Der Neue Merker

COBURG: DIE STUMME SERENADE – Operette von Erich Wolfgang Korngold

COBURG: DIE STUMME SERENADE – Operette von Erich Wolfgang Korngold
am 4.4. 2017 (Werner Häußner)

Bei einem solchen Stück würden die Leute Barrie Kosky in Berlin die Bude einrennen. Es hat alles, was eine knackig groteske Operette braucht: Ein herrlich abgedrehtes Libretto, eine ironiegesättigte Handlung, fantastische Rollen für die Darsteller und vor allem eine glänzend ausgearbeitete Musik, charmant, melodisch, farbensprühend. Warum dieses Stück völlig unbekannt ist? Ein Rätsel, das sich nur mit Blick auf die Geschichte lösen lässt.

Erich Wolfgang Korngold hat also in der Tat eine Operette geschrieben. Er nennt „Die stumme Serenade“ eine „Komödie mit Musik“. Sie streift mit ausgedehnten Dialogen, revueartigen musikalischen Bildern und kessen Songs das Musical, bedient aber auch die Schemata der Wiener Operette. Die Genese des Librettos geht verschlungene Wege, beteiligt waren der Wiener Feuilletonist Raoul Auernheimer, der ungarische Erfolgsautor Victor Clement und nicht zuletzt Korngold selbst.

Zwischen 1946 und 1950 entstanden und eigentlich für den Broadway gedacht, erlebte „Die stumme Serenade“ ihre Uraufführung dennoch in Wien. Korngold selbst dirigierte sein Werk 1951 für Radio Wien. Szenisch erschien die Komödie erstmals 1954, nicht in einem der akklamierten Häuser, sondern in Dortmund – immerhin ein Theater mit einer respektablen Operettentradition. Es kam, wie es kommen musste: Die Kritik verriss das Werk komplett. Erst 2007 erschien es in München wieder, in einer Koproduktion des Bayerischen Staatsschauspiels und der Hochschule für Musik, blieb aber weiter unbeachtet.

Heute, da (hoffentlich) die Scheuklappen des musikalischen Material- und Entwicklungsdiktats fröhlich abgestreift sind, fällt das Auge kundiger Entdecker wieder auf solche vergessenen Schätze. Intendant Bodo Busse hat die Korngold-Trouvaille kurz vor seinem Abschied ans Staatstheater Saarbrücken nun am Landestheater Coburg herausgebracht. Aber Oberfranken ist leider nicht Berlin: Bei der besuchten Aufführung sprach Busse bei einer Ansage vor dem Vorhang von „201 Korngold-Fans“  im Zuschauerraum. Wo sind die früher so operettenbegeisterten Coburger geblieben?

Sie versäumen einen höchst kurzweiligen Abend, denn Regisseur Tobias Materna hat bei seiner dritten Coburger Operetten-Inszenierung nach „Im Weißen Rössl“ und „Ball im Savoy“ den Nerv des Stücks präzis getroffen: Er dosiert Ironie und Sentiment klug zurückhaltend, zügelt vordergründige Aktionen und entwickelt den Humor aus den Charakteren und der Situation. Zweideutiges wird gekonnt serviert, Übertreibungen sind so sparsam und zielgenau platziert, dass sie einen fast schon Brecht’schen Verfremdungseffekt erzielen. Und ob großes Kino oder Groteske en miniature – alles ist mit so leichter Hand geführt, so unbeschwert dahingeworfen, dass die Komödie niemals unterminiert wird.

Das ist eine heute selten gewordene Kunst, in Witz und Tollerei die Tiefe zu entdecken, aber nicht zu entblößen – getreu der Ansicht Paul Verlaines, der einmal gesagt haben soll, nichts sei so tief wie die Oberfläche. So geht Materna etwa mit politischen Anspielungen um: Der Ministerpräsident, der sich eine berühmte Schauspielerin als Vorzeigedame hält, ist bei Thorsten Köhler ein schnarrender, von sich selbst eingenommener kleiner Mann, komisch und gefährlich wie Offenbachs König Bobèche im „Blaubart“. Dass er Benedetto heißt und von seiner Dame einmal „Benito“ gerufen wird, ist kein Zufall: Ohne die Diktatur-Erfahrungen im nationalsozialistischen und faschistischen Europa wäre Korngolds Figur wohl kaum so prägnant. Köhler überformt diesen abgründigen Machthaber nicht als lustige Witzfigur, sondern entwickelt die manchmal beklemmende Komik aus der Rolle selbst. Das ist glaubwürdig und umwerfend treffsicher.

