Der Neue Merker

DRESDEN/ Frauenkirche: LUDWIG GÜTTLERS MUSIKALISCHER JAHRESWECHSEL MIT BLÄSERMUSIK UND „MESSIAS“

Dresden/Frauenkirche: LUDWIG GÜTTLERSMUSIKALISCHER JAHRESWECHSEL MIT BLÄSERMUSIK UND „MESSIAS“ – 1.1.2017

Vor und nach Weihnachten und zum Jahreswechsel erfreuen sich Konzerte in der Dresdner Frauenkirche größter Beliebtheit, auch und vor allem bei den Touristen. Neben den „Weihnachtsoratorien“ unter der Leitung von Matthias Grünert und Ludwig Güttler, dem maßgeblichen Initiator des Wiederaufbaus der Frauenkirche, sind es vor allem zwei weitere Veranstaltungen, die von Güttler ins Leben gerufen, zu einer schönen Tradition wurden, die „Bläserweihnacht“ und die Aufführung von G. F. Händels „Messias“.

Die „Bläserweihnacht“findet alljährlich „mit Pauken und Trompeten“, aber auch Waldhorn, Posaunen und Tuba, zwischen Weihnachten und Neujahr (27./28.12.) statt. Ludwig Güttler als „Primus interpares“ am ersten Pult mit Trompete, hoher Trompete und Corno da Caccia in dem von ihm gegründeten Blechbläserensemble aus Musikern der Sächsischen Staatskapelle Dresden, der Dresdner Philharmonie, Gewandhausorchester Leipzig und Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz, gab den Ton an, leitete das Konzert und trat auch als „Komponist“ einer „Allemande“ und „Courante“ für (nur) zwei Pauken sowie einer Komposition um das alte böhmische Weihnachtslied „Kommet ihr Hirten“ für vier Blechbläsergruppen und Pauken hervor.

Das sehr reichhaltige Programm mit Originalkompositionen und Bearbeitungen für Bläser und mitunter auch Pauken von bekannten und unbekannten Komponisten aus 5 Jahrhunderten, vor allem aus Deutschland und Italien, reichte von J. Walter, M. Prätorius, J. Eccard, G. Gabrieli, A. Vivaldi und J. S. Bach über L. v. Beethoven („Fünf Variationen über ‚Tochter Zion‘ „) bis zu 3 Madrigalen aus „Seven Madrigals on Negro Spirituals“ (op. 58b)des u. a. auch in Amerika lebenden und wirkenden deutschen Meistergeigers Adolf Busch (1891-1952), einst Lehrer von Yehudi Menuhin.

Das Programm war in Themengruppen, als „PARTITA“ bezeichnet, mit inhaltlichen Bezügen jeweils zu einem Thema untergliedert. Mitunter war da ein weihnachtlicher Choral oder ein Weihnachtslied in 2 und 3 verschiedenen Vertonungen bzw. Bearbeitungen durch unterschiedliche Komponisten zu hören, wobei sich der Zuhörer selbst ein Bild über die sehr unterschiedlichen kompositorischen Deutungen machen konnte.

Besonders eindrucksvoll und ausgeglichen gelangen die beiden Choralbearbeitungen des Chorals „Wie soll ich dich empfangen“von Johann Crüger (1598-1663), von dem später noch ein weiterer Choral („Fröhlich soll mein Herze springen“) erklang.

Trotz mitunter sehr zügigem Tempo spielten die Bläser sehr sauber und mit Engagement. Zu den besonderen „Schmankerln“ gehörte nicht nur die, von  4 Blechbläsern erzeugte Echowirkung in der „Canzon Nr. 31“ für zwei Blechbläserchöre „in Echo“ von Bastian Chilese (17. Jh.), wo das Publikum sozusagen „in die Mitte genommen“ wurde, sondern auch die vier Zugaben, zuerst das von den Bläsern als beachtlicher „Vokalchor“ (! – nach so viel Bläsermusik)gesungene Weihnachtslied („Herbei nun, ihr Gläubigen“ (einmal deutsch gesungen), eine zweite Zugabe von G. B. Samartini, eine dritte von Franz Liszt und als vierte, die Eurovisionsfanfare(„Tedeum“ von M. A. Charpentier), die alljährlich im Fernsehen das neue Jahr einleitet, das in der Frauenkirche jetzt mit Händels„Messias“begonnen wird.

