DMITRY MASLEEV spielt Scarlatti, Prokofiev und Shostakovich – MELODIYA CD – Schillerndes Debütalbum

by ac | 26. Dezember 2017 12:58

DMITRY MASLEEV spielt Scarlatti, Prokofiev und Shostakovich – MELODIYA CD – Schillerndes Debütalbum

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Mit seiner runden Metallbrillen und dem Bubihaarschnitt sieht Masleev aus wie Harry Potter, im Klavierspiel gleicht er vielleicht einer Mischung aus Horowitz und Gould‘scher Besessenheit. Nach seinem spektakulären ersten Sieg (Einstimmigkeit der Jury) beim Tchaikovsky Wettbewerb 2015 hatte der junge Pianist aus dem fernen Sibirien zwischen Baikalsee und der Grenze zur Mongolei schon Gelegenheit, seine virtuosen Künste in der Carnegie Hall, in Paris und auf Tourneen zu präsentieren. Zusätzlich zu der Goldmedaille wurde er von der Jury mit einem gesonderten Preis für seine Neuinterpretation des Mozart-Konzertes ausgezeichnet. Damals wurden besonders seine makellose Technik, seine Brillanz, seine Lyrik sowie die Ungezwungenheit seines Stils gelobt.

 

Masleevs Debütalbum für das russische Label Melodiya eint Werke von Domenico Scarlatti (5 Sonaten), Sergej Prokofiev (Klaviersonate Nr. 2 in D-Moll Op 14) und Dmitri Shostakovich (Klavierkonzert Nr. 2 in F-Dur Op. 102). Die inneren Bezüge treten dann zutage, wenn man weiß, das Shostakovich Scarlatti Sonaten für Blasinstrumente und Pauke arrangierte und Prokofiev selber leidenschaftlich gerne dessen Werke interpretierte. 

 

Scarlatti spielt Masleev fern aller historisierenden Aufführungspraxis romantisch, die fünf bekannten Juwelen für Cembalo klingen auf dem großen Konzertflügel eher nach Chopin als strenger barocker Geometrie. Dennoch vermag der Pianist mit seiner unbeschwerten Herangehensweise besonders der elegischen Sonate K. 466 und der ungestümen Schwester K. 141 neue vibrierende Facetten abzugewinnen. Bei Prokofievs 300 Jahre später komponierten zweiten Sonate ist Masleev ganz und gar in seinem Element. Dieser gewaltige und humorvolle „Mammutritt durch ferne Steppen“ zeigt Masleev von einer ganz anderen Seite. Wie in der Wandlung von Jeckyl zu Hyde wechseln spielerische Spurensuche und teuflische Eskapade, lustvolles Aufbäumen und infernalisches Rasen, stets mit wohldosiertem Anschlag. Hier zeigt Masleev, dass er es auch knapp und bündig kann, rhythmisch klar, kein Weichspüler trübt die oftmals eisige sibirische Fährte.  Das Tartarische Nationale Symphonieorchester unter der Leitung von Alexander Sladkovsky sind Masleevs Partner bei Shostakovich zweitem Klavierkonzert. Das seinem Sohn Maxim gewidmete Werk zeigt Shostakovich ganz auf der klassizistischen Seite des Schaffens, das berühmte Andante klingt nach herrlichster Filmmusik. Hier kommt Masleev jugendlicher Impetus zum Vorschein, seine Begabung zu tänzerischem Schwung und unbedarfter Tollerei. Keine politische Dimension noch allzu drastische Schroffheit  finden in diesem Ansatz Platz. Vielleicht hat noch niemand so viel Sonne und Elastizität in dieses Werk gehaucht wie Masleev dies hier mit den guten Kräften des Klangkörpers aus Kazan versucht. Denn nirgend wo hat der Hörer den Eindruck des marmorn glänzend Vollendeten oder definitiv Endgültigen, Masleev scheint auf einer genialen Spurensuche federnd und leicht die persönlich tiefsten Emotionen des ihm gerade zugänglichen musikalischen Kosmos abzutasten. Das Metaphysische dieser Erfahrung teilt sich dem Publikum als das besondere der Interpretation mit. Dass Masleev – durchaus sympathischerweise – nicht alles kann, zeigt sich mit dem Bonus, der eigenen Bearbeitung der Elegie aus der Ballettsuite Nr. 3 von Shostahkovich, die zur kitschigen Berieselung gerät. 

 

Fazit: Ein junger genialischer Pianist experimentiert mit unbeschwerten, präzisen, gefühlvollen bis brillanten Interpretationen aus intelligent kombiniertem bekanntem Repertoire. Möge dieser auf Videos introvertiert wirkende Mann diese Suche unbeirrt vom „Betrieb“ fortsetzen. Dass er weit mehr als eine Wettbewerbs-Eintagsfliege ist, hat er spätestens mit diesem Album eindrucksvoll dargelegt. Mich als Hörer hat er jedenfalls in der Tasche, ich habe mir diese CD schon zehnmal angehört, was sonst kaum vorkommt.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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