Der Neue Merker

DESSAU: GALA-KONZERT – 25. Kurt Weill Fest

DESSAU: GALA-KONZERT – 25. Kurt Weill Fest
am 04.03.2017 (Werner Häußner)

Soeben ist Wolfgang Rihms „Music Hall Suite“ verklungen, ein sinnlich-ironischer Blick auf die wunderbar trivial-beschwingte Welt alter Tanzmusik, da erstarren die Musiker auf der Bühne mitten in der Bewegung. Gefühlte fünf Minuten friert das Bild ein, während im Hintergrund im Grau-Weiß alter Filme das Menetekel „In Futurum“ aufblendet. „Tutto il canzone con espressione e sentimento ad libitum, sempre, sin al fine“. So schreibt der Komponist Erwin Schulhoff über die dritte seiner „Fünf Pittoresken“ in „zeitlosem“ Zeitmaß. In der einzigen Akkolade ist der Bass im Drei-Fünftel, der Diskant in Sieben-Zehntel-Takt notiert. Die Zeilen gefüllt mit – Pausenzeichen. Sogar eine stumme Quintole ist sorgfältig notiert.

Der ganze musikalische Spaß steht als Mittelteil zwischen jeweils zwei im Rhythmus zeitgenössischer Tänze notierten Klavierstücken. 1919, also Jahrzehnte vor Cage und Lachenmann, hat Schulhoff – umgekommen 1942 in einem nationalsozialistischen Internierungslager –das Stück im Zeichen des Dada geschrieben. Nun verwirrt es die Zuhörer im ausverkauften Anhaltischen Theater in Dessau – denn wer kennt schon Schulhoff und seine Experimente?

„In Futurum“: Der Titel passt gut zu der Intention des Gala-Konzerts im Zentrum des 25. Kurt Weill Festes. Denn der kurzweilige vierstündige Marathon durch die Musik Weills, seiner Zeitgenossen und Nachfolger im Geiste will nicht schwärmen in den Erfolgen des Festivals, seit es 1993 mit einem noch bescheidenen „Auftakt“ den Versuch wagte, Kurt Weill in seine Heimat Dessau zurückzubringen. Das Konzert will nach vorne und in die Tiefe blicken. Und da passt Schulhoffs Motto recht gut: Was damals Zukunftsmusik war, ist heute Vergangenheit, drohte zeitweilig, ganz vergangen zu sein. Das Weill Fest will die Zukunft von damals zur Zukunft von heute machen, indem es den Blick fokussiert, erweitert, nach vorne richtet. Denn so populär der vergoldende Blick auf die faszinierenden, kreativen, aber auch zwiespältigen Zwanziger Jahre auch ist: Vieles ist vielleicht einmal entdeckt worden, aber noch nicht angekommen. Anderes ist immer noch unterbelichtet. Und die inneren Zusammenhänge, so gut sie teilweise auch erforscht sein mögen, wirken noch nicht so auf den Musikbetrieb, wie es wünschenswert wäre.

Wer das Kurt Weill Fest über die Jahre verfolgt hat, sieht keinen Grund zu zweifeln, dass solches auf der künstlerischen Ebene gelingen werde. Organisatorisch wird man abwarten müssen: Michael Kaufmann, der Intendant, der seit 2009 dem Festival einen kräftigen Schub nach vorn gegeben hat, beendete seinen Vertrag vorzeitig und konzentriert sich auf seine zweite Intendanz bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, wo eine gedeihliche künstlerische Weiterentwicklung des Orchesters gesichert werden muss. Die langen standing ovations bei seiner Verabschiedung auf der Bühne rührten Kaufmann sichtlich und zeigen, wie geschätzt er in Dessau ist. Nobel gab er den Dank weiter an Künstler und Publikum: „Sie haben mein Weill-Flugzeug fliegen lassen.“

Das Interim 2018 – bis zur Berufung eines neuen Intendanten ab 2019 – wird von einem vierköpfigen Leitungsgremium verantwortet, bei dem man abwarten muss, ob die Reibungsverluste und die Synergieeffekte in ein günstiges Verhältnis zu bringen sind. Die Zusammenarbeit mit dem Theater ist seit der Intendanz von Johannes Weigand intensiv; er gehört wie der neue GMD Dessaus, Markus L. Frank, auch dem Leitungsgremium an. Die ersten Früchte sind im diesjährigen Kurt Weill Fest schon positiv erlebbar – etwa der Tanzabend „Drei Grotesken“ im Bauhaus – und strahlen aus, auch auf die Programme der Sinfoniekonzerte der Anhaltischen Philharmonie.

