Der Neue Merker

„Der Geist der Huzulen ‑ mystisches Bergvolk der ukrainischen Karpaten“. Eine „Huzulen-Woche“ in München (12.3 – 18.3. 2017)

 

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Fragment aus dem Film „Schatten vergessener Ahnen“, Filmregisseur: Sergei Paradschanow, Komponist:Myroslav Skoryk

„Der Geist der Huzulen ‑ mystisches Bergvolk der ukrainischen Karpaten“.

Eine „Huzulen-Woche“ in München (12.3 – 18.3. 2017)

Von Prof. Dr. Adelina Yefimenko (Nationale Musikakademie der Ukraine Peter Tschaikowski, alle Rechte vorbehalten)

Die Ukraine wird in Europa politisch als selbständiges Land seit 2014 wahrgenommen. Als multikulturell-ethnisch geprägtes Land, wird die Ukraine von den europäischen Nachbarn noch nicht bewusst wahrgenommen. Auch das professionale Werk der berühmten ukrainischen Komponisten ist in Westeuropa wenig bekannt.

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Fragment aus dem Film „Schatten vergessener Ahnen“, Filmregisseur: Sergei Paradschanow, Komponist:Myroslav Skoryk

Das Konzept einer „Huzulen-Woche“ in München folgt dem Ziel, die Originalität der regionalen Kulturen der Ukraine zum Ausdruck bringen, unter denen die Huzulen als einzigartig mystisches Bergvolk der ukrainischen Karpaten hervorheben und bis heute ihre Kultur traditionell überliefern.

Das Land der Huzulen wurde nach einem Volksstamm benannt, der einen archaisch klingenden ukrainischen Dialekt spricht und bei statistischen Zählungen meist zusammen mit den Ruthenen genannt wird.

Das Projekt ist im Grunde genommen einmalig. Dargestellte alte Riten, Sitten, Folklore und zeitgenössische Musik wurden zuerst von professionellen national und international bekannten Künstlern rezipiert und untersucht. Das wiederum inspirierte unvermeidbar zu eigenen originären künstlerischen Werken. Diese Werke, vom ethnischen Unikat der Huzulen beeinflusst, werden an verschieden Orten und in verschiedenen Arten, Gattungen und Stilen aufgeführt. Im Theater, in der Musik, im Film, in Workshops werden ausgewählte Teile dieses Phänomens eines Huzulen-Geistes imaginiert, musiziert, gespielt und vorgetragen.

Die Impulse des Konzeptes „Der Huzulengeist ‑ mystisches Bergvolk der ukrainischen Karpaten“ wurde von Oksana Lyniv, eine aus der Ukraine stammende Dirigentin, ins Leben gerufen und entwickelt. Seit der Spielzeit 2013/2014 an der Bayerischen Staatsoper tätige musikalische Assistentin des Generalmusikdirektors Kirill Petrenko und ab 2017 für die Oper Graz neu ernannte Generalmusikdirektorin bringt mit diesem Projekt, diesen überdimensionalen Klang ihres Heimatlandes dem Münchner Publikum näher.

Der bedeutende ukrainische Komponist Myroslav Skoryk ist als Ehrengast der „Huzulen-Woche“ offiziell von der Ukrainischen Freien Universität (UFU) und persönlich von Oksana Lyniv sowie der Universitätsrektorin Prof. Maria Pryshlak nach München eingeladen. Myroslav Skoryk wird beim Projekt „Der Huzulengeist ‑ mystisches Bergvolk der ukrainischen Karpaten“ am Runden Tisch zu Diskussionen und einem Meinungsaustausch mit den Künstlern und Experten aus verschiedenen Bereichen der Kunst teilnehmen.

