mitte/ Theater für Operette und Musical: ORPHEUS IN DER UNTERWELT

Dresden/Kraftwerk Mitte, Theater für Operette und Musical: „ORPHEUS IN DER UNTERWELT“ – 18.1.2017

Als erste Premiere (17.12.2016) im neuen Domizil der Staatsoperette bzw. des „Theaters für Operette und Musical“, dem viel diskutierten Kraftwerk Mitte, hatte man sich für den Publikumsrenner „Orpheus in der Unterwelt“ entschieden. Eine Operette musste es schon sein, denn im Bewusstsein der Dresdner hat die Operette immer noch das Primat, was auch in der „Eröffnungsgala“ „aufgespießt“ wurde. Das Musical kommt noch immer an zweiter Stelle und hatte mit Leonard Bernsteins „Wonderful Town“ etwas später Premiere (22.12.2016). Im Gegensatz zur Premiere sind spätere Aufführungen oft wesentlich gelöster und zeigen sogar, dass man Kritik als Qualitätsverbesserung verstanden hat, weshalb hier über eine der zahlreichen, etwas späteren „Orpheus“-Aufführungen berichtet wird.

Obwohl Jacques Offenbachs „Opéra bouffe“ schon über 150 Jahre alt ist, hat sie doch, witzig, spritzig, zeitkritisch und voller menschlicher und sonstiger Schwächen und Probleme, nichts an ihrer Bühnenwirksamkeit und sogar Aktualität eingebüßt. Die Publikumsresonanz scheint noch immer ungebrochen, wie der Besuch zeigte.

Schon lange kriselt es in der Ehe von Musikprofessor Orpheus (Ricard Samek), der sich weniger auf Gesang versteht, sondern auf Geigenunterricht verlegt hat, und Eurydike (Maria Perlt), die sich aus lauter Langeweile jedem sich bietenden Liebhaber zuwendet, u. a. auch Pluto, dem Höllengott (Radislaw Rydlewski), der nicht gerade schön singt und sie in sein Reich entführt, was bei Orpheus eher einen Freudentaumel als Bestürzung auslöst. Er mag ohnehin seine Violin-Schülerinnen mit ihrem hübschen Geigenspiel ‑ das von einer jungen, sehr ansprechend musizierenden Geigerin aus dem Orchestergraben kommt ‑, viel mehr.

Jedoch die Öffentliche Meinung zwingt ihn moralisch und augenfällig, wenn sie ihn z. B. samt seinem Denkmalssockel wie einen Hund an der Leine führt, immer den äußeren Schein zu wahren. Er muss die schöne, verlorene Gattin, die von Pluto in Liebesdingen bereits vernachlässigt wurde und sich nun bei Göttervater Jupiter, der sich bei seiner ansehnlichen, aber schon etwas älteren, Gattin Juno langweilt, immer auf Liebesabenteuer aus ist, und Eurydike – einmal ganz anders – als Fliege umschwärmte, ganz wohl fühlt, dem klassischen Mythos zufolge, wieder ans Tageslicht führen, was sie bekanntlich nicht wieder erreicht, denn er darf sich nicht nach ihr umdrehen! Das tut er auch wirklich nicht, sondern mehr wegen eines plötzlichen, von Jupiter ausgelösten, Blitzknallers und die Sache ist „out“. Im Verlauf der Handlung bietet sich für Göttinnen und Götter, die sich auf ihrem Olymp bei fadem Liebesleben in ihrer Dekadenz langweilen, eine schöne Gelegenheit für eine „kleine Abwechslung“ bei einem „Abstecher“ in die Unterwelt.

Die Handlung ist vielschichtig, die Umsetzung hier opulent und etwas überfrachtet. Das Libretto bietet für die Inszenierung (Arne Böge) viele Möglichkeiten und Lesarten. Hier wurde nichts ausgelassen – außer der kritischen Parodie ‑, ansonsten aber weder Nummern, noch Möglichkeiten, die Ballett, Licht- und Showeffekte und die neue Bühnengestaltung und Bühnentechnik im Haus bieten, ein bisschen modernes Regietheater inclusive, um das Genre aufzupeppen. Offenbar hatte man Publikumswirksamkeit mit vielen „Show-Effekten“, viel „Action“ und ständiger Bewegung im Sinn. Die Satire ging unter im Rausch der Kostüme (Uta Heiseke), Balletteinlagen (Choreografie: Radek Stopka) und vor allem der opulenten Bühnengestaltung von fettFilm, die die Aufmerksamkeit zwingend auf sich zog.

