Der Neue Merker

Deborah POLASKI

Interview, 11/2011: Deborah POLASKI, Ich bin schwer am Lernen



„Ich bin schwer am Lernen!“

 Man hat Deborah Polaski in Wien zuletzt in zwei für sie neuen Rollen gesehen, als Madame de Croissy im „Dialog der Karmeliterinnen“ im Theater an der Wien und als Kabanicha in „Katja Kabanova“ an der Wiener Staatsoper. Ihre nächsten Pläne umfassen Berg, Dallaopiccola und – Puccini!
Renate Wagner hat mit Deborah Polaski gesprochen
 
 
Frau Polaski, Ihr jüngster Triumph in der Wiener Staatsoper ist die Kabanicha in „Katja Kabanowa“ – allerdings mit einer sehr extremen Interpretation der Rolle: Sex im Hinterhof, wenn sie den Dikoj dort prügeln, und für die tote Katja haben Sie immer noch einen Fußtritt für die Leiche…
 
Das ist wirklich eine Rolle, die ich nicht mit nach Hause nehme – wenn ich von der Bühne gehe, bin ich glücklicherweise wieder ich. Ich habe die Kabanicha hier zum ersten Mal gesungen, hatte also gar keine Erfahrung damit. Ich musste alles aufnehmen, was der Regisseur sagte, ob ich mich nun wohl fühle oder nicht. So etwas wie den Fußtritt hätte ich nie getan, aber wenn das die Interpretation des Regisseurs ist, bin ich dazu engagiert, sie zu erfüllen, wenn ich es denn kann. Grundsätzlich diskutiere ich Dinge, die mir zu weit gehen oder die ich absolut nicht nachvollziehen kann, um dann einen Weg zu finden. Es war für mich in dieser Wiener Inszenierung wirklich schwer, diese gnadenlose Härte der Figur zu spielen – aber andererseits: Das ist unsere Arbeit. Ich werde die Rolle in nächster Zeit in Berlin singen, dann wird sich ein anderer Weg dazu finden.
 
Es fällt auf, dass Sie neuerdings Ihrem Repertoire, das ja berühmt ist für seine Elektra, Brünnhilden, Isolde, Kundry, neue Rollen hinzugefügt haben – davon zwei in Wien, vor der Kabanicha noch die Madame de Croissy in den „Karmeliterinnen“, die Sie mit Riesenerfolg im Theater an der Wien gesungen haben.
 
Zu dieser Partie hatte ich emotional einen viel besseren Zugang, dadurch war es einfacher für mich, und ich konnte auch in diese großartige Carsen-Inszenierung einsteigen. Diese Partie werde ich liebend gerne in meinem Repertoire behalten, und ich freue mich, dass es demnächst in London wieder diese Inszenierung sein wird, denn sie hat Hand und Fuß. Das ist für mich ganz wichtig – je wohler ich mich in einem Umfeld fühle, umso besser kann ich „verkaufen“, was in meiner Figur drinnen steckt.
 
Und demnächst kommt die Geschwitz in der „Lulu“ neu auf Sie zu, nachdem Sie bisher von Berg ja „nur“ die Wozzeck-Marie gesungen haben.
 
Ja, ich bin schwer am Lernen. Es ist nicht so einfach, sich für Rollen zu entscheiden, in diesem Fall hatte es damit zu tun, dass Barenboim sie mit anbot, dem ich so verbunden bin. Aber ich habe sie mir lange angesehen, und dann war es die Schlussszene, die mich überzeugt hat. Neu für mich wird die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Andrea Breth sein, aber wie ich aus Berlin höre, sind alle über sie Feuer und Flamme.
 
Wie erarbeiten Sie eine neue Rolle?
 
Ich höre mich in das Werk hinein, mit DCs, ich sehe mir DVDs an, beobachte genau, was Kolleginnen machen – das heißt, was sie wo machen, wo offenbar Schwierigkeiten liegen könnten, und lege mir so einen ganzen Pool an Informationen zu. Dann lerne ich die Rolle, und ich lerne glücklicherweise leicht, und dann wird sie für die Bühne erarbeitet. Was das Lesen über Werke, Rollen, Komponisten betrifft, so tue ich das meist nachher – ich will mich nicht vorher von den Meinungen anderer beeinflussen lassen. Jetzt für die „Lulu“ habe ich mir wirklich den ganzen Wedekind hineingezogen, aber so arbeite ich selten. Die Reihenfolge lautet bei mir: Was denke ich zu einer Rolle, und erst nachher will ich auch wissen: Was denken die anderen?
 
