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DRESDEN/ Frauenkirche: ANNE-SOPHIE MUTTER UND DAS LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA UNTER ROBIN TICCIATI

Frauenkirche: ANNE-SOPHIE MUTTER UND DAS LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA UNTER ROBIN TICCIATI – 19. 11. 2016

 

Das Gastspiel des London Philharmonic Orchestra unter Robin Ticciati mit Anne-Sophie Mutter als Solistin, die gern nach Dresden kommt, war für die Dresdner Musikfreunde und Touristen ein Ereignis. Das Konzert war schon lange vorher ausverkauft und die Frauenkirche bis auf den letzten Platz in der obersten Empore (ohne Sicht) mit Besuchern gefüllt, die dem gesamten Konzert (bis auf die jahreszeitlich bedingten Huster) mit großem Interesse lauschten.

Es begann mit der, von Robert Schumann 1848 in Dresden komponierten, „Manfred-Ouvertüre“ (op. 115), dem Eröffnungsstück der Schauspielmusik zu Lord Byrons frühromantischer Dichtung um den faustischen Helden Manfred, der nach Irrungen und Zweifeln erst bei den Klängen eines Requiems Erlösung findet, letztendlich am Ende aber doch in düstere Resignation versinkt. Clara Schumann erschien das Werk als „eins der poetischsten und fast ergreifendsten Stücke Roberts“, der hier mit seinen kompositorischen Mitteln die innere Zerrissenheit des Helden auch psychologisch nachzeichnet.

Ticciati ging es in seiner Interpretation offensichtlich weniger um psychologische Vorgänge und Gedanken eines strebenden Menschen und deren emotionale Vertiefung, als vor allem um eine sehr effektvolle Wiedergabe der Ouvertüre. Er hatte seine Interpretation als großes Orchesterwerk angelegt. Eine größere Pause nach den ersten, mit beinahe „sezierender“ Genauigkeit wiedergegebenen, Takten wurde als retardierendes Moment genutzt, um die Aufmerksamkeit auf die Wiedergabe zu lenken, und auch im weiteren Verlauf der Aufführung wurde sehr viel Wert auf Kontraste gelegt, oft fast bis ins Extreme gesteigert, was seine Wirkung auf das mit ungeteilter Aufmerksamkeit lauschende Publikum nicht verfehlte.

Mit Frische, Enthusiasmus und Lautstärke des vollen Orchesters brachte er die Ouvertüre auf sehr gegenwärtige und weniger romantische, sondern eher klare, sachliche Art mit etwas „herber“ Tongebung zu Gehör, wobei auch sensiblere Piano-Passagen nicht fehlten, die Hörner nicht übertrieben und die Pauke nicht vordergründig – wie es jetzt leider bei vielen Orchestern praktiziert wird -, sondern mit Gespür für den Gesamteindruck die richtigen Akzente setzte.

Dieser kraftvollen, „kernigen“ Interpretation setzte Anne-Sophie Mutter im „Violinkonzert e‑Moll (op. 64) von Felix Mendelssohn-Bartholdy den sehr  geschmeidigen, innig beseelten Klang ihrer Stradivari entgegen. Ihre charmante Musizierweise mit leichten  Ritardandi und kleinen „Schleifern“, die sie mit sehr viel Feingefühl einsetzte, unterstrichen ihre besonders weiche, schöne und vor allem sehr innige, man möchte fast sagen im  besten Sinne „feminine“, Lesart.

Mit nur sehr kurzen Pausen zwischen den einzelnen Sätzen, um den Gesamteindruck und Zusammenhang nicht zu zerstören, ließ sie das Violinkonzert als eine Welt für sich, einen Kosmos im Kosmos entstehen. Damit wurde das ohnehin sehr beliebte Violinkonzert, das relativ oft im Konzertsaal zu hören ist, noch liebenswerter. Mit hinreißend schönen Piani bis zum feinsten, im Raum sich haltenden Pianissimo brachte sie besondere Feinheiten zu Gehör, denen das Orchester eher kraftvolle Passagen entgegensetzte. Hier hätte man sich ein gleichgesinntes „Miteinander“ vorstellen können, eine Fortsetzung des außergewöhnlich  feinsinnigen Soloparts statt eines kontrastreichen Entgegenwirkens, gegen das sich die Violine immer wieder „durchsetzen“ musste, aber es auch vermochte.

Vor ihrer ebenso hinreißend gespielten Zugabe, der „Sarabande“ aus der „Partita G-Dur“ von J. S. Bach, richtete Anne-Sophie Mutter in Anbetracht der im Krieg zerstörten und wiederaufgebauten Frauenkirche berührende Worte über die Sinnlosigkeit von Krieg und Leid, das Menschen einander zufügen, an das Publikum, nach denen die, trotz ihrer technischen Schwierigkeiten in ihrer Mehrstimmigkeit perfekt gespielte, Sarabande mit besonders schönen Klängen wie eine Versöhnung folgte.

Als großes Orchesterwerk stand die „Sinfonie Nr. 9 e‑Moll“ (op. 95) Aus  der Neuen Welt“ von Antonin Dvořák auf dem Programm. Mit weitausladenden Gesten formte Ticciati das Werk nach seinen Vorstellungen. Hier kam weniger Dvoráks böhmische Mentalität und Heimatliebe – selbst in der Fremde Amerikas – zum Ausdruck, sondern Ticciatis Gestaltungswille für eine groß und großartig angelegte Sinfonie. Bereits nach den Anfangstakten, laut und kraftvoll, aufwühlend und bedingungslos, jeden einzelnen  Takt „zelebrierend“, ließ er das Werk mit gewaltigem Orchesterklang, aber auch feinen, sauberen, dezenten Bläsern und schönen Instrumentalsoli der Orchestermusiker, erstehen. 

 Den 2. Satz (Largo), von Dvořák als “Legende“ bezeichnet, ließ Ticciati sehr langsam genussreich „auskosten“. Es fehlte nicht an sehr schönen, lyrischen Passagen im Trauergesang nach einer Szene aus Longfellows Poem „Hiawatha“, in der der Held den Tod seiner treuen Gefährtin Minnehaha beklagt. Insgesamt aber setzte Ticciati auf sehr effektvolle Kontraste bezüglich Tempi und Lautstärke, zuweilen bis knapp an die gefühlten Grenzen. Er gestaltete große musikalische Bögen bis zu einem alles mitreißenden Höhepunkt und ließ gegen Ende nach einem sehr fein gestalteten Teil mit klangschönen, dezenten Bläsern wieder mit überaus lautstarkem, kraftvollem Schluss und zuweilen fast motorisch akzentuierendem Orchester nicht nur die Sinfonie, sondern auch den Konzertabend effektreich ausklingen.

 Ingrid Gerk

 

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