Der Neue Merker

DRESDEN/ Frauenkirche: MARIENVESPER zum 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi

Dresden/Frauenkirche: „MARIENVESPER“ ZUM 450. GEBURTSTAG VON CLAUDIO MONTEVERDI 9.9.2017

 

Vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi, der mit seiner „Favola d’Orfeo“ die Entstehung der Gattung Oper maßgeblich (mit)begründete, in Cremona geboren (Mai 1567). Jetzt erinnerte Frauenkirchenkantor Mattias Grünert mit einer Aufführung der „Marienvesper“, des bedeutendsten Werkes dieses „Schöpfers der modernen Musik“, daran.

Die „Marienvesper“ wurde von Monteverdi nicht in einem Zuge geschaffen, sondern entstand in mehreren Teilen über einen längeren Zeitraum und wurde von ihm zum Teil aus verschiedenen eigenen geistlichen Werke zusammengestellt, um die ganze stilistische Bandbreite seines kompositorischen Schaffens zu dokumentieren, ähnlich wie später J. S. Bach mit seiner „Kunst der Fuge“.

Die Aufführung in der Frauenkirche war von schöner Geschlossenheit, innerer Ruhe und Beschaulichkeit und wirkte dennoch in jeder Phase lebendig und keineswegs „antiquiert“. Der überlaute (fast marktschreierische) „Einstieg“ mit den ersten gesungenen Worten, der einzige „Wermutstropfen“ der Aufführung, war angesichts dessen, was danach in einem sehr schönen Zusammenwirken von sehr guten Solisten und klangschönen, ausgeglichenen Chören kam, bald vergessen.

Die beiden Chöre: Kammerchor der Frauenkirche und Liturgischer Singkreis Jena ergänzten sich gegenseitig und verschmolzen klanglich in schöner Homogenität, ergänzt durch die Choralschola der Hochschule für Kirchenmusik Dresden, 5 Herren, die in liturgischer Manier a capella und – vom „Ort des Geschehens“ räumlich entfernt – von der Orgelempore sangen, die sich in der Frauenkirche über dem Altarplatz befindet und nicht nur einen schönen optischen Eindruck bietet, sondern sich auch als günstig für die Geschlossenheit der Aufführung erwies.

Der gemeinsame Chor verfügte über gute und sehr sichere Sängerinnen und Sänger auch hinsichtlich Stilempfinden. Besonders beeindruckten die klangvollen Frauenstimmen, für die speziell in den letzten Teilen der „Marienvesper“ die Assoziation „engelgleich“ durchaus wörtlich zu nehmen und nicht übertrieben schien.

Das mit erfahrenen und sehr stilsicheren Sängerinnen und Sängern international besetzte Solistenensemble bewegte sich trotz unterschiedlicher Sänger-Persönlichkeiten auf gleicher Wellenlänge“, ganz im Dienste des Werkes und mit dem Ziel, das Bestmögliche für dieses Werk zu geben.

Julia Sophie Wagner sang die Sopransoli mit kühler Klarheit, weniger emotional, aber sehr exakt und mit glockenreiner Stimme, die noch reifer, klangvoller und voluminöser geworden ist. Sie harmonierte gut mit den anderen Solisten, insbesondere auch mit der norwegisch-englischen Altistin Siri Karoline Thornhill. Die beiden Stimmen verbanden sich bei gemeinsamen Aufgaben in schöner Übereinstimmung zu klanglicher Harmonie.

Sehr gut waren auch die beiden Tenöre besetzt. Der österreichische Tenor Daniel Johannsen sang mit schöner Natürlichkeit und leichter lockerer Stimme, mit feinstem Pianissimo und kraftvollem Forte und verfolgte die langen musikalischen Linien und großen Bögen, was ihm seine technische Überlegenheit und innerer Ruhe ermöglichten. Bei ihm war alles im Fluss und ungekünstelt, eine ideale Besetzung für die Partie des 1. Tenors.

Als 2. Tenor fungierte Eric Stokloßa. Er singt sehr oft in der Frauenkirche, hatte hier sozusagen „Heimvorteil“, und gestaltete seine Partie nicht nur sehr zuverlässig, sondern auch mit schöner Stimme und ausgefeilter Technik. Beide Tenorstimmen verbanden sich ebenfalls bei gemeinsamen Auftritten in schöner Übereinstimmung in Auffassung und Ausdruck. Als dritte Männerstimme gesellte der Bassist Tobias Berndt, ein Spezialist für dieses Genre, dazu, der ebenfalls keine Wünsche offenließ.

Sie alle wurden Monteverdis damals neuartigem Musizierstil, der „Seconda Pratica“, die im Gegensatz zur bis dahin alle Stimmen in polyphoner Gleichberechtigung verarbeitenden „Prima pratica“, eine außergewöhnliche Expressivität der Musik durch Hervorhebung einzelner menschlicher oder instrumentaler Stimmen erreicht, gerecht, seiner damals neuartigen Form der Textbehandlung allerdings nur musikalisch. Seine Maxime: „Das Wort sei Herr über die Harmonie und nicht ihr Diener“ wurde von den Ausführenden weniger ernst genommen. Der in der Originalsprache (lateinisch) gesungene Text war nur sehr selten zu verstehen, jedoch im Prorammheft nachzulesen. Hier trat die Textverständlichkeit zugunsten der Harmonie und des Klanges zurück, was gegenwärtig ohnehin von den Zuhörern mehr geschätzt wird.

In die sehr guten gesanglichen Interpretationen fügte sich das, 2004 auf Initiative von Ercole Nisini am Institut für Alte Musik der Musikhochschule Trossingen gegründete, Instrumentalensemble Instrumenta Musica, die Gesangsstimmen dezent unterstreichend und mit drei sauber blasenden Posaunen Akzente setzend, stilgerecht in den Gesamtcharakter der Aufführung ein.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit führte Monteverdi die „Marienvesper“ bei seinem „Probespiel“ um den Posten des Domkapellmeisters von San Marco in Venedig auf und wurde daraufhin sofort für das Amt engagiert, das er 30 Jahre bis zu seinem Tod begleitete. Der Markusdom bot mit seinen räumlichen Dimensionen viele Möglichkeiten für getrennt aufgestellte, korrespondierende Chöre, Fernchöre, Echowirkungen usw.

In den 1990er Jahren wurde Monteverdis „Marienvesper“ schon einmal in der Frauenkirche aufgeführt, wobei das Gastensemble damals alle Möglichkeiten für die Aufstellung der Ausführenden bis in die Kuppel nutzte. Grünert entschied sich bei der jetzigen Aufführung für eine „kompakte“ Aufstellung auf dem Altarplatz, bei der es nur die Choralschola auf der Orgelempore und einmal einen Fernchor gab, ansonsten fand alles am Altarplatz statt, lediglich mit kleinen ausführungsbedingten Umgruppierungen zwischen den einzelnen Abschnitten zwecks besserem Zusammenwirken der Solisten und Abstimmung mit den Instrumentalisten. Mit den sehr guten, stilsicheren und auf dem Gebiet der Alten Musik sehr erfahrenen Solisten, Chören und Instrumentalisten fand eine sehr schöne, in sich geschlossene Aufführung statt, so dass man diese äußerlichen Effekte nicht unbedingt vermisste.

Obwohl das Werk schon vor über 4 Jahrhunderten komponiert wurde, wirkt es noch immer unmittelbar, gegenwärtig und keinesfalls antiquiert oder gar veraltet, zumal wenn es so voller Vitalität und Frische und trotzdem mit großer innerer Ruhe und auch Beschaulichkeit aufgeführt wird.

Ingrid Gerk

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