Der Neue Merker

DRESDEN/ Frauenkirche: „LOBGESANG“ VON FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY

Dresden/Frauenkirche: „LOBGESANG“ VON FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY – 28.10.2017

Der 31. Oktober bedeutet für Sachsen nicht nur Halloween, das in den 1990er Jahren in US-amerikanischer Ausprägung auch nach Dresden „herübergeschwappt“ ist. Hier, im  Kernland der Reformation, war in langjähriger Tradition das „Reformationsfest“ mit diesem Datum verbunden, dem in diesem Jahr besondere Bedeutung zukommt, da es genau 500 Jahre her ist, dass Martin Luther, dessen Bedeutung für die Entwicklung einer einheitlichen deutschen Sprache durch seine Bibelübersetzung unbestritten ist, seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben soll (was wissenschaftlich umstritten ist).

Durch Johannes Gutenbergs bahnbrechende Erfindung der Buchdruckerkunst mit beweglichen Lettern 70 Jahre zuvor wurde die Verbreitung dieser Bibelübersetzung erst möglich. Anlässlich des 400. Jahrestages dieser Erfindung wurde 1840 ein Gutenberg-Fest gefeiert, für das der 30jährige Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn-Bartholdy, dessen Todestag sich im November zum 170. Male jährt, als Auftragswerk den „Lobgesang“, „Eine Symphonie-Kantate“ schrieb, die nach seinem Tod als „Sinfonie Nr. 2“ veröffentlicht wurde. Das waren gleich mehrere Anlässe für Frauenkirchenkantor Matthias Grünert, mit dem Chor der Frauenkirche das Werk aus 3 Instrumentalsätzen und einem neunsätzigen Vokalteil mit Chor und Solisten aufzuführen.

Anders als in einem sakralen Werk allgemein üblich, nimmt die einleitend eröffnende instrumentale „Sinfonia“ bis zum anschließend einsetzenden Chor breiten Raum ein, was vielleicht auch ein wenig (in einem wesentlich kleineren „Maßstab“) an Beethovens „Neunte“ erinnert. Die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz, deren Hauptwirkungsfeld die Oper Chemnitz ist, musizierte die „Sinfonia“ in sehr schöner Klarheit, mit sauberen Bläsern und viel Einfühlungsvermögen, klangreich und mit innerer Spannung. Das in variierter Form bearbeitete Thema „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“, tauchte in schöner Transparenz immer wieder auf – Musik zum „Genießen“.

Nach diesem Teil sinfonischen Charakters leitete der zuverlässige große Chor der Frauenkirche den Kantatenteil mit Soli, Chor und Orchester ein. Mit Jana Reiner und Wolfram Lattke standen zwei, im Oratorien- und Kantatengesang sehr erfahrene Solisten zur Verfügung, die mit allen Voraussetzungen dafür geradezu prädestiniert sind. Beide verfügen über eine sehr schöne, klangvolle Stimme, sehr gute Diktion und Artikulation sowie  eine bewusste Orientierung auf ein gutes Zusammenwirken aller Beteiligten.

Jana Reiner, die an dieser Stelle schon oft mit ihrem klaren, hellen Sopran Oratorien- und Kantatenpartien meisterte, setzte hier die Glanzpunkte und sorgte auch für schöne Harmonie im Duett mit dem 1. Sopran von Stephanie Krone, die an dieser Stelle mit ihrer Opernstimme nicht so ganz überzeugen konnte. Im Duett aber harmonierten beide Soprane sehr gut, ergänzten sich gegenseitig und fanden auch zu schöner Gemeinsamkeit mit dem Chor, was man bei dem Duett von 1. Sopran und Tenor später ein wenig vermisste.

Wolfram Lattke bestach u. a. auch mit der dreimaligen Frage „Hüter, ist die Naht bald hin“ vom vorsichtig gehauchten Pianissimo der ersten bangen Fragen bis zum gesteigerten Forte der letzten Frage mit der Hoffnung, dass die Nacht der Unwissenheit bald schwinde und die Zeit der Erkenntnis anbricht, der Kernpunkt dieser Sinfoniekantate, der  musikalisch den Weg aus der geistigen „Finsternis“ des Mittelalters zur Aufklärung vollzieht.

Die  Robert-Schumann-Philharmonie verlieh der gesamten Aufführung einen sehr guten  Gesamteindruck. Sie bildete das Fundament, unterstützte Solisten und Chor, sorgte in den reinen Instrumentalteilen mit ausdrucksstarken, aber auch sehr schönen lyrischen Piano-Passagen für guten Klang und Transparenz der musikalischen Struktur und ordnete sich wie selbstverständlich in das Gesamtgefüge ein. Die gesamte Aufführung wurde unter Matthias Grünert sehr klar in ihren strukturellen Linien erlebbar, auch wenn das relativ große Orchester und der ebenfalls große Chor „mit des Klanges Gewalt“ die Kirche erfüllten.

Ingrid Gerk

Diese Seite drucken