Der Neue Merker

DRESDEN: DIE ARCHITEKTUR TANZT

Dresden:DIE ARCHITEKTUR TANZT“, 21.02.2014

von Ursula Wiegand

Dieser Titel macht neugierig, und schon beginnt es, auch im Kopf der Besucherin zu wirbeln. Architektur ist doch etwas fest Gefügtes, so der erste Gedanke.

Dresden, Deutsches Hygiene-Museum
Dresden, Deutsches Hygiene-Museum. Foto: Ursula Wiegand

Mauern und Dächer sollen einen stabilen Rahmen bilden und eigentlich nicht – wie bei einem heftigen Erdbeben – zu tanzen beginnen, selbst wenn in Elbflorenz der gesamte Februar dem Tanz gewidmet war und ist. Auch fand dort – auf Einladung der traditionsreichen Palucca-Schule – erstmals die „Biennale Tanzausbildung“ statt, die vierte ihrer Art.

Den Kern bildete die Woche vom 15.-23. Februar, in der sich zehn deutsche tanzausbildende Institutionen in Dresden trafen. Die Studierenden, die zu dieser Leistungsschau ausgewählt wurden, durften sich glücklich schätzen und waren es auch. Bemerkenswert, mit welcher Konzentration sie sich einbrachten, so bei dem Stück „Die Architektur tanzt“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden.

Dieses schneeweiße, monumentale Bauwerk von 1930 präsentiert sich in seiner Mischung aus Neoklassik und Moderne als höchst interessanter Spielort. Nach achtjährigem Umbau durch den Architekten Peter Kulka wurde das Museum 2011 wieder eröffnet und erweist sich als ein inspirierendes Umfeld. Der gläserne Mensch in der Dauerausstellung ist hier zu Hause.

Deutsches Hygiene-Museum, gläserner Mensch, 1
Deutsches Hygiene-Museum, gläserner Mensch. Foto: Ursula Wiegand

Glücklicherweise macht der Bau nicht den Eindruck, als würde er tanzend die Bodenhaftung verlieren. Vielmehr müssen ihn die jungen Tänzerinnen und Tänzer an diesem Abend indirekt in Bewegung versetzen, und das mittels einer „Installation“ des belgischen Choreografen Frédéric Flamand (geb. 1946), derzeit Direktor des Ballet national de Marseille. Durch seine raumbezogenen Arbeiten – gemeinsam mit Stararchitekten wie Zaha Hadid, Jean Nouvel oder Dominique Perrault – ist er international bekannt geworden.

Dass er seine Vorstellungen nun im Deutschen Hygiene-Museum Realität werden lässt, ist ein Plus für Dresden und sicherlich ein besonderer Ansporn für die jungen, namentlich nicht genannten Interpreten, Flamands Ideen engagiert umzusetzen.

Die Architektur tanzt, 1
Die Architektur tanzt. Foto: Ursula Wiegand

Die Performance beginnt in der großen Eingangshalle. Die Boys, goldgelbe Flügel in den Händen tragend, strömen hinein. Lebhaft tanzen die Girls durch die Lücken. Anschließend steigen die zahlreichen Zuschauer mit den Tänzern hinauf in den ersten Stock.

In einem Saal ist nun eine weitere, und wesentlich lebhaftere, teils fast artistische Choreographie in großer Besetzung zu sehen.

Die Architektur tanzt, 2
Die Architektur tanzt. Foto: Ursula Wiegand

Andererseits befehden sich im abgedunkelten Flur zwei Männer, die Gesichter von schwarzen Masken verhüllt, ein Bein und ein Arm durch ein dehnbares Band miteinander verbunden. Sich reckend und streckend, mal insektengleich über den Boden kriechend, mal sich verknotend und dann wieder lösend, zelebrieren sie ein Kampfritual. Ob es dabei um das einzige, ekstatisch tanzende Mädchen auf der Bühne geht? Archaische Bilder.

Die Architektur tanzt, 3
Die Architektur tanzt. Foto: Ursula Wiegand

In der 2. Etage kommen tatsächlich Architekturelemente ins Spiel, auf Rollen bewegliche durchsichtige Wände, die den Raum immer wieder auf andere Weise unterteilen. Gelaufen und getanzt wird davor, dahinter und drum herum.

Jugendlicher Pas de deux
Jugendlicher Pas de deux. Foto: Ursula Wiegand

Den wunderschönen Abschluss bildet ein zarter, scheuer Pas de deux von zwei sehr jungen Menschenkindern. Fast haben sie Furcht, sich zu berühren, in eigenen vorsichtigen Bewegungsmustern drücken sie ihre Zuneigung aus und ernten dafür besonderen Beifall. Kondition haben die jungen Tänzer ebenfalls. Da die weiter hinten Stehenden kaum etwas sehen konnten, tanzen sie dieses Stück gleich noch einmal. Bravo!

Ein Bravo verdient aber auch die Sonderausstellung „tanz! Wie wir uns und die Welt bewegen“ im selben Haus, ein Parcours von der Antike bis ins Hier und Heute. Denn „Menschen tanzen – weltweit und zu allen Zeiten!“ betont das Programm.

Schwebende Nike mit Weihrauchständer
Schwebende Nike mit Weihrauchständer. Foto: Ursula Wiegand

Da ist die Siegesgöttin Nike, nur ein Torso, doch welch einen Schwung zeigen Figur und Gewand. In einer Glasvitrine tanzt eng umschlungen ein Bronze-Liebespaar mit offenbar nackten Oberkörpern. „La Valse“ ist der Titel des kleinen Kunstwerks von Camille Claudel, das sogleich verdeutlicht, warum der Walzer zunächst als anstößig galt, bis er durch den Wiener Kongress Europa eroberte.

Trainingsschuhe von Fanny Elßler
Trainingsschuhe von Fanny Elßler. Foto: Ursula Wiegand

Anrührend dann ein Blick auf die Trainingsschuhe von Fanny Elßler, geboren 1810 in Wien-Gumpendorf, eine der berühmtesten Tänzerin des 19. Jahrhunderts. Selbst in den USA bejubelte sie das Publikum. Dagegen hielt in Dresden die Moderne Einzug. Gret Palucca und Mary Wigman lösten sich vom klassischen Ballett und kreierten den Ausdruckstanz.

Die meisten Ausstellungsbesucher verharren jedoch, die Kopfhörer auf den Ohren, in einem Raum mit großen Bildschirmen. Vom Gesellschaftstanz und den Revue-Girls der 1920’er Jahre, von Volkstänzen bis zum Rock’n Roll mitsamt dem Hüften schwingenden Elvis Presley ist alles dabei.

Auch sehr Fremdartiges, wie der Schlangentanz der nordamerikanischen Hopi-Indianer sowie Voodoo- und Schamanentänze. Hip-Hop geht schon fast beim Zuschauen in die Beine, und gebannt folgt der Blick den Kunststücken der Breakdancer. Das Fazit: „Let’s dance!“

Infos: Die Ausstellung „tanz!“ läuft bis zum 20. Juli 2014 im Deutschen Hygiene Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden. Öffnungszeiten täglich außer Montag von 10-18 Uhr. Eintritt 7 Euro, erm. 3 Euro, bis 16 Jahre frei. Katalog: 29,95 Euro.

Ursula Wiegand

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