Der Neue Merker

DOHNA/ Marienkirche: J. S. BACHS “WEIHNACHTSORATORIUM“ – INDIVIDUELL ZUSAMMENGESTELLT

Dohna/ Marienkirche: J. S. BACHS “WEIHNACHTSORATORIUM“ – INDIVIDUELL ZUSAMMENGESTELLT 27.11. 2016

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Strahlende Gesichter nach der Aufführung des „Weihnachtsoratoriums“: Wolfgang Hentrich – Dirigent, Marie Henriette Reinhold – Alt, André Khamasmie – Tenor, Ute Selbig – Sopran, Andreas Scheibner – Bass. Foto: Marion Kretzschmar

 Meist werden in alter Tradition von Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“  die  Kantaten 1 – 3 vor und die Kantaten 4 – 6 nach Weihnachten aufgeführt, was auch nicht ganz der ursprünglichen Konzeption entspricht, denn alle 6 Kantaten waren erst ab dem 1. Weihnachtsfeiertag vorgesehen. Unverständlicherweise sinkt nach Weihnachten das Interesse an diesem genialen Werk, so dass sich manche Kirchgemeinden oder Veranstalter dazu entschließen, einige von den nicht minder ansprechenden und musikalisch besonders schönen und interessanten Kantaten des 2. Teils auch schon vor dem 24.12. zu bringen.

Der 2006 gegründete, sehr leistungsfähige, zuverlässige und sehr engagierte Chorus 116 aus ehemaligen Mitgliedern des Kreuzchores und des Kreuzschulchores (Einstudierung; Christoph Frenzel) und das ambitionierte, auf Initiative von Wolfgang Hentrich, dem 1. Konzertmeister der Dresdner Philharmonie und Dirigent des Abends gegründete, Fördervereins-Orchester der Dresdner Philharmonie hatten für ihre Aufführung zum 1. Advent in der Marienkirche zu Dohna, einer kleinen Stadt in der Umgebung Dresdens mit bedeutender Geschichte, eine individuelle Zusammenstellung mit den Kantaten 1, 3 und 6 gewählt, ein repräsentativer, wenn auch ungewöhnlicher „Querschnitt“ durch J. S. Bachs beliebtestes Werk.

Die zahlreichen Besucher, die auch aus Dresden gekommen waren, um das erste „Weihnachtsoratorium“ dieser „Saison“ in Dresdens Umgebung und vor allem die Solisten zu hören, empfing ein geschmackvoll weihnachtlich geschmücktes Städtchen, das zweitälteste in Sachsen, mit spätgotischer dreischiffiger Marienkirche aus dem 15. Jahrhundert.

Unter der inspirierenden Leitung von Wolfgang Hentrich fand eine Aufführung statt, die an Innigkeit und mitreißender Musizierfreude so manche Aufführung an repräsentativer Stätte übertraf. Es wurde mit viel Hingabe, Leidenschaft und Werkverständnis gesungen und musiziert, so dass schon mit den ersten Tönen der berühmte (jetzt leider selten gewordene)  „Funke übersprang“.

Es dürfte wohl einmalig in der deutschen Orchesterlandschaft sein, dass die Mitglieder eines Fördervereins in einem eigenen Orchester musizieren und dabei nicht nur beratend und organisatorisch, sondern auch bei Aufführungen von Mitgliedern des von ihnen geförderten Orchesters, der Dresdner Philharmonie, unterstützt werden. Das Orchester bewies auch in der musikalischen Praxis seine Kompetenz. Es spielte „professionell“, sicher und zuverlässig.

Ein ausgezeichnetes Solistenensemble verlieh der Aufführung besondere Bedeutung und festlichen Glanz. Der Tenor André Khamasmie verfügt über gute stimmliche und gestalterische Fähigkeiten, mit denen er die Evangelisten-Partie sehr lebhaft anlegte.

Ute Selbig, die mit ihrem schönen, glockenreinen Sopran und ihrer innigen Gestaltung der Gesangspartien nicht nur in Opern, sondern auch in ungezählten Weihnachts- und anderen Oratorien, Messen und Requien die Hörergemeinden fasziniert und berührt hat, engagierte sich mit ihrem Können auch sehr für diese Aufführung.

Die noch junge Marie Henriette Reinhold verfügt bereits über eine erstaunliche Reife und Perfektion, mit der sie die Alt-Partie gestaltete. Sie hatte noch genügend Reserven, um die Arien mit zahlreichen Verzierungen auszuschmücken. Bei der, von der Solovioline begleiteten Alt-Arie „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“ ergab sich zuweilen eine schöne Übereinstimmung zwischen menschlicher Stimme und Instrument.

 Andreas Scheibner, dessen Gestaltung u. a. der Basspartie im „Weihnachtsoratorium“ 2011 von Christian Thielemann als beispielgebend gerühmt wurde, als sich jener seinen Wunsch, einmal Bachs Weihnachtsoratorium zu dirigieren, mit der Sächsischen Staatskapelle in der Dresdner Frauenkirche erfüllte, gestaltete auch hier diese Partie, einschließlich der „gefürchteten“ Bass-Arie „Großer Herr und starker König“, überaus souverän und mit allen „Raffinessen und Feinheiten“.

Was bei Ute Selbig und Andreas Scheibner immer wieder fasziniert, sind nicht nur leistungsfähige Stimme und gute Gesangstechnik, sondern auch musikalische Intelligenz und Werkverständnis, womit sie das, was sie singen, in perfekter Ausführung bis in die geistigen Tiefen auszuloten vermögen. So gestalteten sie auch das Duett „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen“ mit besonderer Akribie und Hingabe, und daraus resultierender Faszination und Ausstrahlung.

Allen vier Solisten war eine sehr gute Textverständlichkeit und Perfektion der Ausführung eigen, so dass sie auch das kleinste Detail entsprechend gestalten konnten.

Die Besucher waren sehr angetan und überrascht, welch eindrucksvolle Aufführung auch in kleineren Gemeinden möglich ist. Es müssen nicht immer die bekannten und berühmten Aufführungsorte sein. Manchmal leuchtet „ein besonderer Stern“ auch außerhalb der großen Städte und renommierten Aufführungsorte.

 Ingrid Gerk

 

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