Der Neue Merker

DORTMUND/Konzerthaus: IL BARBIERE DI SIVIGLIA – konzertant

Konzerthaus Dortmund. Der Barbier von Sevilla mit Florian Sempey - Figaro, Catherine Trottmann - Rosina, Michele Angelini - Il Conte d’Almaviva, Peter Kálmán - Don Bartolo, Robert Gleadow - Don Basilio, Annunziata Vestri - Berta, Louis de Lavignère - Fiorello, ChorWerk Ruhr, Le Cercle de l’Harmonie, Jérémie Rhorer - Dirigent © Pascal Amos Rest

© Pascal Amos Rest

Dortmund Konzerthaus  19. Dezember 2017 – Rossini „Il barbiere di Siviglia“ konzertant    

In der ersten Hälfte Dezember 2017 fanden im Théâtre des Champs-Élysées in Paris mehrere Aufführungen von Giochino Rossinis komischer Oper „Il Barbiere di Sivigla“ auf den Text von Cesare Sterbini nach Beaumarchais statt – dies als Koproduktion mit den Opernhäusern von Bordeaux, Marseille und den Stadttheatern Luxemburg. Am vergangenen Dienstag gab es im Konzerthaus Dortmund eine weitere Aufführung, aber nur konzertant.

Da das Bühnenbild in Paris vor allem aus gefalteten oder gerollten Notenblättern bestand, war dessen Fehlen bei der konzertanten Aufführung kein allzu grosser Verlust. Auch die Kostüme waren in Paris alle grau oder schwarz, so auch  die Kleidung der Herren in Dortmund. Dagegen trug Rosina hier ein hellrotes leuchtendes Abendkleid und Berta statt des grauen Putzfrauen-Kittels einen sexy Hosenanzug.

Ansonsten handelte es sich um eine konzertante Aufführung – der Herrenchor war hinter dem Orchester aufgestellt, Graf Almaviva wechselte die Kleidung nicht zum Offizier oder Musiklehrer, einziges Requisit war ein Handtuch, mit dem Figaro eine Rasur des Dr. Bartolo andeutete.

Dank der grossen Spielfreude, Beweglichkeit und Erfahrung  aller recht jungen Mitwirkenden aus den szenischen Aufführungen wurden  die gesamte Breite der Bühne vor dem Orchester  und die Eingänge zur Bühne seitlich vom Orchester derartig gekonnt  genutzt, daß  die  Zuschauer die heitere Handlung fast wie bei einer richtigen Aufführung miterleben konnten, dies ohne durch   werkfremde Regiezutaten abgelenkt zu werden. Daß nicht  viel hin- und hergelaufen oder  etwa im Liegen gesungen werden mußte, kam den Sängerleistungen zu Gute.
In der Titelpartie bewies Florian Sempey ganz bewundernswert, wie durch seine lange Erfahrung  er jede Nuance und Facette der Rolle stimmlich und darstellerisch beherrschte. Das zeigte gleich seine Auftritts-Kavatine – er als „Faktotum der schönen Welt“ mit der  übertriebenen Darstellung seiner Unentbehrlichkeit für Kunden jedes Geschlechts und Charakters. Besonders die  schnellen Achtelnoten und der ausgekostete Oktavsprung zum Schluß regten langen Zwischenapplaus an.

Konzerthaus Dortmund. Der Barbier von Sevilla mit Florian Sempey - Figaro, Catherine Trottmann - Rosina, Michele Angelini - Il Conte d’Almaviva, Peter Kálmán - Don Bartolo, Robert Gleadow - Don Basilio, Annunziata Vestri - Berta, Louis de Lavignère - Fiorello, ChorWerk Ruhr, Le Cercle de l’Harmonie, Jérémie Rhorer - Dirigent © Pascal Amos Rest

