Der Neue Merker

COMO: GALA DELLA LIRICA

Como: GALA DELLA LIRICA – 24.11.2016

Wenn dies meine allererste Zufallsbegegnung mit der Oper gewesen wäre  –  hätte das wohl genügt, um sofort nach der nächsten Möglichkeit Ausschau zu halten, mehr von ihr zu hören und über sie zu erfahren. Ein Sopran, ein Mezzo, ein Tenor und ein Bariton, dazu eine Pianistin, boten Drama in Reinkultur. Jene Art von dramatisierter  Leidenschaft, die mittels Gesang über das normale Alltagsmaß hinauswächst und diese emotionalen Eruptionen zugleich veredelt und verständlich macht. Wenn schon von politischer Seite in Italien das Interessse daran immer mehr zu verkümmern scheint – nicht wissend, was dabei dem Land verloren geht, so gibt es immer noch und immer wieder Privatinitiativen von glühenden Opernfans. In diesem Fall die „Fondazione AMICI DELLA MUSICA CERNOBBIO“, die heuer ihr 50-jähriges Bestehen feiern und mit der Neunkirchner Sektion „AMICI DEL BELCANTO“ kooperieren. Der Besuch von 36 österreichischen  „Amici“ unter Leitung von Michael Tanzler und Elisabeth Marksteiner in Como war wohl der Hauptanlass für dieses Konzert im Teatro Sociale, das uns wieder einmal davon überzeugte, dass die Oper nur in Italien geboren werden konnte!

Die junge Pianistin Silvia Bellani schuf mit dem richtigen  Rhythmusgefühl und dem Sinn für kulminierendes Drama ebenso wie für effektvolle Übergänge in die lyrischen Ergüsse (oder umgekehrt) der verschiedenen Opernhelden und Heroinen die Basis für jede der konzentriert ausgelebten Konfliktsituationen. 8 Arien und 4 große Duette von Verdi, Puccini,  Cilea,  Ponchielli und Giordano rissen das Publikum ebenso mit wie die beiden Ausschnitte aus französischen Opern (Saint-Saens, Bizet).

Die beiden singenden Damen waren gleichermaßen im tiefen wie im hohen Register zuhause, mit dem kleinen Unterschied, dass die offiziell als Sopran auftretende Sardin Elena Lo Forte, wie etwa im Aida-Amneris-Duett,  etwas hellere Töne produzieren kann als die Mailänderin Alessandra Palomba. Explosiv singen sie beide, wo gefordert. Und nicht ungern hätte ich all diese kraftvollen Stimmen auch mit Orchester gehört, denn  Tenor und Bariton boten ebenfalls affektreich Lyrisches und Dramatisches.

Alessandra Palomba führte sich zu Beginn gleich als potente Mezzo-Rivalin (Fürstin von Bouillon) der Adriana Lecouvreur ein, verführte dann Samson mit der glaubwürdigen Versicherung „Mon coeur s’ouvre a tà voix“ und trieb Aida zur Verzweiflung mit der Todesbotschaft des Geliebten und zum Eingeständnis ihrer Gefühle für ihn. Elena Lo Forte beeindruckte mit der packenden Sterbe-Arie von Puccinis Manon Lescaut, kulminierend in einem fulminanten „Non voglio morir“, dem sie später als La Gioconda ihre verzweifelte Bereitschaft zum „Suicidio“ entgegen setzte.

Dario Di Vieta (aus Bari) brachte eingangs mit hellem Tenor Puccinis Sterne zum Leuchten (während es draußen schüttete) und machte mit schmerzlichem Unterton und glänzenden Höhen Riccardos Bereitschaft zum Ausdruck, auf Amelia zu verzichten.

      Nicht umsonst erwies sich der bekannteste Sängername des Abends als solcher gerechtfertigt. Alberto Gazale sang zum Einstieg eine überwältigende Macbeth-Arie. Er schaffte es, bei „Pietà, rispetto, amore“ mit männlicher Bestimmtheit  ebenso wie mit jenem  baritonalenWohlklang, der seine menschliche Einsicht in das lebenslängliche Fehlverhalten glaubwürdig macht, das gesamte Drama nicht nur von Shakespeares,  sondern auch von Verdis Gnaden einsichtig zu machen. Allein, wie er den mehrfach wiederholten Fluch („la bestemmia“) crescendieren und abschwellen und mit endlosem Atem in „la nenia tua sarà“ ausklingen ließ, das war schlichtweg meisterhaft und wurde mit einem Begeisterungsaufschrei des gesamten Publikums in der Sala Bianca des Theaters quittiert. Ein Weltklasse-Bariton, den wir uns in Wien gleich als nächste Macbeth-Variante wünschen würden…Die folgende Mordszene­ des Ehepaars Macbeth mit Elena Lo Forte wurde zu einem ebensolchen Erlebnis. Später brachte Gazale den seelischen Zwiespalt des Gérard aus „Andrea Chenier“ ergreifend zum Ausdruck. Das lange „Forza“ Duett „Invano Alvaro ti celasti al mondo“  gestalteten Tenor und Bariton bezwingend, mit allen Facetten der Lebensmüdigkeit, der Rachbegierde und des wieder aufflammenden Hasses. Und beim „Carmen“-Finale konnten Alessandra Palomba und Dario Di Vietri abermals ihre  Bühnenpräsenz unter Beweis stellen. Die Mezzosopranistin scheute sich nicht, sich vom Tenor zu Boden bringen zu lassen und er beendete neben ihr knieend effektvoll das fatale Drama.

 Man erklatschte sich noch von allen 4 Sängern eine Zugabe, deren letzte das tenorale „Vinceró!“ war. Dies wünschen wir uns alle für die größte aller theatralischen Kunstgattungen, die uns das Sängerland Italien geschenkt hat. Evviva!

Sieglinde Pfabigan

 

 

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