Ludwig Güttler, der einst durch sein Trompetenspiel berühmt wurde, trat hier als Dirigent auf. Ein anderes, von ihm 1985 gegründetes Ensemble, das KammerorchesterVirtuosi Saxoniae, vor allem aus führenden Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle, bildete das sehr zuverlässige und äußerst klangschöne Fundament. Die Musiker spielen vorwiegend auf modernen Instrumenten, aber sie haben das richtige Gespür auch und insbesondere für die Musik der Barockzeit, bei der sie sich an Kriterien der historischen Aufführungspraxis orientieren. Das kam u. a. besonders schön auch in der liebevoll musizierten „Sinfonia“ zum Ausdruck.

Das „urmusikalische“ Einfühlen in die Musik und die geistige Welt des Komponisten verleiht den Interpretationen dieses Ensembles einen unübertroffenen Reiz, der die Werke dem Zuhörer unvermittelt näherbringt, ohne dass er sich dessen rational bewusst werden muss. Die Virtuosi Saxoniae faszinieren immer wieder durch ihren besonders schönen Klang und die korrespondierende Übereinstimmung zwischen den Solisten, hier insbesondere mit Tenor und Bass, und dem Chor, den Hallenser Madrigalisten(sehr gewissenhafte Einstudierung: Matthias Löbner), was im berühmten „Hallelujah“seinen Höhepunkt fand. Der ausgeglichene, flexible und ausdrucksstarke Chor wartete mit sehr schönen Frauenstimmen und etwas zurückhaltenden, aber ebenso sicheren und adäquat mitgestaltenden Männerstimmen auf und überraschte mit so manchem wunderbar gesungenem Chor.

Die Sopranpartie lag in den Händen der Opern-,Lied-, Konzertsängerin und promovierten Musikwissenschaftlerin Romy Petrick. Mit ihrer klaren, schlanken Stimme meisterte sie die Arien, die sie auch mit einigen wenigenVerzierungen schmückte. Sie sang sehr exakt und trotz (noch) kleiner, leichter Härten in der Stimme mit Innigkeit und gestaltete die Partie stilgerecht und in großen Spannungsbögen.

Noch immer gewöhnungsbedürftig erscheint die Besetzung der Altpartie mit einem Altus (auch wenn es bei Händel noch eher gerechtfertigt erscheint als bei Bach). Naturgemäß sind diese Stimmen mehr mit der technischen Seite einer Partie beschäftigt als mit der gestalterischen, die gerade auch bei Händel eine große Rolle spielt. Die emotionale Intensität der Arien geht meistverloren. So stand auch bei David Erler erst einmal die Bewältigung der Partie im Vordergrund, die er stellenweise mit reichlich Verzierungen versah, mitunter vielleicht auch etwas zu viel des Guten und nicht immer aus dem Verständnis der Musik heraus empfunden.

Georg Poplutz gestaltete die Tenorpartie mit seiner hellen, schlanken, instrumental geführten Tenorstimme sehr sicher, klar und klangschön und, dem Inhalt entsprechend, ausdrucksstark.

Bei Andreas Scheibner, der mit gleicher Intensität Opernpartien und Oratorien gestaltet, beeindruckte die Deutlichkeit von Wort und Musik. Mit ausgezeichneter Textverständlichkeit (der englischen Texte), wunderbar fließender Phrasierung, schöner, klangvoller Tiefe und feinstem Pianissimohielt er selbst bei langsamem Tempo im Ariosoimmer die interne Spannung bis zum kraftvollen Fortissimo in„Why do thenations so furiously rage together“ und der nicht nur mit Stimmkraft, sondern auch allen Feinheiten gesungenen Arie „The trumpetshallsound“als gäbe es keine Schwierigkeiten, wo doch gerade diese Arie so manchem Sänger zu schaffen macht.Seine Stimmführungwirkte trotz der Schwierigkeiten bei den Arien, einschließlich stilgerechter Verzierungen, stets wie selbstverständlich und natürlich. Er hat die Musik verinnerlicht und kann sie mit scheinbarerMühelosigkeit auch entsprechend vermitteln.

Diese Aufführung war ein hoffnungsvoller Einstieg und Ausblick auf die Konzertsaison 2017 in der Frauenkirche.

 Ingrid Gerk

 

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