 © Pascal Amos Rest

Die sängerisch anspruchsvollste Rolle der Oper ist die des Grafen Almaviva. In dieser brillierte   Michele Angelini bereits in seiner Auftritts-Kavatine mit gelungenen Koloraturen und strahlenden Spitzentönen. Später fand er gefühlvolle mezza-voce-Töne in der der Kanzone an Rosina. Alleine durch witziges Spiel und Stimmfärbung machte er die Verwandlung zum betrunkenen Soldaten und zum salbungsvollen Musiklehrer deutlich. Höhepunkt war  seine Arie über die Liebe zu Rosina  und die folgende Szene mit Chor gegen Ende der Oper, wo er Koloraturen  und Spitzentöne fast schon zelebrierte und  er exakt die betonten Achtelnoten etwa bei „il più lieto“ mit den dort enthaltenen Trillern sang – da gab es viele Bravos vom Publikum:

Seinem Gegenspieler Peter Kálmán als Dr. Bartolo  merkte man ebenfalls die grosse Erfahrung in dieser Rolle an. Vergnügen erregte sein Spiel als betulich und langsam reagierender aber doch cholerischer Alter. Der über den  Doktortitel  übertrieben stolze maestoso-Beginn  seiner Auftrittsarie gelangen ihm ebenso wie das folgende ganz schnelle Parlando.

Catherine Trottmann war eine jugendliche Rosina, die in ihrer Auftritts-Kavatine den Gegensatz zwischen folgsamen Mündel und, wenn das nicht hilft, der selbstbewußten „vipera“ (Schlange) stimmlich deutlich machte. Die tiefen Töne de Partie bereiteten ihr keine Schwierigkeiten, ganz selten klang ein Spitzenton etwas schrill. Robert Gleadow war ein recht junger Don Basilio, zum Zeichen seines Berufs einen Klavierauszug studierend. Gleichwohl verfügte er etwa in der Arie von der Verleumdung (La calunnia) über eine mächtige Baßstimme ausreichend für die  Steigerung zur„colpo di canone“. Annunziata Verstri hatte aus der Pariser Aufführung das Niesen beim Auftritt beibehalten und konnte in ihrer Arie „Il vecchioto“ auch mit exakten Staccato-Tönen und punktierten Sechzehnteln überzeugen. Louis de Lavignère hatte für seine kurzen Auftritte als Fiorillo den Smoking aus Paris mitgebracht.

Die Chorpartie hatte Florian Helgath mit dem ChorWerk Ruhr einstudiert.Es wurde mit der bekannten Exaktheit gesungen. Ein Sänger übernahm auch die kleine Partie des Polizeioffiziers.

Das Orchester Le Cercle de l`Harmonie – benannt nach einem gleichnamigen Orchester im Paris des 18. Jahrhunderts –  spielte auf Original-Instrumenten, was etwa bei den beiden Naturhörnern  wie auch bei den anderen Bläsern ein besonderes Klangerlebenis war. Die etwas tiefere Stimmung der Instrumente war allerdings zuerst gewöhnungsbedürftig. Sehr einfühlsam begleitete Paolo Zanzu am Hammerklavier die Rezitative.

Die Gesamtleitung lag bei  Orchesterleiter Jérémie Rhorer. Bei der Wahl der Tempi betonte er die Tempo-Gegensätze innerhalb eines Musikstücks. Die einleitende „Sinfonia“ etwa begann er recht langsam (Andante sostenuto), ließ die Cantabile-Melodien blühen, um dann zum Schluß zu rasantem Tempo zu beschleunigen. Ähnlich verfuhr er auch bei Arien, wählte schnelle Tempi dann aber so rasch, daß selbst die rollenerfahrenen Sänger nicht immer mithalten konnten.  Auch dank der Erfahrung  aus den früheren Aufführungen klappten die Ensembles reibungslos, als Beispiel sei die Szene aus dem Finale des ersten Aktes genannt, wo alle sechs Solo-Sänger  nach- und durcheinander mit ihrer Version des vorangegangen Geschehens auf den Polizeioffizier einsingen – das klappt selten so exakt wie hier.

Das wohl wegen Weihnachtszeit nicht übermässig zahlreiche Publikum geizte nicht mit Zwischenapplaus nach fast allen Arien und Ensembles und applaudierte zum Schluß – verständlicherweise gutgelaunt – mit langem herzlichen Beifall und vielen Bravos.

Sigi Brockmann 20. Dezember 2017

 

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