Programm der „Huzulen-Woche“

  1. März – Das Bühnenwerk „Ein Huzulen-Jahr“ – aus der huzulschen Stadt Kolomyja wird in München aufgeführt. Im Rahmen einer Tournee zeigt das Theaterteam aus Kolomyja ein Schauspiel nach dem Sujet des berühmten ukrainischen Dramatikers, Komponist und Ethnologen Hnat Khotkevych (1877-1938), der auch als Begründer der modernen Bandura-Kunst bekannt ist. Die Musik zum Bühnenwerk komponierte der aus Kolomyja stammende zeitgenössische Komponist Olexander Kosarenko (1963 *), der in seinem Schaffen antike, biblische, folkloristische und andere Symbole verschmelzen lässt. Das Theaterstück hat eine transparente dynamische Struktur, die die wichtigsten Bräuche im Leben der Huzulen in einem gestalterischen Fokus darstellt – Weihnachten, Ostern, Trauung, Todesfeier. Die Kostüme, das Bühnenbild, die Musik, der Klang einer Trembita, die melodische-Sprache des huzulischen Dialektes fasziniert mit einer einzigartigen Atmosphäre dieses Landes durch die Schönheit und Mannigfaltigkeit seiner ethnischen Traditionen.

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Oksana Lyniv. Foto: © Oleg Pavlyuchenko

15. März: Ein Konzert in der Neuen Münchner Philharmonie unter der Leitung von Oksana Lyniv. Zusammen mit den Werken von Richard Strauss (Symphonische Dichtung „Ein Heldenleben“, 1898) und Tan Dun „The Tears of Nature” / “Die Tränen der Natur” (Percussion-Solo: Vivi Vassileva, 2012) wird das erste Mal in München ein Werk des berühmten zeitgenössischen ukrainischen Komponisten Myroslav Skoryk (1938*) gespielt. Für die ukrainische Kultur mit ihrer ethnischen Vielfältigkeit ist die Musik von Myroslav Skoryk, sein Werk „Huzulen Triptychon“ (Suite für Symphonieorchester, 1965) und andere von großer Bedeutung.

Skoryks „Huzulen Triptychon“ ordnen Musikwissenschaftler als eines der wichtigsten Beispiele der “neuen folkloristischen Welle” der 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts ein.

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Miroslav Skorik.

Miroslav Skorik gehört zu der Generation der Sechziger-Jahre, in deren Jugend das „Chrustschow’sches Tauwetter“ (die Periode der Auflockerung und größeren Freiheit der inneren Kultur nach dem Tode Stalins) fiel. Im Westen wurde diese Periode mit dem üblichen Begriff „Entstalinisierung“ als Reihe von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen zusammengefasst. Myroslav Skoryk erlebt die Zeit einer kreativen Renaissance der ukrainischen professionellen Musikkultur sehr aktiv. Die stilistische Spanne reicht bei vielen Komponisten vom Radikalismus der Avantgarde bis zur Suche nach der eigenen nationalen Identität, die den Neofolklorismus beinhaltet. Myroslav Skoryk schuf aber jedoch in seinen „Huzulen Triptychon“ eine bemerkenswerte Vision von archaischen Quellen der musikalischen Folklore im Lichte seines persönlichen Stils.

Als Suite für symphonisches Orchester hat der Komponist nach dem großen Erfolg der Filmproduktion „Schatten vergessener Ahnen“ seine Musikbegleitung umstrukturiert, zusammengefasst und zu einem selbstständigen Werk entwickelt. Myroslav Skoryk hat in seiner Suite beabsichtigt, die musikalische Relikte der huzulischen Volksmusik herauszuarbeiten und daraus eine eigene moderne Kompositionen zu schaffen, die sowohl der folkloristische Klangvorstellung als auch in seinem eigenen Stil übereinstimmt. Im Orchester spielen 20 Studenten aus der Ukraine, die an der Nationalen Tschaikowsky Musikakademie besondere Auszeichnungen erfahren haben und gemeinsam mit Mitgliedern der Neuen Münchner Philharmoniker das Programm üben und aufführen werden. Als Ehrengast wurde zum Konzert der Komponist Myroslav Skoryk eingeladen. Das Konzert findet im Münchner Herkulessaal statt.

