Der Neue Merker

DRESDEN: CAPELLA WEILBURGENSIS MIT SELTEN AUFGEFÜHRTEN WERKEN VON N. BRUHNS

Dresden Frauenkirche: CAPELLA WEILBURGENSIS MIT SELTEN AUFGEFÜHRTEN WERKEN VON NIKOLAUS BRUHNS – 5.8.2012


Foto: R. Zeidler

Mit äußerst selten zu hörenden Kompositionen des früh verstorbenen Nikolaus Bruhns erfreute die Capella Weilburgensis vocalis und instrumentalis unter der umsichtigen Leitung von Doris Hagel die Besucher an diesem sonnigen, aber auch mit Gewitter und Hagelsturm heimgesuchten Sonntag. In dem außerordentlich gut zusammengestellten Programm, das ausschließlich Kompositionen dieses wichtigen Vertreters der norddeutschen Barockmusik enthielt, wurde geradezu eine Schatzkammer vergangener Meisterwerke geöffnet. Bruhns, der vor allem durch seine Orgelkompositionen bekannt ist, war Schüler von Dietrich Buxtehude und beeinflusste mit seinen Kompositionen den jungen Bach auf dessen „Studienreise“ zu den seinerzeit berühmtesten und bedeutendsten Meistern Norddeutschlands.

Bei diesem Konzert klangen Musik und Raum zusammen, nicht nur wegen der gleichen Kunstepoche ihrer Entstehungszeit. Die Capella instrumentalis verfügt als spezielles Barockorchester über einen besonders feinen, sensiblen Klang. Die Musiker beherrschen die Kunst, auf alten Instrumenten zu spielen, wie selbstverständlich und vermögen mit ihrem ungemein lebendigen Spiel, Leuchtkraft und maximale Klangeffekte zu erzielen, ohne den Eindruck von Akademismus oder Antiquiertheit zu erwecken. Sie beherrschen die alten Spieltechniken perfekt, scheinen sich ganz in die geistige Welt dieser Epoche zu versenken und setzen die klanglichen Möglichkeiten ihrer Instrumente ein, um die Kompositionen einer vergangenen Zeit möglichst adäquat wiederzugeben und zu neuem Leben zu erwecken, was für die Wiedergabe der seelenvollen norddeutschen Barockmusik einen großen Gewinn bedeutet.

Der Chor, die Capella Weilburgensis vocalis fügte sich mit seiner feinfühligen, sehr sanften, ausgeglichenen Art adäquat in das wunderbar musizierende Orchester mit seiner unverwechselbaren Klangfülle ein. Chor und Orchester steigerten sich immer mehr in Schönklang und Harmonie und vermochten es, den klanglichen und geistigen Idealen der barocken Musik vor Bach so intensiv nachzuspüren, dass diese Musik auch heute noch und immer wieder unmittelbare Ergriffenheit auslösen kann. In der „Sinfonia“ der Kantate „Ich liege und schlafe“ verschmolzen beide so harmonisch, dass die Grenzen von instrumental und vokal ganz im Sinne eines barocken Ideals ineinander übergingen.

Ganz auf dieser Wellenlänge lag auch die Altistin Anne Bierwirth, die sowohl im Chor mitsang, als sich auch mit ihrer klangvollen, ausgeglichenen Stimme solistisch in schönster Weise hervortrat. Die Sopranpartie hatte Mechthild Bach, die über eine schöne, tragfähige Stimme verfügt, übernommen. Wenn auch noch etwas jugendlich ungestüm, erfüllte sie doch ihre Aufgaben recht gut.

Markus Brutscher bemühte sich mit guter Stimmführung, langem Atem und großer Gewissenhaftigkeit erfolgreich um eine sehr gute Gestaltung der Tenorsoli, konnte aber seine, vor allem in der Höhe ziemlich schroffe Stimme damit leider nicht ganz kompensieren. Sein enormer Einsatz in dem Geistlichen Konzert „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ („Psalm 100“) verdient aber große Anerkennung. Gotthold Schwarz widmete sich als erfahrener Oratorien-Sänger den Basspartien mit sehr guter Artikulation und seiner, für diese Stimmlage ungewöhnlich flexiblen, zuweilen auch leicht flackernden Stimme, mit der er mühelos alle Verzierungen singen und ausdrucksvolle Bögen spannen kann und mit schöner, klangvoller Tiefe aufhorchen lässt. Seine seelenvolle Interpretation verfehlt ihre Wirkung nicht und spricht unmittelbar an.

Bei diesen völlig zu Unrecht selten zu hörenden Kantaten von Nikolaus Bruhns wurde in dieser Besetzung mit den auf historischen Instrumenten versierten Instrumentalisten und dem in gleicher Weise orientierten Chor deutlich, wie klangschön, lebendig und ergreifend Alte Musik in historischer Aufführungspraxis doch klingen kann.

Ingrid Gerk

 

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