Der Neue Merker

DORTMUND/ Opernhaus: DIE FLEDERMAUS – halbszenisch und musikalisch gelungen. Premiere

Dortmund Opernhaus    Strauß „Die Fledermaus“ halbszenisch

 Premiere am 5. März 2017 musikalisch gelungen

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Foto: Björn Hickmann stage picture.

 Die Operette in drei Akten „Die Fledermaus“ von Johann Strauß (Sohn) auf den Text von C. Haffner und R. Genée nachempfunden dem Vaudeville „Réveillon“  von Meilhac und Halévy bezieht ihre Wirkung vor allem aus dem Rollenwechsel fast aller Beteiligten in eine jeweils höhere soziale Klasse zwischen I. und II.  und den Rückfall in die alte Ordnung im III. Akt. Da dies durch Maskerade und Verkleidung erfolgen muß, ginge bei einer rein konzertanten Aufführung  viel an Komik verloren. Deshalb hat man sich in Dortmund  statt der angekündigten konzertanten Aufführung für eine halbszenische  entschieden.  Die Mitwirkenden sangen  und spielten vor dem Orchester in für ihre Rollen passenden Kostümen . Opernintendant Herzog und Alexander Becker hatten für szenische Einrichtung mit entsprechendem Mobiliar gesorgt und Choreografin Adriana Naldoni  hatte allen dazu passende Bewegungsabläufe vermittelt. Diese ins rechte Licht zu setzen und auf den Bühnenhintergrund ein Glas Champagner zu projizieren hatte  Stefan Schmidt übernommen.

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 Foto: Björn Hickmann stage picture.

Auf alle Dialoge wurde verzichtet wohl auch wegen eventueller Schwierigkeiten bei der deutschen Aussprache  einiger Mitwirkender. Dafür erklärte Kabarettist Fritz Eckenga in bestem Ruhrdeutsch die Handlung und wie sich aus dieser  die jeweiligen Musiknummern ergaben. Zur Freude eines grossen Teils des Publikums mischte er eigene manchmal nicht sehr geistreiche Witze darunter.  Erfreulicherweise nicht als total Betrunkener gespielt fragte er in der zusätzlichen Rolle des Gerichtsdieners Frosch sich und das Publikum, wer wohl in einen Knast passe. Dorthin gehörten  wie inzwischen üblich   AfD-Anhänger sowie Verursacher des Diesel-Abgas-Skandals mit den hohen Gehältern.

Äusserst erfreulich war hingegen der musikalische Eindruck der Aufführung. Grosse Bewunderung gebührt der musikalischen Leitung von Motonori Kobayashi. Sein einfühlsames  Gefühl für die tänzerische Musik der Walzer, Polkas u.ä.  betreffend Tempi,  Rhythmus, Ritardandi mit folgender Beschleunigung, melodische und harmonische Feinheiten übertrug er mit eleganten Bewegungen auf Solisten, Chor und Orchester,  ohne daß  besondere Unstimmigkeiten im Zusammenspiel zu hören waren.

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Foto:  Björn Hickmann stage picture.

Als Gabriel von Eisenstein stand stimmlich und szenisch der Dortmunder Ks. Hannes Brock im Zentrum der Aufführung. Das leichtgewichtige Parlando im Tanzrhythmus beherrschte er ebenso wie die Darstellung als falscher Notar mit verstellter Stimme. Übertrieben hochdramatisch sang er mit donnernder Stimme  den vermeintlich zur Rache berechtigten Ehemann.

Bedenkt man die Häufigkeit ihrer Auftritte und Solo-nummern ist Kammerjungfer Adele die musikalische Hauptperson des Geschehens. Als einzige kehrt sie zum Schluß auch nicht in ihre alte Existenz zurück. In der Dortmunder Interpretation würde Prinz Orlofsky sie als Mäzen ihres Schauspieltalents  wohl mit in eine „Kammer“ nehmen, die sie nicht mehr als „Jungfer“ verliesse. Gleich mit ihren ersten hohe Staccato-Tönen und Oktav-Sprüngen in der „Introduction“ des Stücks zeigte Ashley Thouret  in dieser Rolle  Stimmbeherrschung und keckes Spiel. Das setzte sie fort im II. Akt im ironischen Ton des „Mein Herr Marqis“mit Koloraturen, Trillern und exakt getroffenem hohen Spitzenton und im III. Akt  im Couplet über ihre schauspielerische Begabung. Bei letzterem war es besonders bedauerlich, daß man sie selbst bei Kenntnis des Textes sprachlich kaum verstehen konnte. Das galt in geringerem Masse auch für Emily Newton als Eisensteins Frau Rosalinde. Auch sie spielte überzeugend fremde Rollenclichés  wie die empörte treue Ehefrau gegenüber dem Gefängnisdirektor oder die ungarische Gräfin im II.Akt. Stimmlich gelangen ihr die vielen Triller und Spitzentöne ihrer Partie. Den „Csárdás“ sang sie ohne Noten und schloß den folgenden „Frischka“ mit mitreissendem Temperament auch wieder bis zu den  hohen Trillern und Spitzenton.

Auswendig sang auch Ileana Mateescu als Dortmunds Spezialistin für Hosenrollen die Partie des Prinzen Orlofsky. Im Couplet „Ich lade gern mir Gäste ein“ betonte sie mit stimmlicher Komik den einkomponierten Schluckauf. In ihrer gesamten Partie sang sie völlig textverständlich und spielte überzeugend den blasierten gelangweilten Jüngling, der sich alles leisten kann aber beim Wodka hängenbleibt. Joshua Whitener sang mit kräftiger Stimme  als Tenor Alfred nicht nur seine Partie sondern nach der Pause zum Beifall des Publikums Stücke aus seinem  sonstigen Opernrepertoire.

Da nur die Gesangsnummern aufgeführt wurden, hatten die Sänger der weiteren Partien nur kleinere Auftritte wie etwa Fritz Steinbacher als Advokat Dr. Blind mit der schnellen Aufzählung seiner juristischen Fähigkeiten im I. Akt oder in demselben Akt   Luke Stoker  alias Gefängnisdirektor Frank als Werber für sein „Vogelhaus“.  Dem Verursacher des heiteren aber auch tiefgründigen Spiels, dem Notar Falke, verlieh Gerardo Garciacano  gewichtigen Bariton und hintergründiges Spiel. Alle  fügten sich passend in die Ensembles ein.

Beschwingt sang  der Opernchor  einstudiert von Manuel Pujol die Walzerchöre und erfreute besonders im  nachdenklichen pp des „Dui du“ am Ende des II. Akts.

Die Dortmunder Philharmoniker liessen ihr gewohntes Niveau hören, besonders auch in den Soli etwa der Oboe kurz nach Beginn der Ouvertüre oder später von Flöte, Klarinetten und Fagott.

Das Publikum im vollbesetzten Haus spendete häufig Zwischenbeifall, manchmal auch mitten in einzelnen  Musiknummern. Beim langen Schlußapplaus erhoben sich dann einige von ihren Sitzen, andere folgten wie üblich. In der neunten und zehnten Reihe unterhielten sich nicht mehr ganz junge Zuschauer, ob es wohl eine Zugabe gäbe. Sie erhielten den guten Rat, am nächsten Samstag die zweite Vorstellung  (und gleichzeitig Derniere) zu besuchen.

 Sigi Brockmann 6. März 2017

 

 

 

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