Wir es noch andere neue Rollen für Sie geben?
 
Ja, ich bin nach längerer Zeit der Abwesenheit – ich hatte großen Ärger mit der Direktion – wieder nach Madrid zurückgekehrt und hatte dort mit der Küsterin großen Erfolg. Jetzt gibt es eine Doppelpremiere mit Raritäten – zuerst singe ich die Mutter in „Il Prigioniero“, dann in der „Suor Angelica“ die Principessa.
 
Das ist aber die erste italienische Rolle seit langem, ich konnte kaum eine in Ihrer Biographie finden – würden Sie zusagen, wenn man Ihnen eine Tosca anböte?
 
Ich würde es jedenfalls sehr überlegen, es zu tun. Ja, das italienische Fach: Ich bin mit Bach und Händel quasi aufgewachsen. In meinen Anfängerjahren habe ich auch Maskenball, sogar Troubadour gesungen, und so wie Verdi oder Wagner komponiert sind, liegt die Tessitura bei den Italienern etwas höher, und ich fühle mich im deutschen Fach einfach wohler. Auch die Figuren, diese echten Heroinnen, wie ich sie einmal nennen will, liegen mir und meinem Temperament näher.
 
Ihre Karriere hat ja auch 1988 mit der Bayreuther Brünnhilde so richtig begonnen?
 
Das kann man so nicht sagen. Ich hatte ja vorher schon Elektra, Isolde, Brünnhilde gesungen, aber man sieht eben eher nach Bayreuth als etwa nach Darmstadt, Mannheim oder Stuttgart. Der „Ring“ von Harry Kupfer hat die Basis für alle meine folgenden Brünnhilden gelegt. Ich würde allerdings, was Bayreuth betrifft, auch eine Lanze für den „Ring“ von Alfred Kirchner brechen, der nicht so hoch angesehen ist, und für die Kostüme von Rosalie, die zwar seltsam anmuten mochten, aber natürlich ihren tieferen Sinn hatten. Diese steifen Kostüme mit den Riesenröcken waren wirklich als Kunstobjekte gedacht, man hat uns vom ersten Tag an diese „Krinolinen“ umgeschnallt, sie wurden wie eine zweite Haut, man musste damit sogar schräg durch die Türen gehen – ich hatte mir das so angewöhnt, dass ich auch quer durch Türen ging, als ich das Gewand nicht an hatte…Aber es hat natürlich Sinn gemacht, und ich meine, dass man durch die begrenzte körperliche Bewegungsmöglichkeit gezwungen war, sich viel tiefer in den Text und die Figuren zu arbeiten.
 
Wie hält eine Stimme all diese extrem schweren Rollen aus, die Sie singen?
 
Fragen Sie mich lieber, wie es meinem Knie geht, um das mache ich mir viel mehr Sorgen als um meine Stimme. Als ich zu Beginn der Vorstellung auf einer schlecht beleuchteten Bühne gestürzt bin, habe ich erst die Ortrud durchgesungen, bevor ich zum Arzt konnte. Und als dieser sagte, es muss operiert werden, hatte ich so viele Termine, dass die Operation erst vier Monate später möglich war. Ich versuche immer, viel für meinen Körper zu tun, weil ich wohl genetisch damit belastet bin, Probleme mit den Knochen zu haben: Ich habe eine weltweite Mitgliedskarte für ein Fitness-Center, kann also in der ganzen Welt diesbezüglich aktiv sein.
 
Die ganze Welt – man muss sich nur Ihren Kalender ansehen und weiß, dass Sie faktisch ununterbrochen unterwegs sind. Wie hält man das aus?
 
