Der Neue Merker

DRESDEN/ Hochschule für Musik: DIE NÄCHSTE GENERATION IM STIPENDIATENKONZERT DER BRÜCKE/MOST-STIFTUNG

Dresden/Hochschule für Musik: DIE NÄCHSTE GENERATION IM STIPENDIATENKONZERT DER BRÜCKE/MOST-STIFTUNG –22.11.2017

Unter den jungen Künstlern gibt es derzeit mitunter außergewöhnliche Leistungen, die zu große Musiker vorausahnen und für die Zukunft einiges erwarten lassen. Im Rahmen der 19. Tschechisch-Deutschen Kulturtage stellten sich in einem Stipendiatenkonzert einige junge Instrumentalsolisten und Dirigenten, noch (Aufbau-)Studenten, junge Meister ihres Faches, die zurzeit noch Aufbau-Studenten an der Dresdner Hochschule für Musik sind, schon mehrere Preise bei nationalen und internationalen Wettbewerben gewonnen haben und zu großen Hoffnungen berechtigen.

Getragen wurde das Konzert von der Brücke/Most-Stiftung, einem Verein zur Förderung der Deutsch-Tschechischen Zusammenarbeit und des Austausches auf kulturellem Gebiet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, solche Talente, vor allem aus Tschechien und der Slowakeizu fördern, unterstützt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst.

Drei dieser jungen Künstler hatten sich das nicht leicht zu bewältigende „Konzert für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester C-Dur“ (op. 56), das berühmte „Tripelkonzert“ von Ludwig van Beethoven vorgenommen und spielten es in schöner gegenseitiger Abstimmung, ausgewogen und mit entsprechender künstlerischer Reife.

Eine Überraschung war die Cellistin Judita Škodová, deren Namen man sich wahrscheinlich merken sollte. Sie spielte mit sehr schönem, warmem, singendem Ton und viel Einfühlungsvermögen, was sofort bei ihrem ersten Einsatz auffiel und in dem Cello-Solo zu Beginn des 2. Satzes besonders schön zur Geltung kam. Ihre hohe Musikalität, das selbstlose Eintauchen in die Musik und ihr sehr feiner lyrischer Ton ließen ein besonderes Talent erkennen, von dem man in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit noch einiges hören wird.

Der Geiger Josef Vlček verfügt bereits über eine sehr gute Technik. Seine Tongebung kann noch reifer und klangschöner werfen. Den Klavierpart, den Beethoven wesentlich einfacher gestaltete als Violin- und Cello-Part, um ihn den pianistischen Fähigkeiten von Erzherzog Rudolf anzupassen, führte Peter Naryshkin sehr zuverlässig aus, sich mit seinen beiden Solisten-Partnern abstimmend und mit ihnen kommunizierend.

Begleitet wurden die drei Solisten von der Nordböhmischen Philharmonie Teplice (Teplitz), die anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Brücke/Most-Stiftung 2011 nach Dresden eingeladen wurde. Auch unter der Leitung von Ekkehard Klemm, Dirigent, u. a. am Theater am Gärtnerplatz in München, und bisheriger Leiter der Dresdner Hochschule für Musik konnte das Orchester seine tschechische Mentalität nicht leugnen. Die Musiker deuteten Beethoven auf ihre Art mit ihrer nationalen Mentalität, ein ungewohnter Klang, aber eine nicht uninteressante Sichtweise. Einen ähnlichen Eindruck mögen die Tschechen haben, wenn ein deutsches Orchester Dvorák spielt.

Ganz in seinem Element war das Orchester dann unter der Leitung des jungen, in New York als Sohn israelischer Eltern geborenen Ilya Ram, der das Orchester mit wenigen Gesten sicher leitete und den „Frühlingstanz“/“Choreaevernales für Flöte, Streichorchester, Celesta und Harfevon Jan Novák (1921-1984) zu einem besonderen Erlebnis werden ließ. Novák, der in Brünn, Prag und den USA studierte, durch seine liberale Haltung mit der damaligen tschechoslowakischen Regierung in Konflikt geriet, nach Rovereto (Italien) übersiedelte und seit 1977 in Deutschland lebte, wurde erst 1989 unter der Regierung von Václav Havel posthum rehabilitiert und mit der Verdienstmedaille des Landes und der Ehrenbürgerwürde der Stadt Brünn geehrt.

Sein „Frühlingstanz“ in zeitgenössischer Kompositionstechnik wirkte in dieser Interpretation tonal und sehr ansprechend und erinnerte ein wenig auch an Spätromantik. Die junge tschechische Flötistin Kristýna Sedláková kam mit ihrer technisch versierten Interpretation des Soloparts in schöner Gemeinsamkeit mit dem Orchester dem Werk sehr entgegen. Beide Seiten ließen mit ihrer hingebungsvollen Gestaltung auch immer wieder die beschauliche böhmische Mentalität spüren.

 Eine besondere Überraschung war die Tondichtung „ZlatýKolovrat“(„Das goldene Spinnrad“) op. 109 von Antonín Dvořák, die die Nordböhmische Philharmonie unter der Leitung der südkoreanischen Studentin Shinae Lee besonders klar und klangschön zu Gehör brachte. Die Tondichtung wurde zusammen mit den beiden anderen Tondichtungen „Der Wassermann“ und „Die Mittagshexe“ 1896 am Prager Konservatorium uraufgeführt und danach in London. In Deutschland hört man sie kaum im Konzertsaal, höchstens gelegentlich im Rundfunk und auch da nur selten, weshalb sie vielen Musikfreunden unbekannt ist. Trotz der wenigen Vergleiche kann man konstatieren, dass diese exemplarische Wiedergabe eine der besten war, die die Märchen-Handlung, ähnlich dem deutschen „Aschenputtel“, sehr klar und „durchsichtig“, ganz der tschechischen Mentalität und Dvořáks Intentionen folgend, „hautnah“ erleben ließ. Da stimmte einfach alles.

Es war ein rundum gelungenes Konzert, das auch in Teplice, im Důmkultury stattfand (23.11.) und den hohen Leistungsstand der jungen Instrumental-Solisten und angehenden Dirigenten erkennen ließ.

Ingrid Gerk

 

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