Eine große Resonanz hatte die Zusammenarbeit des Komponisten und des genialen, preisgekrönten ukrainischen Filmregisseurs armenischer Herkunft, Sergei Paradschanow (1924-1990) für den Film „Schatten vergessener Ahnen“ von 1964 nach dem Roman des bedeutenden ukrainischen Schriftstellers Mikhaylo Kotsyubinsky (1864-1913).

Skoryk ist es gelungen, seine Musik als Hauptkomponente der Filmstruktur zu formen und zusammen mit dem Regisseur ein bis heute beachtetes Vorbild der Gattung „poetisches Kino“ zu schaffen.

  1. März – Der Film „Schatten vergessener Ahnen“ (SU 1964) wird im tschechischen Kulturzentrum präsentiert. Bekanntermaßen gehörte ein Teil Huzuliens von 1918 bis 1938 zur Tschechoslowakei, heute liegt Huzulien im Gebiet der Ukraine.

Der Regisseur Sergei Paradschanow erzählt in seinem Film die tragische Geschichte des jungen Liebespaares, das dem ruthenischen Karpaten-Bergvolk der Huzulen angehört. Das Romeo-und-Julia-Motiv wird originär mit den malerischen Bräuchen und der mystischen Folklore dieses Hirtenvolkes verwoben. Diese eigenartige Musikkultur der huzulischen dialektischen Volksgruppe gilt als Symbol der nationalen Selbstidentifikation des Volkes, das im Einklang mit der Natur lebt.

Sergei Paradschanow wurde von den sowjetischen Behörden verfolgt und verhaftet, während sein Film 39 internationale Preise, 28 Auszeichnungen bei Filmfestivals in 21 Ländern erhielt. Die Genialität Paradschanows wurde von weltbekannten Regisseuren wie Federico Fellini, Akira Kurosawa, Michelangelo Antonioni, Andrzej Wajda hochgelobt.

Die Harvard Universität setzte den Film von Sergei Paradschanow „Schatten vergessener Ahnen“ auf die Liste der verbindlichen Filmvorschau für die Bewerber um die Promotion in der Medienwissenschaft.

Als Begleitveranstaltung zu dem Konzertprogramm werden als Gäste die Ethnologin Yaryna Wynnycka, der Filmmacher Oleg Pavlyuchenkov und der Komponist Myroslav Skoryk zur Diskussion, Besprechung und zum Meinungsaustausch über den Film eingeladen. Yaryna Wynnycka referiert zum Thema „Symbole und Rituale Huzul“, Oleg Pavlyuchenkov beleuchtet das Thema „Bedeutung und Rolle des Films in der Weltgeschichte des Kinos“.

18 März –verschiedene Meisterklassen werden die Kunst der Huzulen ausüben. Der Künstler Ostap Losinsky lehrt die huzulische Ikonenmalerei, bzw. Glasmalerei. Die Sängerin Natalia Rybka-Parkhomenko lehrt die Meisterschaft im Volksgesang der huzulischen und rituellen westukrainischen Lieder zusammen mit der Gesang-Gruppe „Kurbasi“. Die Meisterklassen umrahmen die Multimediale Präsentation des Art-Buches „Skrynja“. Das ist ein Unikat, in dem die Schriftstellerin und Ethnologin Yaryna Wynnycka die einzigartige Sammlung von Schätzen ukrainischer angewandter Volkskunst zusammenfasst.

Projektleitung – Oksana Lyniv, Dirigentin, Partner «LvivMozArt», Neue Münchner Philharmonie, Ukrainische Freie Universität München (UFU), Tschechisches Zentrum München (ČC), Generalkonsulat der Ukraine in München, „Ukraina“ Gesellschaft zur Förderung ukrainischer Kultur e.V. (UK), Salon «C.BECHSTEIN»

©Adelina Yefimenko. Alle Rechte vorbehalten.

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