Cotrubas / Ramin: DIE MANIPULIERTE OPER

by R.Wagner | 29. Dezember 2017 23:44

BuchCover Cotrubas~1

Ileana Cotrubas / Manfred Ramin
DIE MANIPULIERTE OPER
137 Seiten, broschiert, Verlag Der Apfel, 2017

Wie lange noch (die klassische „Quo usque tandem“-Frage der römischen Rhetorik) werden Opernwerke so manipuliert, wie man es heute in der Regel auf den Opernbühnen sieht? Das ist nicht – grundsätzlich auch, aber hier nicht – die Frage eines verärgerten Opernbesuchers, der wieder einmal nicht weiß, was er gesehen hat. Die Argumentation, auf breitester inhaltlicher und gedanklicher Ebene über ein Buch hindurch ausgeführt, stammt von Ileana Cotrubas, immer noch ein berühmter Name in der Welt der Oper, und von ihrem Gatten, dem Dirigenten Manfred Ramin.

Cotrubas Gatte 2~1

Die Cotrubas – sie war ein knappes Vierteljahrhundert ein Liebling des österreichischen Opernpublikums, bis sie sich (im jugendlichen Alter von nur 51 Jahren) 1990 von der Bühne zurückzog. Mehr als ein Vierteljahrhundert nun sieht sie sich die Opernwelt von außen an – und ist entsetzt von dem, was sie da findet. Erstmals hat sie das schon 1999 in ihren „Memoiren“ namens „Opernwahrheiten“ ausgesprochen, die schon mehr demagogische Wut enthielten als den (bei anderen Künstlern so verbreiteten) Wunsch, sich selbst ins beste Licht zu rücken. Dass sie ein Spitzenstar an der Seite aller großer Partner (Pavarotti, Domingo, Carreras und der Rest der damaligen Crème de la Crème) war, ist dennoch nicht zu verheimlichen. Sie steckte mitten im „Betrieb“, hat alles schon erlebt, und sie hatte schon „zu ihrer Zeit“ Zweifel an der Entwicklung, die der Opernalltag nahm.

Nun setzen sie und Mann mit einem schmalen, ganz aufs Thema konzentrierten Buch nach. Gewiss, es mag die Sehnsucht nach einer „guten alten Zeit“ sein, nach Regisseuren wie Schenk oder Ponnelle, deren Respekt vor den Werken, deren Sinn für Ästhetik, deren unfehlbarer Bühneninstinkt, aber vor allem ist es ein Plädoyer für die Oper schlechthin. Für jenes Kunstwerk, das seit Jahrzehnten einem absichtsvollen Zerstörungswerk ausgesetzt ist. Der „Interpretationsauftrag“, wie Frank Castorf das nennt, was er tut (kein „Siegfried“ ohne Krokodil!), wertet die Schöpfungen der Künstler zu vernachlässigbarem Rohstoff ab, der geknetet, bearbeitet, zerstückelt, bemalt, zerbröselt werden kann, bis nichts mehr davon vorhanden ist als die bloße Behauptung: Das sei Verdis „Rigoletto“ (oder was immer).

Die Ideen der heute herrschenden Regisseure haben nichts mit den Originalen zu tun, die Begründungen für ihre oft wahnwitzigen Konzepte laufen oft die Geringschätzung der Originale hinaus, die von ihnen verbessert oder überhaupt erst dem Publikum zugänglich gemacht werden müssen, damit es sie versteht. Und das grundsätzlich in moderner Kleidung…

Jeder vernünftige Mensch fragt sich natürlich, ob „La Traviata“ ihre Geschichte nicht erzählt, wenn sie in der Belle Epoque verbleibt? Ist etwas schon verdächtig, weil es in der Vergangenheit spielt? Wo dann am Ende sogar die ganzen gezeigten sozialen Umstände stimmen? Aber nein, das Stück sei „voll verlogener Scheiße“, ließ Calixto Bieito wissen, und davon wollte er es „säubern“…

Und alle sind beteiligt – die Politiker (die keine Ahnung haben, was sie tun), die Operndirektoren (die „künstlerisch risikoreiche Produktionen“ liefern, damit sie nicht geprügelt werden), die Regisseure (die eine Masche finden à la Wilson oder Freyer und diese gnadenlos abziehen, was immer sie inszenieren) und natürlich auch die Journalisten, die bejubeln, was bei einem großen Teil des Publikums nur Kopfschütteln hervorruft. Schließlich müsse man ja, wie Alvis Hermanis nicht ohne Selbstironie erklärte, „den snobistischen Intellektuellen Stoff geben, ihre intellektuelle Akrobatik“ aufzuführen. Der Meinungsterror ist total, und die Autoren zeigen auch auf, die chancenlos es etwa für junge Sänger ist, sich gegen solche Konzepte zu wehren, wenn sie engagiert werden wollen.

Die Autoren wissen sehr gut Bescheid, haben unendlich vieles gelesen und analysiert und zitieren es zielgerichtet. Aber sie schwimmen gegen einen Strom, der so mächtig ist, dass er alles wegreißt – vor allem die Kritik. Der Beweis ist auch in dem Buch selbst zu sehen. Kein großer Verlag stellt das Thema zur Diskussion. Es muss ein kostbares Nischenunternehmen wie den „Apfel“ geben, betrieben von einem Opernenthusiasten, der weiß, dass manche Dinge gesagt werden, dokumentiert werden müssen, auch wenn man kein Geld damit verdient – und wahrscheinlich auch keine Lorbeeren damit erntet.

Zwar spricht, was die Cotrubas und ihr Mann schreiben, vielen Opernfreunden aus der Seele – aber es zielt ins Leere. Keiner von denen, die es angeht, mag so etwas lesen, jeder wird es mit einem Achselzucken abtun und wissen, dass die Rufer in der Wüste keine Chance haben gegen mächtige Netzwerke und noch mächtigere Clans von allmächtig gemachten Regisseuren und eifrig ins Horn stoßenden Feuilletonisten. Sie würden sich selbst preisgeben, gäben sie zu, was sie in ihrer selbstherrlichen Willkür da tun (und was alles als Zeitgeist ausgegeben wird – und wohl auch ist).

Wer sich dagegen stemmt, ist nichts als ein „Dinosaurer“. Selbst wenn eine Künstlerin zu dem Thema so viel Erfahrung, Integrität, kritischen Menschenverstand und brillante Argumentation anbieten kann wie Ileana Cotrubas…

Renate Wagner

PDF Download

Source URL: http://der-neue-merker.eu/cotrubas-ramin-die-manipulierte-oper