In drei Blöcken, den Lebensstationen Kurt Weills folgend, blättert das Programm unter den Überschriften Berlin –Paris – New York eine beschwingte Vielfalt an Musik auf – und zwar ohne Unterschied von „E“ und „U“, ganz im Sinne Weills. Da erklingt Stefan Wolpes grotesk-dadaistisches Stück „An Anna Blume“ für Klavier und Musical-Clown, Mascha Kalékos zeitkritischer „Chor der Kriegswaisen“ oder der grelle, die Bosheit des Krieges ausstrahlende „Marsch Alexanders des Großen über die Brücken Hamburgs“, geschrieben von dem blutjungen Hans Heinz Stuckenschmidt, der später einer der wichtigsten Musikkritiker der jungen Bundesrepublik werden sollte – uraufgeführt 1923, zwei Jahre, bevor das Bauhaus auf Druck rechtskonservativer Kräfte aus Weimar nach Dessau umzog und drei Jahre vor dem Parteitag der NSDAP in Weimar! Das Ensemble Modern, immer wieder mit wesentlichen Beiträgen am Programm des Weill Festes beteiligt, spielt mit der Hingabe und Präzision, die für die große Klasse dieses Ensembles ursächlich ist. Und dazwischen immer wieder großartige solistische Einlagen – von Gitarrist Christian Kögel oder von Uwe Steger mit dem Akkordeon.

In der „Hommage à Paris“ kommt Edith Piaf zu Ehren. „Je ne regrette rien“ singt Ute Gfrerer mit Gefühl für den intensiven melodischen Bogen. Ein später Nachklang auf die Chansons, die auch Kurt Weill nach seiner Flucht in Paris geschrieben hatte. Er tat es mit Norbert Glanzberg gleich, einem in Würzburg aufgewachsenen Komponisten, der nach drei vielversprechenden Jahren 1933 aus Berlin fliehen musste, bis zu seinem Tod 2001 in Frankreich lebte und mit der Piaf eng verbunden war – von ihm stammt unter anderem der Erfolgsschlager „Padam, Padam“.

Schließlich wirft die Anhaltische Philharmonie, dirigiert von einem anderen gern gesehenen Gast der Kurt Weill Feste, James Holmes, einen Blick auf Weills Pariser Schaffen: „Der Kuhhandel“, die bittere Satire auf miese Waffengeschäfte, hat Holmes zu einer Suite zusammengestellt. Den Sängern bleibt der leicht laszive, von Populärmusik angehauchte, notwendig flexible Ton der Musik Weills fremd: Angelina Ruzzafante singt, als wäre sie von Puccini gelangweilt, Markus Francke und David Ameln entledigen sich ihrer kurzen Partien ziemlich gleichgültig, nur Ulf Paulsen spielt mit der Stimme und bringt in seinen markigen Bassbariton einen Hauch von „dirty“, einen sprechenden Unterton ein.

Am Ende stehen die letzten 15 Jahre des Lebens von Kurt Weill in den USA. Weill als erfolgreicher Emigrant – nicht alle waren das! – am Broadway, Weill im trotz des Krieges pulsierenden Nacht- und Geisteslebens von New York, Weill als Inspirator, aber auch Nutznießer amerikanischer Unterhaltungsmusik: Die Anhaltische Philharmonie ist beim „Symphonic Nocturne“ aus Weills „Lady in the Dark“ mit dem flexiblem Zusammenklang ihrer Streicher und dem kernig akzentuierenden Blech, mit Gespür für dynamische Schattierungen und wacher Lust am Rhythmus mitten drin in Weills musikalischer Welt. Aber vorher setzt Nils Landgren mit seiner roten Jazz-Posaune einen Glanzpunkt, wenn er in einem von ihm selbst bearbeiteten schwedischen Volkslied („Kristallen“) seinen fabelhaft beweglichen und weichen Ton in allen Facetten einsetzt – und im Arrangement eines Titels von Sergej Rachmaninows eine auch im Falle Kurt Weills bittere Wahrheit musikalisch gegenwärtig macht: „You can’t go home again“.

Für das Leben von Weill galt das, für seine Musik zum Glück nicht. Das Weill Fest 2018 vom 23. Februar bis 11. März fordert programmatisch „Weill auf die Bühne!“ – und im Anhaltischen Theater ging die Geburtstagsfeier noch bis in die ersten Morgenstunden weiter und gab jungen Weill-„Nachfolgern“ die Chance, mit feinem Swing die Feiernden zu begleiten: Das Quartett des Komponisten und Gitarristen Gerold Heitbaum mit dem jungen Dessauer Conrad Steinhoff am Bass war eine musikalische Zugabe nach dem Konzert, die es wert war, nicht im Klirren der Weingläser unterzugehen.

Werner Häußner