Das Coburger Team hat die „Stumme Serenade“ in die glamouröse Zeit des Films der späten vierziger Jahre verlegt: Jan Hendrick Neidert und Lorena Diaz Stephens erinnern auf der Bühne an Kinobauten und Broadway-Theater dieser Zeit. Ein wenig Filmset wird als Rahmen um die Handlung gesponnen und deutet die „Traumfabrik“ an, aus der die Handlung stammen könnte. Sie beginnt mit einem (erzählten) Coup: Ein starker Mann dringt nächtens in die Villa einer Filmdiva ein, trägt sie zum Fenster und küsst sie. Ein traumatisches Ereignis mit gewissem erotischem Prickeln.

Wer der Mann war, erfährt der Zuschauer nie – vielleicht war er auch nur geträumt? Aber was zu erfahren ist, klingt noch viel abseitiger: Ein Schneider schleicht sich in derselben Nacht in den Garten der Villa, um seiner unerreichbaren Angebeteten eine Serenade zu singen – ein Lied ohne Klang, denn er singt sie „stumm“. Und in der gleichen Nacht wird eine Bombe unters Bett des Ministerpräsidenten gelegt. Verwicklungen, Intrigen, Gericht, Todesurteil, Romanze: Am Ende einer köstlichen Kette schicksalhafter Unwahrscheinlichkeiten bekommt der Schneider seine Diva – und das Land einen Bombenleger zum Präsidenten.

Wenn der künstlerische Leiter eines Modesalons eine Hauptrolle spielt, ist für die Ausstatter ein Fest zu erwarten. Das Duo Neidert/Diaz Stephens lässt sich die Chance nicht entgehen. Schon das feenhaft transparente Nachtkleid der Signorina Silvia Lombardi ist ein süffisant an der Grenze der Übertreibung wallender Traum. Die Couture, mit der Anna Gütter angetan wird, entspricht ihrer Stimme: kostbar, fließend, geschmackvoll. Eine Sängerin, der die Operetten-Primadonna auf den eleganten Leib geschneidert ist. Der Schöpfer all dieser Finessen heißt im Stück Andrea Coclé und tritt in der besuchten Vorstellung gleich dreifach auf: Salomón Zulic del Canto darf wegen einer Stimmbandentzündung weder singen noch sprechen, spielt aber stumm (!) und wird in den Dialogen von Boris Stark, in den Gesangsnummern von Christian Sturm ergänzt. Eine ungeplante Groteske, die bestens zum Flair des Stücks passt.

Coburg hat ein Ensemble routinierter Operetten-Darsteller, deren Vorzug ist, nicht in Routine zu erstarren, sondern sie kreativ zu nutzen: Das Spiel wird so aller Schwere enthoben. Das trifft für den Reporter Borzalino (Dirk Mestmacher) zu, der am Ende seine kleine Pariserin, die entzückende Louise (Jelena Banković) bekommt. Das setzen aber auch Felix Rathgeber als gekonnt anpassungsfähiger Sicherheitsminister Caretto und Niklaus Scheibli in diversen kleineren Rollen um. In Kerstin Hanels Mimik und ihren psychologisch durchdachten Reaktionen spiegelt sich das komplette Arsenal an Emotionen, das die Kammerfrau einer kapriziösen Dame befallen kann.

Mit einem wunderlichen Glockenkleid, das nur so tut, als wolle es etwas verhüllen, tatsächlich aber alles offenbart, stöckelt Stephan Ignaz als strenge, liebeshungrige Geschäftsführerin Laura durch den Modesalon. Seine/ihre Heul-Nummer, ein Ur-Szene des komischen Genres, ist so geschickt konzipiert und so herrlich dosiert übertrieben, dass selbst das abgegriffene Motiv zur Überraschung gerät. Nicht zu vergessen sind die gekonnten Bewegungen der Mannequins (Stefanie Ernst, Eva Maria Fischer, Joanna Stark) und die kleinen, aber feinen Auftritte von Stephan Mertl und Manfred Völk. Die rege eingesetzten Statisten integrieren sich ausfalllos in das Konzept.

Roland Fister leitet das kleine Orchester, das mit nur acht Musikern eine erstaunliche Klang- und Farbfülle realisiert. Zwei Geigen und ein Cello bilden die Streichergruppe, Flöte und Klarinette steuern samtige, spritzige und glühende Farben bei, Klaviere und Celesta erinnern an Paul Abrahams Berliner Operetten und tragen den Sound, während das Schlagwerk vom romantisch unbestimmt schwingenden Ton des Vibraphons bis zum hart definierten Rhythmus-Coup eine vielfältige Klangpalette beiträgt. Man hört, warum die Musik, die Korngold geschrieben hat, so erfolgreiche Filmmusik werden konnte; man erfährt aber auch, wie gekonnt er zwischen Lehár und Lichtspiel, zwischen Schreker und Schlager seinen persönlichen Ton gefunden hat. Wieder ein Stück, das dringend nach der Wiederbelebung einer Weiterbelebung braucht!

Werner Häußner

Diese Seite drucken