Der Neue Merker

DORTMUND: ARABELLA. Neuinszenierung, zweite Vorstellung

Dortmund: Arabella. Premiere am 24. September, 2. Vorstellung am 2. Oktober 2017

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Sangmin Lee, Emily Newton. Copyright: Theater Dortmund/ Thomas Jauk stage

„Und du wirst mein Gebieter sein, und ich dir untertan“. Diese Hofmannsthal-Worte in der lyrischen Komödie „Arabella“ können einem schon einige Bauchschmerzen bereiten in einer Zeit, wo partnerschaftliche Freizügigkeit gilt und nun auch die gleichgeschlechtliche Ehe sanktioniert ist. Wenn historisch beschlagene Opernfreunde an „Arabella“ denken, haben sie unweigerlich Lisa della Casa vor Augen, die blendend schöne Aristokratin mit dem leicht kühlen Mädchensopran. Zwei Studioaufnahmen der Strauss-Oper haben ihre Interpretation festgehalten: eine Wiener von 1957 unter Georg Solti sowie eine Münchener unter Joseph Keilberth ein Jahr später.

In beiden Fällen (Münchner Liveauftritte auf Youtube!) wirkte die Schweizer Sopranistin wie eine Art Paradiesengel, Ballkönigin und euphorisch verehrte Primadonna. Die Mandryka-Partner von Lisa della Casa waren Dietrich Fischer-Dieskau und George London, zwei vokal völlig divergierende Charaktere: Dieskau bei aller angelernten Rustikalität ein intellektueller Lyriker, London hingegen ein bärenstarker Kontrast. Vornehm jedoch beide. Heute wirken beider Rollenkonturen schon etwas verklärt. In der Dortmunder Inszenierung von Intendant JENS-DANIEL HERZOG wird das leicht operettige Geschehen von 1860 etwa hundert Jahre an die Gegenwart heran gerückt, SIBYLLE GÄDEKE bewahrt den Kostümen (im Programmheft sieht man übrigens teilweise andere als wie in der Aufführung getragen) gleichwohl nostalgisches Flair. Eine noch stärkere Vergegenwärtigung wäre dem Stoff sicher nicht dienlich.

Was sind das für Menschen, diese vornehme Grafentochter Arabella und der etwas poltrige Mandryka, die sich bei ihrer ersten Begegnung wie vom Blitz getroffen ineinander verlieben? Beide sehnen sich nach einem wirklich passenden Gegenüber. Mandryka sucht Ersatz für seine früh verstorbene Frau, welche in seinem bäuerlichen Dasein dienend aufging, Arabella wünscht sich einen charakterfesten Mann, der sie an seine starke Hand nimmt und durchs Leben führt.

Ob die beiden ihr harmonisches Zueinanderfinden auf ein ganzes Leben auszudehnen imstande sind, ob sie ihre divergierenden Charaktere einander anzugleichen verstehen, muss sich freilich erst noch erweisen. Der erste „Ehestreit“ beginnt immerhin schon vor der offiziellen Verbindung und hat es wahrhaft in sich. Jens-Daniel Herzog findet für die kreative Annäherung der beiden eine schöne Geste. Der Raucherin Arabella nimmt Mandryka im zweiten Akt die Zigarette weg, im dritten überreicht er ihr eine, anerkennt und akzeptiert damit ein kapriziöses Detail ihres Wesens. Auch sonst gelingen dem Regisseur bei den Protagonisten stimmige Psychogramme, wobei offen bleiben muss, wie weit EMILY NEWTON (in der zweiten gesehenen Aufführung) sich von der Premierensängerin Eleonore Marguerre unterscheidet Im ersten Akt wirkt sie (schon wegen ihrer Kleidung) etwas zu sehr als Laufsteg-Model, die Verwandlung zur tradierten Opernfigur vollzieht sich dann im nächsten Bild.

Für das Finale hat Herzog nicht unbedingt eine ideale Lösung gefunden. Dass die als Bub verpuppte Zdenka ihre weibliche Identität in Form einer Entkleidungszene offeriert, wirkt etwas anbiedernd. Was aus ihr und Matteo wird, bleibt wiederum etwas undurchsichtig. Immerhin macht die Inszenierung mit dem etwas verlegenen Abgang Matteos deutlich, dass dieser nicht gleich von der angebeteten Arabella auf die Schwester umschwenkt. In der berühmten Schlussszene mit dem Auftritt Arabellas auf einer großen Treppe (Bühnenbildner MATHIS NEIDHARDT hat eine solche in seine alle Akte prinzipiell gleich bleibenden, aber geschickt variierten Halle natürlich eingebaut) legt sich Mandryka nach dem ganzen vorangegangenen Tohuwabohu erschöpft auf einer der Stufen. Als Arabella mit dem Glas Wasser kommt (woher sie es bekam, wird nicht klar) und ihre Verzeihungsworte spricht, reagiert er nicht gleich, richtet sich erst ganz am Schluss auf. Das haut psychologisch nicht ganz hin. Aber dann kommt ja die Sache mit der Zigarette…

Zu der insgesamt lebendigen, abwechslungsreichen und im Detail oft ausgesprochen vergnüglichen Inszenierung Herzogs korrespondiert das überzeugende Dirigat von GABRIEL FELTZ. Er leitet die famosen DORTMUNDER PHILHARMONIKER mit einer für ihn typischen, gespreizten Fingerhaltung, welche starke Energie spiegelt. Das bewirkt einen entschlossenen, nervigen Klang, dem es zu gegebener Zeit aber nicht an Sinnlichkeit und Parfümiertheit fehlt.

Auf seine Sänger kann die Oper Dortmund wirklich stolz sein. Bei der Vertreterin der Titelrolle, Emily Newton, spürt man sprachlich zwar ein wenig die geborene Amerikanerin, aber prinzipiell ist ihre Diktion exzellent, ihr Sopran blüht bis in die extremen Höhen ihrer Partie auf. Figürliche Attraktivität kommt vorteilhaft hinzu. Die Zdenka gestaltet ASHLEY THOURET vokal glockenklar und spielt die unterdrückte Weiblichkeit der Figur auf sympathische Weise aus. Auf den Mandryka SANGMIN LEE könnte man Worte der Marschallin anwenden: „Er ist ein rechtes Mannsbild“. Der Südkoreaner verfügt über eine körperstarke Erscheinung und ist gesegnet mit einem fülligen, ausladenden und höhenstarken Bariton, ideal nicht zuletzt für Verdi-Partien (eine der letzten in Dortmund war Germont Père).

Als Matteo bezwingt mit ungemein strahlenden Tenor der Österreicher THOMAS PAUL; auch darstellerisch ist er Klasse. Auf künftige Aufgaben dieses neuen Ensemblemitglieds wird nun besonders zu achten sei; als nächstes kommt der Lenski. Auch das Trio der drei Grafen ist hervorragend und wird individuell typisiert: ALEXANDER SPRAGUE (Elemer), MARVIN ZOBEL (Dominik) und LUKE STOKER (Lamoral). JEANNETTE WERNECKE zwitschert die Fiakermilli entzückend. Für den Waldner ist MORGAN MOODY vielleicht um einige Grade zu jung, dennoch ist sein Porträt stimmig. In seiner Adelaide erlebt man mit der aus Bosnien stammenden ALMERIJA DELIC eine echte Komödiantin mit einer gehörigen Portion Koketterie und ausladendem Mezzo. Als Kartenaufschlägerin vermag JULIA AMOS in der Angangsszene der Oper unschwer mitzuhalten. Man hat fast den Eindruck, als sängen hier zwei Toscas um die Wette.

Christoph Zimmermann

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