Der Neue Merker

CLUJ/Rumänien / TEATRUL MAGHIAR : INTERFERENCES FESTIVAL

 CLUJ/ TEATRUL MAGHIAR : INTERFERENCES FESTIVAL vom 29.11. – 4.12.2016

Im siebenbürgischen Klausenburg (ungarisch: Koloszvár, rumänisch: Cluj) existiert trotz aller Rumänisierungsversuche immer noch eine große ungarische Minderheit, die u.a. auch ein Ungarisches Nationaltheater ihr eigen nennt.

Dessen Langzeitdirektor seit der Wende, Gábor Tompa (der z.B. auch in Kalifornien und in Südkorea unterrichtet), hat 2007 daselbst zusätzlich noch das Theaterfestival INTERFERENCES (Interferenzen) gegründet, das seither im 2-Jahresrythmus stattfindet. Und auch heuer wieder ein sehr interessantes, vielfältiges rumänisches und internationales Programm bot.

Am Anfang standen freilich einige Enttäuschungen. Das Moskauer Puschkin-Theater präsentierte seine Version von Shakespeares Mass für Mass“ in der Regie des englischen Regisseurs Declan Donnellan (Cheek by Jowl). DIe britische Tradition des aufwandlosen „Vom-Blatt-Spielens“ ist natürlich (besonders für Zuschauer aus dem deutschsprachigen Raum) immer wieder faszinierend, liess einen aber diesmal angesichts des an sich schon problematischen Stücks aufgrund der nahezu totalen Interpretationslosigkeit besonders ratlos und unbefriedigt zurúck.

Das andere Extrem der totalen Überinterpretation bot der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak, der diesmal den Elektrastoff (nach Äschylos, Sophokles und Euripides) seiner berüchtigten castorf-ähnlichen Dekonstruierungs-, Strudelteigmässig-in-die-Längeziehungs-(Spieldauer nie unter mindestens vier Stunden!) und Mit-Rockmusik-Überlagerungs-Masche zu unterziehen. Diesmal entblödete er sich ausserdem noch nicht, wie der Allmächtige per Mikrophon live ins Geschehen einzugreifen. Nahezu unerträglich. Die Hälfte des Publikums floh folgerichtigerweise in der Pause.

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„Nachtasyl“. Copyright: Interferences-Festival

Auf andere Weise unerträglich war die „Hausproduktion“ des Gorkischen „Nachtasyls“ durch den russischen Regisseur Yuri Kordonsky. Das russische Theater hat sich ja von den Langzeitfolgeschäden des „Reaktorunfalls“ Stanislawski(und vor allem von den Missberständnissen seiner Methode) bis heute nicht erholt, und diese Inszenierung war ein schlagendes Beispiel dafür. Grauenhafter, forciert hässlicher Elends-Naturalismus bis zum Geht-nicht-mehr, wohlbestallte Staatstheaterschauspielbeamte, die sich darin suhlen, endlich einmal – quasi wie im Fasching – obdachlose Alkoholiker-Sandler zu markieren…Ekelhaftest.

Und nun zu den positiven Erlebnissen bei diesem Festival.

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Der gute Mensch von Sezchuan“. Copyright: Interferences-Festival

Sehr interessant und ungewöhnlich war z.B. der Vergleich zwischen zwei Aufführungen des „Guten Menschen von Sezchuan“ von Bert Brecht: der vom ungarischen Vigshinház- und der vom rumänischen Bulandra-Theater.

Man glaubt es kaum, wie unterschiedlich die Ansätze bei so einem doch weidlich bekannten Klassiker sein …und vor allem wie sehr sie – wenn auch komplett verschieden – doch gleich gültig und gleich berechtigt sein können.

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Der gute Mensch von Sezchuan“. Copyright: Interferences-Festival

Den Vogel schoss aber dann doch – in der Meinung Ihres Rezensenten (aber auch aller seiner Kollegen) – Altmeister Andrei Serban ab, weil er sich am kühnsten und am weitesten von Brechtrezeptionsgemeinplätzen entfernte. Von wegen Epischem Theater, von wegen Lehrstück. Serban zieht die ziemlich in die Jahre gekommene Kitsch-Parabel gnadenlos über den Boulevard, ja über den Broadway und macht sozusagen ein grelles Puff-Musical daraus. Das ist extrem erfrischend, vergnüglich und unterhaltsam, weil dadurch auch der einem bisher doch eher entgangene Brechtsche Humor überraschenderweise gut zur Geltung kommt. Grossartig.

Den absoluten Höhepunkt des diesjährigen Interferences – Festivals stellte jedoch der Auftritt der südkoreanischen Performerin Jaram Lee dar. SIe widmet sich seit ihrem 4. Lebensjahr der traditionellen koreanischen Kunstform des Pansori – einer archaischen, sich aus schamanistischen Quellen speisenden Form des tänzerischen Erzählens mit Musikbegleitung(klassischerweise nur mit der grossen Trommel Buk, bei Lee auch mit Gitarre).

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Performerin Jarem Lee.  Copyright: Interferences-Festival

Denn das Besondere an Lee ist, dass sie – wie ganz wenige Asiaten – diesen orthodoxen Kodex respektvoll, aber eigensinnig kreativ in die Gegenwart hinein weiterentwickelt.

Vor ein paar Jahren hatte sie sich hier in Cluj auch des Guten Menschen angenommen, diesmal zeigte sie unter dem Titel „Stranger’s Song“ ihre Adaption der Novelle „Bon Voyage, Mr. President“ von Gabriel García Marquez.

Und es war schier unglaublich, wieviel Töne, wieviel Gesten, wieviele Charaktere dieses zierliche, auf den ersten Blick fast unscheinbare Persönchen im Alleingang und scheinbar völlig mühelos aus ihrem zarten Körper hervorzuzaubern wusste…und dadurch quasi im Vorübergehen den rassistischen Vorurteil, dass Asiaten nicht fähig wären, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen , ein für alle Mal Lügen strafte. Atemberaubend !

 Robert Quitta, Cluj

 

 

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