Der Neue Merker

Die MERKER-Online Rezension – Gedanken von Thomas Prochazka

Was kann eine Rezension im MERKEROnline leisten?

Wer für den MERKEROnline Rezensionen schreibt, muss vor allem eines sein — schnell, denn Nichts altert so schnell wie die Neuigkeiten von gestern.

Während Vertreter der großen Tageszeitungen (und manchmal auch anderer elektronischer Medien) noch an ihren Bleistiften kauen, kann man im MERKEROnline bereits eine, manchmal sogar zwei Meinungen lesen. Dass diese oft konträr ausfallen, ist auch darauf zurückzuführen sein, daß nicht alle Rezensenten ihre Zelte auf der Galerie aufschlagen (und ihnen daher herzlich gleichgültig ist, ob die seit Jahren gesperrte Dachterrasse wieder geöffnet ist). Der Höreindruck in der dritten Reihe einer Parterre-Loge wird auch naturgemäß ein anderer sein als z.B. in der ersten Reihe einer Proszeniumsloge, im Stehparterre oder eben auf der Galerie. Trotzdem wird man wohl alle Plätze als gleichberechtigt ansehen müssen.

Wer die Berichterstattung im MERKEROnline über einen längeren Zeitraum verfolgt, erkennt rasch, dass die Rezensenten unterschiedliche Schwerpunkte setzen: Da weigert sich der eine, überhaupt von unbefriedigenden Aufführungen und Sängerleistungen zu berichten, da nimmt’s der andere mit der Tonartensymbolik und den Partiturangaben besonders genau, während ein dritter die Intentionen des Regisseurs in den Vordergrund stellt und ein vierter nur mit Superlativen sein Auskommen findet. — Der kundige Leser weiß darum.

Über alldem schwebt allerdings eine einzige, große Frage: Was soll, was kann eine Rezension im MERKEROnline leisten?

Im Gegensatz zu den Tageszeitungen lesen den MERKEROnline vor allem Opernbegeisterte und -interessierte. Kann man darob einen höheren Wissensstand betreffend Regiehandwerk und Stimmtechnik als bei Tageszeitungslesern voraussetzen? Soll eine Rezension im MERKEROnline sich vor allem mit den gesanglichen bzw. gesangstechnischen Aspekten befassen? Oder muss die theatralische Wirkung einer Aufführung (zumal bei einer Neuproduktion) im Vordergrund stehen?

Soll man Sängerleistungen mit heutigen Maßstäben messen und in Lobeshymnen ausbrechen oder die Vergangenheit — welche sich beim genaueren Hinhören oftmals als gar nicht so glorreich entpuppt wie so oft behauptet — im Hinterkopf behalten? Ist es statthaft, alte, liebgewonnene Studioaufnahmen mit heutigen Live-Erlebnissen zu vergleichen? Darf nur, wer „die“ Cotrubas oder „die“ Gruberova (um den Damen ihre Wiener Adelstitel nicht vorzuenthalten) als Gilda auf der Bühne gesehen hat, Vergleiche mit heute auftretenden Sängerinnen anstellen?

Dazu gesellen sich ethische und gesellschaftliche Fragen: Darf man über eine Aufführung berichten, ohne die Partitur/den Klavierauszug studiert und sich nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet zu haben? Ist es moralisch vertretbar, Mitwirkende eine Produktion zu interviewen und dann diese Produktion zu rezensieren? Gilt selbiges auch für Aufführungen, in welchen Sänger mitwirken, mit welchen man geschäftliche oder private Beziehungen unterhält?

Darf man heute noch Rezensionen mit der — manchmal verkürzenden, aber großteils treffsicheren — Knappheit z.B. eines Kurt Blaukopf, Franz Endler oder Karl Löbl verfassen? Oder soll man ähnlich feuilletonistisch agieren wie jene, die z.B. von Tosca zu Tosca eilen und nach immer neuen szenischen Umsetzungen gieren? Ist es fahrlässig, sich nicht auf jede Rezension entsprechend vorbereitet zu haben; — etwa, weil man gestern der Eröffnung in Bayreuth beiwohnte und heute aus Salzburg berichten soll?

Sind — nicht zuletzt auch im Wunsch, seiner Leserschaft die eine oder andere neue Erkenntnis zu bieten — längere Erklärungen seitens des Rezensenten gefragt, dem großen Leonard Bernstein nacheifernd, dessen Ausspruch „I love watching people learn.“ einem für immer im Gedächtnis bleiben wird?

Fragen über Fragen also, welche nicht nur die freiwilligen Enthusiasten beim MERKEROnline betreffen, sondern welchen sich auch professionelle Berichterstatter bzw. deren Chefredakteure immer wieder auf’s Neue zu stellen hätten.

Von einer idée fixe sollte man sich allerdings verabschieden: Dass unbezahlte Rezensenten für oder wider die Leitungen von Häusern schreiben, um den Direktoren zu helfen oder zu schaden. Diese Vorstellung ist zwar charmant, aber das hieße, den Einfluss der Berichterstattung im MERKEROnline zu überschätzen. Oder?

Thomas Prochazka
MERKEROnline
21. September 2015

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