Der Neue Merker

Dietmar Grieser: SCHÖN IST DIE WELT

BuchCover  Grieser, Schön ist die Welt~1

Dietmar Grieser: 
SCHÖN IST DIE WELT
Schauplätze der Musik
272 Seiten, Amalthea Verlag, 2017 

Drei Söhne einer musikalischen Mutter: Der älteste entscheidet sich für die Geige, der zweite für die Flöte, und Dietmar, der Jüngste, für das Klavier. Aber der Traum der Mutter, die Söhne würden ein großartiges Trio ergeben, erfüllen sich ganz und gar nicht, im Gegenteil, Dietmar Grieser entwickelt (auch wegen einer Lehrerin, mit der er nicht „kann“) eine wahre Klavier-Phobie…

Nichtsdestoweniger kommt der junge Mann aus Schlesien mit 23 Jahren nach Wien, in die Welthauptstadt der Musik. Und Musik bleibt auch sein Thema, als er zum „Spurensucher“ wird – es muss ja nicht nur Literatur sein, auch die Musik ist voll von Schauplätzen. „Sie sind der mit den Schauplätzen“, hat er wohl öfter gehört als sonst etwas, und hier sind sie – die „Schauplätze der Musik“.

Also lässt er die Leserschaft, die ihm seit Jahrzehnten auf seinen Entdeckungsreisen folgt, daran teilnehmen, wenn er – wie übrigens jeder musikalische Rom-Besuchter (!) – selbstverständlich nach Sant’Andrea della Valle geht (wo die erste Kapelle links als jene der „Tosca“ sogar in der Kirche angeschrieben ist), weiters zum Palazzo Farnese und zur Engelsburg, um auch den zweiten und dritten Akt von Puccinis Oper abzudecken. Und mit Puccini ist er auch erst in London (wo dieser ein Theaterstück über die Butterfly sah) und dann in Nagasaki, und solcherart bietet die Musik schier Unerschöpfliches.

Wobei Grieser ja immer auch Historiker ist – er wird die Reise des echten Zaren Peter I. nachvollziehen, der tatsächlich inkognito nach Zardaam reiste, was für Lortzing das das Thema einer komischen Oper („Zar und Zimmermann“) wurde.

Letztendlich geht es dann nicht nur um Schauplätze (obwohl der Raimund-Fan gewissenhaft die Köhlerhütte sucht, die in „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ so tragisch verlassen wird), sondern um allgemeine und teilweise bekannte Geschichten über Musiker, etwa die letzten Liebschaften von Richard Wagner, unter denen Gattin Cosima so gelitten hat (ob der finale Krach, den sie ihm wegen Carrie Pringle gemacht hat, wirklich seinen Tod beschleunigte?), oder um Brahms in Wien, Mahler in Iglau oder Hugo Wolf in Perchtoldsdorf.

Grieser setzt sich auf die Spuren von Hans Leip und seiner „Lili Marleen“, von Anton Karas und seinem „Dritten Mann“, er erzählt von der Karriere des Leo Slezak und dem Tod von Fritz Wunderlich.

Manches davon kennt man (und es wird auch durchaus zugegeben, dass eine Menge der Artikel schon in früheren Büchern erschienen sind), manches ist ein bisschen alt geworden (etwa das Interview mit Callas-Exgatten Meneghini), manches überflüssig (die Jugendflegeleien des Herrn André Heller), anderes in diesem Zusammenhang seltsam (seine Huldigung des Bücherflohmarkts in Enzensfeld).

Und doch – wenn Grieser zu einer wahren Hymne auf das Wienerlied anhebt, kenntnisreich und bei allem kritischen Ansatz voll von Liebe, dann ist man wieder ganz in seinem musikalischen Element. Das ist ein Buch, das man jetzt im Sommer liest und das man zu Weihnachten Musikfreunden auf den Gabentisch legen kann.

Renate Wagner

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