Der Neue Merker

DRESDEN/ Frauenkirche: THE MESSIAH von G.F.Händel zum Jahresauftakt

Dresden/Frauenkirche: JAHRESAUFTAKT MIT „THE MESSIAH“ VON G. F. HÄNDEL 1.1.2018

Der weltbekannte Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler, ohne dessen Initiative und unermüdlichen organisatorischen Einsatz, Beharrlichkeit und Geschick es keine wiederaufgebaute Frauenkirche gäbe, begründete in diesem Haus zwei äußerst beliebte Traditionen zu Weihnachten und Neujahr, bei denen alljährlich die Frauenkirche bis auf den letzten Platz ausgebucht ist: die „Dresdner Bläserweihnacht“ mit seinem Blechbläserensemble Ludwig Güttler am „dritten Weihnachtsfeiertag“ (27.12.), der zu Bachs und Händels Zeiten noch gefeiert wurde, und ein besonderes „Neujahrskonzert“ mit der Aufführung des „Messias“ von G. F. Händel am Abend des Neujahrstages.

Güttler ist ein universaler Musiker, der sich nicht nur auf eine Profession festlegt. Neben dem Musizieren mit Trompete, Corno da caccia usw. – solistisch und mit seinem Blechbläserensemble – widmet er sich auch dem Dirigieren, um seine musikalischen Vorstellungen zu verwirklichen und leitete – wie alljährlich – so auch in diesem Jahr die Aufführung des „Messiah“.

Das von ihm 1985 mit Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden von den ersten Pulten gegründete Kammerorchester Virtuosi saxoniae, das seit seinem ersten öffentlichen Auftreten Maßstäbe gesetzt hat, bildete für die Aufführung des „Messias“ die fundierte und besonders klangschöne Grundlage, auf der sich Solisten und Chor entfalten konnten. Bereits die rein instrumentale „Sinfonia“ am Beginn des ersten Teiles ließ aufhorchen und erstrecht die „Pifa“ der Hirten, die des Nachts ihre Herde hüteten, sowie die Begleitung der Arien.

Die Musiker spielen auf modernen Instrumenten, nähern sich aber den Kriterien einer historisch orientierten Aufführungspraxis, nicht theoretisch erstarrt, sondern mit gutem musikalischem Empfinden, was wohl die beste Lösung für die Aufführung der Musik Händels ist, der seiner Zeit weit voraus war.

Zur guten Tradition gehören bei diesem Neujahrskonzert auch die Hallenser Madrigalisten, ein Kammerchor, der mit seiner Durchsichtigkeit, Zuverlässigkeit und Klangschönheit immer wieder besticht und selbst bei „wuchtigen“ Chören die erforderliche Klangfülle aufbringen kann. In der Einstudierung von Tobias Löbner bildete er ebenfalls einen wesentlichen Pfeiler der Aufführung.

Das Solistenensemble konnte in den meisten Fällen überzeugen. Romy Patrick gestaltete die Sopranpartie sehr sorgfältig und mit allen Nuancen, einschließlich Verzierungen und guter Phrasierung, und ließ keine Wünsche offen. Sie bewältigte alle Schwierigkeiten mit Geschick und verfügte auch über eine entsprechende Ausstrahlung.

Die Altpartie wurde bei der Uraufführung in Dublin von einer Frau (Susanna Maria Cibber) gesungen und auch bei den Londoner Aufführungen vorwiegend von Frauen. Nur in drei Fällen sangen Kastraten. Jetzt hat sich neben der Aufführung des „Messiah“ in englischer Sprache die Besetzung der Altpartie mit einem Countertenor oder Altisten immer mehr durchgesetzt. Die Altpartie einem Counter-Tenor anzuvertrauen, erweist sich jedoch immer wieder als problematisch, wenn nicht ein ausgezeichneter Sänger zur Verfügung steht, da eine Männerstimme oft zu sehr mit der Bewältigung der gesangstechnischen Anforderungen dieser Partie beschäftigt ist. Bei David Erler vermisste man deshalb vor allem die Wärme und Innigkeit, die eine gute Frauenstimme einbringen kann.

Eher überzeugen konnte da der Tenor Georg Poplutz, der sich ohne gesangstechnische Schwierigkeiten in seine Partie hineinsteigerte und sehr gut gestaltete.

Souverän und mit viel Einfühlungsvermögen meisterte Tobias Berndt die Basspartie, wobei ihm Stimme und technische Voraussetzungen eine fundierte Grundlage geben, auf der er aufbauen und umfassend und tiefgründig gestalten kann, auch mit gekonnten Verzierungen, die man bei einer profunden Bassstimme eher nicht vermutet, aber sein Bass erscheint so klar und durchsichtig, dass sowohl jeder Ton als auch jede Verzierung sehr plastisch und problemlos wahrzunehmen ist.

Noch vor einigen Jahrzehnten waren Verzierungen bei den solistischen Gesangspartien ungewöhnlich und galten als antiquiert. Jetzt überraschen neben den Frauen bei Sopran und Alt sogar die Männerstimmen, auch in den tieferen Lagen, mit einwandfrei ausgeführten Verzierungen und das bei sehr klarer Diktion, und ohne jede Peinlichkeit wie früher mitunter. Gegenwärtig wird im Oratorienfach sehr viel Wert auf hohe Qualität gelegt. Viele Solisten eifern den großen Vorbildern auf diesem Gebiet nach und versuchen, es sogar noch besser zu machen und den letzten Feinheiten gerecht zu werden – mit Erfolg.

Es war eine zum Schluss in idealer Weise trompetenüberglänzte „Messiah“-Aufführung mit nur sehr kurzen Pausen zwischen den drei Teilen („Die Prophezeiung der Erlösung“, „Das Opfer zur Erlösung …“ und „Das Versprechen der Auferstehung …“), bei der sich eine sehr gut ausgeführte „Nummer“ in idealer Übereinstimmung zwischen Chor, Orchester und Solisten an die andere, und immer wieder Klangschönheit an Klangschönheit reihte, so dass das berühmte „Halleluja“ am Ende des zweiten Teiles als ein weiterer Höhepunkt unter vielen musikalischen Höhepunkten erschien – ein sehr schöner und würdiger musikalischer Auftakt zum Jahresbeginn, bei dem es Ludwig Güttler verstand, sehr gute Kräfte zusammenzuführen.

Ingrid Gerk

 

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