Dimitri Shostakovich: KLAVIERKONZERTE

by R.Wagner | 5. Januar 2017 22:52

0747313366675

Dimitri Shostakovich: KLAVIERKONZERTE
Boris Giltburg 

NAXOS CD

Genialer Giltburg und Vasily Petrenko samt Royal Liverpool Philharmonic Orchestra

Weltersteinspielung der Bearbeitung des achten Streichquartetts, arr. Giltburg

Erscheinungstermin: 13.1.2017

Jubiläumswürdig ist sie geworden, diese Einspielung nach gemeinsamen Konzerten. 2006 wurde Vasily Petrenko zum ersten Dirigenten des Royal Liverpool Philharmonie Orchestra ernannt, 2009 wurde er Chefdirigent. Der junge aus St. Petersburg stammende Dirigent, Schüler u.a. von Mariss Jansons, hat ein goldenes Händchen für die beiden populären Klavierkonzerte von Shostakovich. Das erste viersätzige Klavierkonzert in C-Moll, Op. 35, mit einer faszinierenden Rolle der Trompete (Rhys Owens), 1933 kurz vor der Oper Lady Macbeth von Mtsensk vollendet, als selbstbewusste vor Erfindungsgabe strotzende Tonschöpfung, enthält Zitate aus Klaviersonaten Beethovens und Haydns. Das zweite dreisätzige Klavierkonzert in A-Dur, Op. 102, 1957 als Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn Maxim geschrieben, ist ein ebenso vor Leben sprühendes, im Grundton lyrischeres Werk, mit einem der schönsten Andante-Sätze ever. Petrenko weiß sowohl die nachdenkliche Seite als auch die rohe Kraft der Partituren mit seinem Orchester brillant in Szene zu setzen, den sarkastischen Humor als auch den eisigen Ernst des Komponisten in abgründiger orchestraler Urtiefe auszuloten.

Dabei hat er in seinem Landsmann Boris Giltburg einen kongenialen Pianisten zur Seite. Giltburg, absoluter Star des Labels Naxos, mit dem ihn weitreichende Aufnahmepläne verbinden, ist nicht nur der Prototyp des sensiblen russischen Pianisten wie aus dem Bilderbuch heraus. Er ist zudem ein Poet auf Tasten, leidenschaftlich und reflektiert zugleich, mit einem ungeheuren Instinkt für musikalische „Sprachen“, ein begabter Strukturalist mit Herz, ein Deuter von Stimmungen und Feinzeichner von Kontexten. Giltburg ist aber auch passionierter Amateurphotograph und Blogger, der verständlich und klug zugleich über klassische Musik schreiben oder erzählen kann.

Für die vorliegende CD hat Giltburg mit Zustimmung der Familie Shostakovich das achte Streichquartett des Komponisten für Klavier arrangiert. Dieses Streichquartett in C-Moll, Op. 110, ist nichts weniger als ein klingender autobiographischer Canossagang nach Shostakovich‘ als katastrophale persönliche und moralische Niederlage empfundenen Beitritt zur Kommunistischen Partei im Jahr 1960, die ja nicht gerade zimperlich mit ihm und seinem Schaffen umgegangen ist. Eine ganz und gar biographische Komposition also, die der Komponist tatsächlich seinem eigenen Angedenken gewidmet hat. Das eröffnende Motiv, das später über 100 Mal wiederholt wird, ist, ist Shostakovich musikalische Signatur (D.S.C.H.: D-Es-C-B). Giltburg gelingt eindrucksvoll, dem dunklen, monochromatischen Gestus des Streichquartetts in den aggressiv perkussiven Stellen, oder dem schweren Pochen im vierten Satz, eine nie gekannte Schärfe und Macht zu verleihen. Auch ein Fugato darf nicht fehlen, das den Pianisten auf der Höhe der technischen Meisterschaft zeigt.

Das neue Album biete beides: Referenzaufnahmen der beiden Klavierkonzerte als auch zwei Weltersteinspielungen: Neben der erwähnten Bearbeitung des achten Streichquartetts hat Giltburg auch den Walzer im Allegro des zweiten Quartetts in A-Dur für Klavier solo transkribiert.

Boris Giltburg spricht über seine Klavierfassung des achten Streichquartetts von Shostakovich

https://www.youtube.com/watch?v=uEU0yDRncJg[1]

Dr. Ingobert Waltenberger 

  1. https://www.youtube.com/watch?v=uEU0yDRncJg: https://www.youtube.com/watch?v=uEU0yDRncJg

Source URL: http://der-neue-merker.eu/dimitri-shostakovich-klavierkonzerte