Der Neue Merker

SALZBURG/Festspiele: LEAR – letzte Vorstellung

SALZBURGER FESTSPIELE – LEAR – LETZTE VORSTELLUNG – 29.8.2017

(Heinrich Schramm-Schiessl)


Gerald Finley. Copyright: Thomas Aurin/ Salzburger Festspiele

Es gibt nicht sehr viele Opern des 20. bzw. 21. Jahrhunderts, denen nach einer durchaus erfolgreichen Uraufführung ein regelmässiger Bestand im Repertoire gegönnt war. Eine davon ist ohne Zweifel „Lear“ von Aribert Reimann, der 1978 im Rahmen der Münchner Opernfestspiele seine vielbejubelte Uraufführung feierte, seither einen relativ fixen Platz in den Spielplänen hat und mittlerweile bereits als Klassiker der Avantgarde gilt.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass dieses so bedeutende Drama Shakespeares – die Titelrolle zählt für viele Schauspieler zur Krönung ihrer Laufbahn – im Gegensatz zu anderen Stücken des Genies aus Stratford fast keinen Niederschlag in der Opernliteratur fand. Es erwogen zwar zahlreiche Komponisten, darunter so bedeutende wie Puccini und Mascagni, eine Vertonung, verwarfen diese Gedanken aber relativ rasch. Am längsten – nämlich fast fünfzig Jahre – beschäftigte sich Giuseppe Verdi mit dem Stoff, um letztlich doch auf eine Komposition zu verzichten. Bekannt ist zumindest Raritätensammlern die Vertonung von Antonio Cagnoni (1928-1896), die erst 2009 beim Festival in Martina Franca uraufgeführt wurde, da der Komponist unmittelbar nach Vollendung des Werkes starb.

Die Idee zur Vertonung Reinmanns stammte von Dietrich Fischer-Dieskau, der dann auch die Titelrolle bei der Uraufführung sang. Claus H. Henneberg schrieb das Libretto auf Basis der Übersetzung von Johann Joachim Eschenburg, wobei er das Stück einigermassen straffte.

Warum das Werk auch nach der Uraufführung relativ Erfolg hatte, ist schon nach ca. 15 Minuten klar. Die Musik ist sehr facettenreich und stellenweise sogar melodiös. Ist das Schlagzeug im 1. Teil noch ziemlich dominierend, so wird es nach der Pause ziemlich zurückgenommen. Wie immer bei Reiman gibt es kaum einen Einklang zwischen Gesangspartien und Orchester, was es den Sängern bei der Bewältigung der mitunter sehr schwierigen Passagen nicht gerade leicht macht.

Die nunmehrige Salzburger Produktion kann man ohne Zweifel als gelungen betrachten. Musikalisch bleibt kaum ein Wunsch offen. Franz Welser-Möst ist hier am  rechten Platz und er leitet die grossartig spielenden Wr. Philharmoniker mit grosser Akribie. Er ist, was ja sonst nicht immer der Fall ist, auch durchaus bemüht, die Sänger nicht zuzudecken.  Gerald Finley ist in der Titelrolle sowohl dasrstellerisch als auch gesanglich grossartig und mit grosser Intensität bei der Sache. Von seinen Töchtern kann in erster Linie Anna Prohaska als Cordelia punkten. Mit ihrem wunderbaren Sopran bemüht sie sich, soweit es die Partitur zulässt, auf Linie zu singen. Auch darstellerisch kan sie überzeugen. Evelyn Herlitzius ist als Goneril kraft ihrer Persönlichkeit in der Darstellung voll überzeugend, stimmlich ist die Mittellage zufriedenstellend, während sie in der Höhe wie gewohnt etwas schrill klingt. Gun-Brit Barkmin (Regan) ist stimmlich etwas ausgeglichener, bleibt allerdings darstellerisch blass. Kai Wessel in der in zeitegnössischen Opern fast schon unvermeidlichen Counter-Rolle des Edgar singt großartig und ist auch gestalterisch sehr intensiv. Charles Workman ist als dessen Halbbruder Edmund stimmlich sehr intensiv, bleibt aber in der Darstellung einiges schuldig. Lauri Vasar (Gloster) trumpft mit seinem Bass-Bariton einigermassen auf und Derek Welton (Albany) beweist einmal mehr, welch wunderbare Stimme er hat. Michael Maertens in der Sprechrolle des Narren bleibt relativ blass. Die Konzertvereinigung Wr. Staatsopernchor entledigt sich seiner nicht allzu grossen Aufgabe zufriedenstellend.

Die Inszenierung von Simon Stone war, was die Personenführung betrifft, ausgezeichnet. Allerdings hätte man sie auf jeder anderen Bühne auch zeigen können. Stone reiht sich damit mit seinem Bühnenbildner Bob Cousins bei jenen mittlerweile schon sehr zahlreichen Regisseuren ein, die nichts mit der einzigartigen Naturbühne der Felsenreitschule anzufangen wissen.  Die viereckige Spielfläche im Vordergrund, auf der sich im 1. Teil die mitllerweile schon berühmten Blumenwiese befindet, wird auf drei Seiten von Sesselreihen umrahmt, auf denen als Zuschauer verkleidete Statisten sitzen. Die Blumenwiese hätte man auch nachhaltiger herstellen können. Man hätte nur in den Unterlagen Günther Schneider-Siemssens zum Parsifal der Osterfestspiele nachsehen müssen, wo er im 3. Aufzug eine Karfreitagsaue mit wunderschönen künstlichen Blumen auf die Bühne brachte. Die Kostüme von Mel Page waren heutig und somit fad. Wann kapieren die Regisseure endlich, dass derartiges mittlerweile bereits altmodisch ist.

Am Ende gab es auch in dieser letzten Vorstellung viel Jubel für die Interpreten.

Heinrich Schramm-Schiessl

 

 

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