Die beiden Videokünstler Momme Hinrichs und Torge Møller setzten alles ein, was Bühnentechnik, Fantasie und Dynamik bieten. Ihre Spezialität ist, Videokunst und Handlung zu vielfältigen, bunten, fast verwirrenden Bühnenbildern zu verschmelzen, wobei die Videokunst dominiert und hier bei der Handlung leicht der rote Faden verlorenging.

Bekannte, locker in den Raum schräg und quer gestellte, „Gemälde“ berühmter Maler von (Korn-)Feld, Wald und Wiese, teilweise auch in dynamischer Bewegung, bilden (nicht immer) das (richtige) Pendant zur Handlung. Projektionen und Laser-Show-Effekte schufen für ca. 2 Std. ein dynamisches Feuerwerk (Pause zusätzlich) mit Formen und Farben, die die eigentliche Handlung in den Hintergrund drückten. Das Konzept ist in unterschiedlicher Weise auf die Gegenwart zugeschnitten, nicht nur mit reißerischen Presse-Überschriften, die die Tatsachen bewusst verdrehen.

Was die Kostüme betrifft, ist man bei manchem großen Opernhaus schon lange nicht mehr „verwöhnt“. Hier gönnte man sich erfreulicherweise zum Teil elegante, liebevoll bis ins Detail gestaltete Garderobe im Stil des ausgehenden 19. Jh. für die konservative Götterwelt, und auch welche mit modernem Touch, u. a. für die lebenslustige Eurydike und den Liebes-Kind-Gott Kupido.

Rasante, sehr gut einstudierte und optisch wirksame Balletteinlagen, die in einfallsreicher Choreografie die Handlung durchkreuzen und untermalen, taten ein Übriges. Die „Insekten-Liebespolizei“ in den sächsischen Landesfarben sorgte für spontane Heiterkeit. Mal ehrlich, der „Höllen“-Cancan, mit dem die Götter und das Publikum unterhalten werden sollen, hatte doch mehr Drive und Temperament als manche Balletteinlage auf anderen Bühnen, auch wenn hier das Fernsehballett Pate gestanden hat.

Von den Sängerinnen und Sängern überzeugten am meisten die Damen, Ingeborg Schöpf (Venus), Jeanette Oswald (Diana), Silke Richter als fordernde Öffentliche Meinung, Bettina Weichert (Juno) und last not least Marie Hänsel als zarter Cupido-Knabe.

Axel Köhler brachte mit echtem Theaterblut als Hans Styx das originale Couplet „Als ich einst Prinz war von Arkadien“ und mit augenzwinkerndem Humor das gleiche in „2. Auflage“ mit speziellen Versen über die Liebe zum alten Haus in Leuben über die Rampe, das wie auch das „Fliegenduett“ von Jupiter und Eurydike für Sonderbeifall sorgte.

 Merkur und Zerberus verlieh Hauke Möller Gestalt und Bacchus / Charon Herbert G. Adami.

Das Orchester unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller sorgte von Anfang bis Ende mit klaren Konturen für Schwung und Temperament. Der gut einstudierte, spielfreudige  Chor (Thomas Runge) ergänzte immer im richtigen Augenblick und sinnvoller Weise das Geschehen.

Wer allerdings Offenbachs geniale Parodie auf den klassischen Orpheus-Mythos erwartete, musste zwangsläufig enttäuscht sein. Hier geht es um Show, Drive, bunte Unterhaltung, ein bisschen Humor und Kurzweil. Gegenwärtig herrscht offenbar die Meinung bei Opern- und Operetten-„Machern“ vor, dass das Publikum nur ein „bisschen Spaß“ und letzten Endes einen „Ersatz“ für Revue und Show und Unterhaltung sucht. Wer ein (Opern-, Operetten- oder Sprech‑)Theater besucht, erwartet meist etwas Anspruchsvolles. Die traditionsreichen Theater müssen nicht dem Show-Business „hinterherlaufen“. Sie haben ihre eigene Funktion, ihre eigenen Möglichkeiten, die – entstaubt ‑ noch mehr Wirkung erreichen können.

 Ingrid Gerk

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