Wenn man jung ist, findet man das völlig aufregend, aber wenn man es einmal zehn Jahre und mehr gemacht hat, dann merkt man schon, dass es eine sehr anstrengende Art ist zu leben. Ich habe zwar einen Assistenten für Büroarbeiten in Berlin, aber ich buche mir doch sehr viele meiner Flüge selbst, damit es keine Missverständnisse gibt, und es ist schon manchmal eine Hetzerei, etwa wie ich jetzt zwischen zwei „Katja“-Aufführungen von Wien zu Barenboim für ein Konzert nach Mailand bin und gleich wieder zurück. Wie sagt man da: SSKM, selber schuld, kein Mitleid… Es ist übrigens schon vorgekommen, dass ich morgens aufgewacht bin und nicht genau gewusst habe, in welcher Stadt ich bin. Um dem abzuhelfen, schreibe ich mir Termine mit der Hand auf einem Zettel auf: Das merke ich mir viel besser als alles, was im Handy oder im Computer steht.
 
Führen Sie eigentlich eine Art von Rollentagebuch?
 
Ich habe lange Zeit in meine Auszüge hineingeschrieben, wann und mit welchen Partnern ich die Rollen gesungen habe, aber das ist mit der Zeit sehr viel geworden. Jetzt sammle ich die Theaterzettel, da kann ich mich dann immer ziemlich genau an die Vorstellung erinnern. Ich schreibe selbst kein Buch, aber es wird eines über mich geschrieben, und da steuere ich Informationen bei.
 
Sie sind in Richland Center, Wisconsin, geboren und haben Berlin zu Ihrem Hauptwohnsitz gemacht?
 
Ja, ich lebe seit 1993 ständig hier, tatsächlich habe ich einen weit größeren Teil meines Lebens in Europa verbracht als in Amerika, wo ich herkomme, und ich sage ehrlich, ich bin auch viel lieber da, wenn man natürlich auch immer wieder einmal an die Met geht. In Berlin ist meine Lehrerin, um deretwegen ich einst hingezogen bin, sie ist jetzt 87, in Berlin sind Barenboim und Harry Kupfer, der für mich einer der wichtigsten Regisseure ist. Mit ihm eine Rolle ganz genau zu erarbeiten, Satz für Satz den Text durchzugehen, zählt zu meinen größten Erfahrungen. In Berlin führe ich übrigens ein ganz normales Leben, die Stadt hat ein herrliches Umland, es gibt viel Kultur. Und ich trenne Beruf und Privates, für das einfach auch Zeit sein muss – ich koche etwa leidenschaftlich gern, habe eine sehr funktionsfähige, 10 Meter breite Küche, und der Winterfeldmarkt ist ganz in meiner Nähe. In Wien gehe ich übrigens auch immer auf den Brunnenmarkt einkaufen.
 
Apropos Wien: Trotz der beiden großen Aufgaben, in denen man Sie in letzter Zeit sehen konnte, scheinen Wien und Österreich keine besonders große Rolle in Ihrem künstlerischen Leben zu spielen?
 
Das würde ich so nicht sagen. In meiner Frühzeit war es für mich ganz wichtig, nach Graz an das American Institute of Music zu kommen, wo ich noch George London kennen gelernt habe. Ioan Holender war, als er noch Agent war, einer der ersten, der sich meiner angenommen hat, er vermittelte mich an eine deutsche Agentur. Nachdem ich dort vorgesungen hatte, kamen die Engagements. An der Wiener Staatsoper habe ich seit 1996 alle meine wichtigen Rollen gesungen, Elektra, Ariadne, Färberin, die Marie, die Sieglinde, Ortrud, Kundry, Isolde, alle Brünnhilden. Interessanterweise haben mich auch die Österreicher zur Kammersängerin gemacht. Mit Direktor Meyer bin ich weiter im Gespräch, ich darf sagen, was ich mir vorstelle, mal sehen, was daraus wird: Ich würde mir sehr wünschen, dass die „Jenufa“ an der Staatsoper auf Tschechisch gesungen wird. Je tiefer man in die Sprache eintaucht, umso schöner wird das Werk, und die Küsterin ist eine Rolle, die ich sehr liebe. Im Moment haben wir für die nächste Spielzeit nur dreimal Elektra im Herbst verabredet, die in Wien immerhin in der Harry-Kupfer-Inszenierung gezeigt wird.

 

Das Gespräch mit Deborah Polaski führte Renate Wagner

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