Der Neue Merker

CLAUDE DEBUSSY: PÉLLEAS et MÉLISANDE – Sir Simon Rattle, LSO 3 SACD hybrid, 1 pure audio Blu-ray Disc

CLAUDE DEBUSSY: PÉLLEAS et MÉLISANDE – Sir Simon Rattle, LSO 3 SACD hybrid, 1 pure audio Blu-ray Disc

Eine rundum gelungene live Einspielung aus dem Barbican, London Jänner 2016

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Alle Sterne stürzen nieder, Auf dich und mich! Maeterlinc 

Sir Simon Rattle und Debussy sind wohl eine Herzensangelegenheit, bei der die so „Angebetete“ ausnahmsweise mal die Huld dankbar angenommen und entgegnet hat. So dirigierte Rattle vor allem immer wieder Pélleas et Mélisande. In Berlin gab es eine halbszenische Darbietung einer Produktion der Salzburger Osterfestspiele 2006.ŽIm April 2008 debütierte Rattle mit Pélleas et Mélisande an der Staatsoper Unter den Linden. 2015 dirigierte er vier halbszenische Aufführungen in der Berliner Philharmonie, einfühlsam inszeniert von Peter Sellars. Letzterer hatte gemeinsam mit Rattle schon 2010 Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion und 2014 die Johannes-Passion räumlich auf die Philharmonie zugeschnitten in schöne Bilder gekleidet und damit ein ähnliches Konzept mit Zuspruch des Publikums erprobt.

Auf die Berliner Philharmoniker folgte im Jänner 2016 das London Symphony Orchestra. Am 9. und 10. Jänner 2016 leitete Sir Simon Rattle als Übernahme aus Berlin zwei halbkonzertante Abende im Londoner Barbican Center, die Besetzung deckte sich weitestgehend mit derjenigen aus Berliner. Hiervon liegt nun ein audiophiler Audio-Mitschnitt auf SACD vor, als besonderes Zuckerl für Klangfreaks ist eine pure audio Blu-ray Disc zugepackt. 

Rattles Deutung der klanglich impressionistischen, dunkel verführerischen und emotional verstörenden Oper Debussys zählt für mich neben den Aufnahmen Ansermets, Karajans und Abbados zu den eindringlichsten und konzeptuell geschlossensten. Magdalena Kožená und Christian Gerhaher in den Titelpartien sind schlichtweg Idealbesetzungen. Der kanadische Bassbariton Gerald Finley singt Golaud so stimmgewaltig, bedrohlich und dennoch gebrochen wie dies einst George London tat, während Bernarda Fink als Geneviève und Franz-Josef Selig als König das Prachtensemble gediegen vervollständigen.

Das London Symphony Orchestra folgt den Intentionen seines künftigen Chefs auf Punkt und Beistrich und vermag diese traurig morbide Geschichte in gefährlich hypnotisierenden Klang zu gießen. Debussy wollte das Orchester als den Wald hören, in dem die Oper spielt. Daher unterschied sich auch die Orchesteraufstellung mit Holz und Bläsern rundum grundlegend von herkömmlichen Sets. Das kommt atmosphärisch dialogisch auch der Aufnahme zugute. Vielleicht klingen die Streicher bei den Berliner Freunden flirrender und mystischer, die kammermusikalische Intensität, das frappierend Klangmalerische überzeugt jedenfalls hier wie dort.

Nicht auszuschließen ist, dass das Eigenlabel der Berliner Philharmoniker, die Berliner Philharmoniker Recordings, noch die filmische Version publizieren, für all diejenigen, die Sellars Version auch optisch mitverfolgen wollen.

Vorerst einmal überzeugt LSO Live nicht nur künstlerisch, sondern bietet das Set mit 3 SACDs und der pure audio Blu-ray Disc insgesamt zum Preis einer einzigen CD auch besonders preiswert an. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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